VII. Marcels nackige Wochen – erster kurzer Durchhänger

Vor zwei Tagen ließ Marcel die Hüllen fallen. Die eine Hülle. Für zwei Wochen ist er nackt. Ist also schon wieder ein Jahr vorbei? Mit Beginn der großen Hitze entledigt mein Trüffelkompagnon, der auch Poet ist, sich regelmäßig seines Jackets. Mehr hat er sonst auch nicht an. Mehr braucht er nicht. Ab und zu, zu besonderen Anlässen, trägt er eine rote Pudelmütze. Ansonsten ist er sich, was Textilien angeht, selbst genug. Und wenn er nun so seine sprichwörtliche Eleganz abgestreift hat, wird er ein wenig schlingelig. Seinem Nilpferd gefällt das, mich amüsiert es, nur der gelegentliche Begleiter, der ansonsten selbst kein Kind von Traurigkeit ist, schweigt. Er ist in Trauer und schmollt. Wir konnten ihm kein Flugticket nach Brasilien beschaffen. Das legt sich. Im Moment allerdings locken ihn nicht einmal Marcels Beckentänze aus seiner Höhle hervor. Wir denken, spätestens Donnerstag 22 Uhr mitteleuropäische Zeit, wenn die kroatische Nationalhymne erklingt, wird er sich rühren. Mehr als das. Dann wird sein Schmollen ein Ende haben und das Tollen beginnen. Rund um die Uhr, sieben Tage die Woche, bis Mitte Juli.

Und in solchen Momenten, wenn Marcel mit den Hüften kreist und unser gelegentlicher Begleiter unser Zuhause zu einem Tollhaus macht, ich gestehe es zu meiner Schande, wünsche ich mich auf eine einsame Insel. Das sind allerdings nur kleinste Bruchteile einer Sekunde, denn gleich darauf, die Insel vergessen (und auch die Suche nach Trüffeln) tolle ich mit. Wir alle tollen. Vielleicht wird es sogar noch ein wenig wärmer. Dann, kann sein, vergesse ich alle überflüssige Reserviertheit und schließe mich den Nacktwochen an, nur noch bekleidet mit einer roten Pudelmütze….aber das bliebe unser Geheimnis.

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7 Gedanken zu “VII. Marcels nackige Wochen – erster kurzer Durchhänger

    • Verstehe mich zwar durchaus zur Balance auf einem hohen Seil etwa, aber es hat auch was, zu schaukeln, ganz weit hoch hinaus, rechts, links, rechts, links, rechts, links in kindliche Extreme, denn ich hoffe fest, es reißen nicht die Ketten (die ungerüsteten). Und Balance macht ja auch nur Sinn, solange das Seil, der Ast, nicht reißen, nicht brechen. Im Fall durch die Luft nützt einem Balance ziemlich wenig.
      Es ist drei Uhr und ich gebe zu bedenken, dass man mitten in der Nacht anders denkt und Anderes schreibt womöglich.
      Aber Sie haben natürlich recht, die Insel halte ich mir in petto.

      • Lieber Herr Hund, mich deucht, Sie halten auch mittennachtig prächtig die Balance bei der Silbenseiltanzerey. Sicher hangeln Sie sich über Plattitüdentäler und Floskelfelsen. Bravo! Für den Notfall lasse ich Ihnen mal eine Balancierstange da, man weiß ja nie wie dünn das Seil gewirkt, auf dem die nächsten Tage getolltobt wird. Herzliche Grüße, Ihre Frau Knobloch.

  1. Pingback: XVI. Kleine Katzen, große, Wildschweine und ein Lied gesummt. | hundstrüffel

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