Das Märchen vom kleinen hässlichen Text (aus dem Dänischen übersetzt)

Es war einmal vor gar nicht allzu langer Zeit ein furchtbar hässlicher kleiner Text, den niemand beachtete, geschweige denn lesen wollte. Einmal ausgedruckt in Schriftart Times New Roman, dann aber abgelegt wie einen alten Hut, dauerte der Text sich ob der Vernachlässigung durch den, der ihn in der unbestimmten Hoffnung, ein Autor von Talent zu sein, verfasst hatte. Und, um bei der Wahrheit zu bleiben, war er in der Tat ein sehr hässlicher kleiner Text. Die Figuren darin waren holzschnittartig und ohne jede Tiefe, der Plot hatte mehr Logiklöcher als junger Gouda und die Sprache war von bemitleidenswerter Armut. All die anderen Texte, wie der eitle „Krieg und Frieden“, der hochmütige „Zauberberg“ oder der besserwisserische „Mann ohne Eigenschaften“, in ihren edlen Einbänden aus Leder, ebenso die biestigen kleinen Gedichte etwa über Glocken, Panther oder Radwechsel in ihren hübsch gemachten Geschenkanthologien, belächelten ihn im günstigsten Fall, verhöhnten ihn aber zumeist von ihrem saturierten Platz aus, ganz oben im Regal im Kolonialstil. Ja selbst die paar Soft-Cover-Krimis und Fantasyromane, die sich auf einem der unteren Fächer des Regals oder auf anderer freier Fläche fanden, rümpften noch ihre Nasen. Sie hatten Lektüre erfahren, zumeist zwar nur das eine Mal im Urlaub oder schlafloser Nacht. Dem hässlichen kleinen Text wurde aber sogar das verweigert. Er wollte zwar natürlich auch gelesen werden, aber am meisten verlangte es ihn, zu denen da oben im Regal zu gehören. Nein, er verblieb in der Ablage auf dem Tisch, ungelesen, ungebunden, unkorrigiert, nackt. Irgendwann würde er einfach entsorgt, als Füllmaterial für Umzugkartons enden oder zur Unterlage in Vogelkäfigen oder Mülleimern mißbraucht werden. Langsam aber sicher schwand seine Hoffnung. So verlassen und ungeschützt begann das Papier, zu vergilben. Immer mehr verblassten Worte und Sätze, bis eines Tages der kleine hässliche Text zu Unentzifferbarkeit geworden, und also besser nie geschrieben worden wäre; denn wo kein Leser, da fehlt sein Grund.
Doch eines Tages, als er schon nicht mehr daran glaubte, kam ein Verleger zufällig des Weges, wurde seiner ansichtig und war voller Mitleid. Und so kam es, dass der kleine hässliche Text, gerade rechtzeitig zu den großen Buchmessen im Herbst, veröffentlicht wurde und, mithilfe geschickten Marketings zum Bestseller in Millionenauflage avancierte und heute unter dem Namen „Shades of grey“ sehr bekannt und beliebt ist. Auf das Regal im Kolonialstil hat es der kleine hässliche Text zwar bislang noch nicht geschafft, dabei aber zum Beispiel unter manchem Kopfkissen einen viel angenehmeren Platz gefunden. Ob er auch gelesen wurde, erzählt das Märchen nicht.

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15 Gedanken zu “Das Märchen vom kleinen hässlichen Text (aus dem Dänischen übersetzt)

  1. Bravo! Ich war ja bis zum Ende Ihres gar ansehnlichen Textes flitzebogig gespannt, welcher Text so häßlich sein könnte, daß er es schon wieder wert wäre, einen eigenen Text spendiert zu bekommen. Und ich kann Ihnen nur zu dieser Wahl gratulieren. Gelesen habe ich dieses Machwerk nicht, ich glaube beim fünften gleich langweilig beschriebenen Gertenhieb flog es in die Tonne. Eines der wenigen Papierwerke, die ich vermochte, zu verklappen. Nochmals bravo, Herr Hund. Herzlichst, Ihre Frau Knobloch.

      • Ich weiß es nicht mehr, Verehrtester. Ich habe mir die Erinnerung erfolgreich aus dem Kopf geschlagen. Tat nicht mal weh. Schlagstock für den Nachschlag?

      • Nein, ich denke, ich schließe das Kapitel ab. Eine Weiterbeschäftigung mit dem Thema würde mich aus dem Märchen hinaus- und in schwere körperliche Folgeschäden hineinführen. Und ob dann Humor noch ein brauchbares Mittel wäre?

      • Humor ist das einzigst brauchbare Gegenmittel bei unschlagbarer Langweiligkeit. Wie sonst könnte man einschlägigen körperlichen Züchtigungen, wie zum Beispiel Schlager entgegentreten? Humor ist da kurioserweise tatsächlich ein Totschlagargument und die Helenen und Floriane dieser Welt schweigen endlich fein still. Pardöngsche, ich trifftete ab…

      • Nun ist Humor nicht einfach ein körperlicher Reflex, sondern eine bewußte Entscheidung und setzt -besonders in seinen besten Momenten- Überlegung und Urteilskraft voraus. (Den Mutterwitz, den mancher in die Wiege gelegt bekommen hat, nehme ich für meinen Fall aus. Meine Wiege war sehr klein und voller anderer Dinge) Jedenfalls bin ich auf aktive Mitarbeit meines Gehirns angewiesen (nicht immer einfach), damit es lustig wird. Was aber, wenn das Gehirn sich ob so großen Widersinns wie der von Ihnen angesprochenen Tatbestände ERWEICHEN lässt oder aus Selbsterhaltungstrieb gleich flüchtet in Gotterbarmdichmeiner-Religiosität. Da ist kein Humor mehr. Da ist nur noch rennen und sich einbuddeln.

      • Halt, warten Sie! Nicht einbuddeln! Ich badete von je her, als Kleinschiß quasi schon in Mutterwitz. ich packe Ihnen eine Schippe voll rüber…
        Natürlich brauchen Sie die beschriebenen Untattatbestände Ihrem sensiblen Gehirn nicht neuerlich antun. Folter der schlümpsten Art wäre das in meinen Augen. Das hätten Sie ja wohl nicht verdient, so als Märchenerzähler. Schippchendrauflegende Grüße, Ihre Frau Knobloch.

      • Da haben wir aus solch‘ Material doch sehr schönlustige Zwiesprache herausquetschen können. Man ist immer wieder erstaunt. Vielen Dank dafür und für die Schippe Mutterwitz. Die teile ich mir ein.

      • So war der graue Mist wenigstens für eine famose Unterhaltung gut. Primarös. Und wenn Sie mal Nachschub brauchen…ich habe Knoblochhumor tatsächlich gehortet. Allerdings fand ich den Hund’schen Humor bis dato recht unterhaltsam. Paßt! Ihre K&K, herzlichst.

  2. Eine Rezension aus anderer Sicht und Art. Vielen dank. Ich habe die Bücher nie gelesen und werde es auch nicht tun.

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