Es kann wieder alles gesagt werden, Goethe sei Dank.

Wie Reto Heintz, Pressesprecher der Sonderkommission „Goethe“, vor etwa einer Stunde mitteilte, konnte der Serientäter, der seit mehr als 7 Jahren im gesamten deutschen Sprachraum Schrecken und Angst verbreitete, endlich zur Strecke gebracht werden. Der unter dem Namen „Der Lektor“ berühmt-berüchtigte Täter, hinter dem die Öffentlichkeit noch vor kurzem einen erfolglosen und talentfreien Blogger und Hundeliebhaber vermutete, ging der Polizei jetzt bei einer Routinekontrolle in einer Leihbücherei ins Netz. Er leistete bei seiner Festnahme keinerlei Widerstand. Über seine wahre Identität schwieg sich der Sprecher aus. „Das ist kein letzter Racheakt des als „Lektor“ bekannten Täters, ich kann und darf Ihnen zu diesem Zeitpunkt, da die Beweisaufnahme noch nicht beendet ist, keine Auskunft über seine wahre Identität geben. Ich kann Ihnen aber sagen, dass wir alle aus Erleichterung, dass der Lektor endlich dingfest gemacht werden konnte, sprachlos sind und nicht, weil es weiterhin in seiner Macht stehen würde.“, so Heintz.

2007 begann, so weit bekannt, die Serie von Morden und Verstümmelungen an Texten aller Art. Als damals im Landkreis Lüdenscheid aus Lokalnachrichten und Wochenblättern einzelne Buchstaben und kleinere Worte verschwanden, vermutete man noch Schlampigkeit bei den Zeitungen. Als aber kurz darauf aus Lesefibeln einer Grundschule in Verdol ganze Sätze verschwunden waren, vermutete die Polizei zumindest in diesem Fall, von einem Verbrechen auszugehen zu müssen, von schwerem Diebstahl, ohne aber einer handfesten Spur folgen zu können. Jedenfalls hatte der Verlust der Sätze zur Folge, dass die gesamte Klasse 1a der betroffenen Grundschule wegen schlechter Noten im Lesen das Jahr wiederholen musste. Eine weitere Zuspitzung gab es im darauffolgenden Jahr, als innerhalb kürzester Zeit die Bürgermeister dreier kleinerer Ortschaften bei Veranstaltungen der Gemeinde nicht mehr in der Lage waren, ihre Rede fortzusetzen, weil ganze Passagen einfach fehlten. Was neu war, war weniger der Verlust der Passagen an sich, als vielmehr, dass es sich dabei nicht mehr nur um den Diebstahl von geschriebenem oder gedrucktem Text handelte wie in den Fällen zuvor, sondern dass den Stadtoberen beim Vortrag der einstudierten Rede die Worte einfach nicht präsent waren, nicht als ob sie diese vergessen, sondern als ob diese nie existiert hätten. Das war eine neue Dimension. Aber auch zu diesem Zeitpunkt ging die Polizei noch von unzusammenhängenden Einzelfällen aus, die lokal begrenzt waren. Und auch dass es nur um Diebstahl, wenn auch schweren, ging, nahm die Polizei bis zu diesem Zeitpunkt an.

Bis im Herbst 2009 Spaziergänger in einem Wald südlich von Lüdenscheid die Überreste eines übel zugerichteten Textes fanden, den die Polizei wenig später als die Seminararbeit des damaligen Germanistikstudenten Karl W. rekonstruieren konnten. Nach dieser Entdeckung wurde das Gebiet weiträumig durchsucht, aber außer ein paar Vokalen und Konsonanten wurden keine weiteren Textkörperteile gefunden. Das Erschreckende war jetzt, wie sich einige Zeit später herausstellte, die Erkenntnis, dass einige dieser Buchstaben nicht zu der gefundenen Seminararbeit passen konnten, also folglich  zu anderen Texten gehören mussten. Einer der Buchstaben, der große Ähnlichkeit im Stil hatte mit einem anderen Buchstaben aus einer der verstümmelten Lokalnachrichten, die bereits 2007 Opfer eines Verbrechens wurden, brachte die Polizei nun endlich zu der Erkenntnis, dass hier ein Zusammenhang bestand und man es mit einem Serientäter zu tun haben könnte. Ab da übernahm die Kripo Lüdenscheid die Ermittlungen und bildete die Sonderkommission „Goethe“ unter der Leitung von Hauptkommissar Peter Schnabel. Wegen der spärlichen Beweislage, gingen die Ermittlungen in alle Richtungen. Vorbestrafte Autoren, Drucker, Journalisten und überhaupt Personen, die ein gestörtes Verhältnis zur deutschen Sprache haben könnten, wurden vernommen, ohne Ergebnis. Der wahre Täter blieb weiter im Dunklen.

In der Zwischenzeit gab es weitere Opfer. Und die Verbrechen blieben jetzt nicht  nur auf die unmittelbare Umgebung von Lüdenscheid begrenzt, was die Ermittlungen umso mehr erschwerten. Prominentester Fall war die fehlgeschlagene Hochzeit zweier Adelshäuser im Jahre 2010, als der badischen Braut im entscheidenden Moment die wichtigen Worte nicht über die Lippen kamen. Diese Worte oder das, was von ihnen übrigblieb, wurden später in einem Keller eines alten Fabrikgebäudes gefunden. Doch auch in diesem Fall ergaben sich keine brauchbaren Hinweise. Nur stellte der Brautvater zur Ergreifung des Täters eine ansehnliche Summe in Aussicht, was sich in der Folge auf die Polizeiarbeit eher negativ auswirkte. Im gleichen Jahr, einen Monat später betraf es wahrscheinlich einen ziemlich guten Text eines Bloggers unter dem Titel „Prosa im Maßstab 1 : 1“, von dem aber nur ein paar Satzzeichen überleben konnten. Dem Autor gelang es später lediglich, einen Satz daraus zu rekonstruieren. Der Erfolg blieb dabei aus und der damalige Autor arbeitet heute in einer Autorwaschanlage.

Ein Profil des Täters zu erstellen, blieb schwierig. Er schien seine Opfer wahllos auszusuchen. Buchstaben, einfache Worte, ganze Sätze oder komplette Texte, gedruckt oder bloß gemerkt, alles fand sich. Offensichtlich hatte der Täter aber einen großen Hass auf alles, was es in Textform geben konnte. Und die Abstände zwischen den Morden wurden immer kürzer. Besonderes Ziel der Morde blieben aber Leihbüchereien und Buchhandlungen. Es gab Verlage, die mit erheblichen Umsatzeinbrüchen zu kämpfen hatten, weil in den Geschäften von ihren Bestsellern nur leere Seiten übrigblieben. Das Stadttheater in Lübeck musste sein Programm für 2010/2011 neu einstudieren, weil nahezu das komplette Repertoire an Stücken in einer einzigen Nacht im mai 2010 dem Lektor zum Opfer fiel. Ab 2010 verließen alle, die irgendwie mit Texten zu tun hatten, in Scharen das Land. Es wurde stiller in Deutschland, dem Land der Dichter und Denker. Immer ängstlicher hielten die Menschen ihre Worte zurück, um ja nicht dem Lektor in die Hände zu fallen. 2010 wurde zum ersten Mal auf die Neujahrsansprache des Staatsoberhauptes verzichtet. Das blieb drei weitere Jahre so. Die großen Buchmessen in Leipzig und Frankfurt waren besonders gefährdet und blieben deshalb bis auf Weiteres geschlossen.

Doch heute, eher durch Zufall als gute Ermittlungsarbeit, konnte der Lektor in einer der letzten offenen Leihbüchereien des Landes gefasst werden. Die Sprache kann jetzt wieder, denke ich, ruhiger……ruhiger……ruhiger……was wollte ich sagen? Oh Gott!

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9 Gedanken zu “Es kann wieder alles gesagt werden, Goethe sei Dank.

    • Vielleicht habe ich kokettiert mit meiner Humorlosigkeit, zugegeben…und will dennoch mich gleich weiter in den Verdacht setzen, kokett zu sein, wenn ich behaupte, dass „Der Lektor“ zur Gänze bei Menschen wie mir gewütet hat, als bei solchen wie Ihnen…Trotzdem, es freut mich für Ihr Zwerchfell.

      • Mein Zwerchfell jubiliert schon wieder, verehrtester Humorkoketthund. Autorwaschanlage! Habe ich gestern totalst überlesen. Danke, Sie sehen mich erneut angemessen über der Tastatur zusammenbrechen…

  1. Bei mir war er auch. Der Verstümmler. Sogar hier im Kommentar. Er hatte ursprünglich 10.000 Worte. Sieh mal, was davon übrig geblieben ist. Manche Sätze ergeben n… il.. fss. ssss . Arrrrrgh. DA IST ER!

    *flüchte*

  2. Pingback: Trailer: Lektor II – jetzt wird korrigiert | hundstrüffel

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