Quadratur kleiner Kreise

Eine Tür, ein Zug auf Gleis 14, eine Postkarte. Oder nur einfach der Wecker, der am Morgen klingelt. Eine Auswahl alltäglicher Wirklichkeiten, nicht alle Wirklichkeiten. Nicht das ganze Leben im Überblick. Niemals in Worte zu fassen und auch nicht, dass es sich im Bruchteil einer Sekunde vor dem inneren Auge abspielt, kurz bevor man…na ja und wenn auch. Wichtiger und mir einen Gedanken wert, es spielt sich (höchstwahrscheinlich) auch nicht zu Beginn des Lebens auf einer Leinwand vor einem ab. Codierung hin oder her, man hat keinen blassen Schimmer, was einen alles erwartet.

Ich stehe vor der Tür, wie ich hingekommen bin, bleibt dahingestellt. Sie ist da, geschlossen, verschlossen oder nichts von beidem, also offen. Ich könnte hindurchtreten oder nicht. Etwas in dem Raum dahinter ist von Interesse für mich. Oder es gibt andere Gründe und Motive, dass ich in diesen Raum will. Ist es überhaupt ein Raum? Ist es nicht vielleicht ein Ausgang und ich möchte ins Freie? Vielleicht bleibe ich stehen, gehe nicht durch diese Tür. Ganz gleich, was ich vorfinde, was ich vorhabe, ob ich durchgehe oder stehenbleibe, ich weiß nie, was als nächstes passiert. Jede Wirklichkeit zieht einen Schwarm von Möglichkeiten nach sich. Entscheide ich mich für eine und diese wird zur Wirklichkeit, sind es neue Möglichkeiten, die mich bedrängen und hinter der Tür, vor der ich stehe, ist wiederum eine weitere Tür. Der ganze Raum ist voller Türen. Nur Zurück ist keine Option.

Was erwartet mich? Ich weiß es nicht. Werde es niemals wissen.

Der Zug fährt ab. „Türen schließen. Bitte alle einsteigen!“ Bin ich gemeint? Wenn ich nur jemanden abholen wollte, was dann? Keiner aber, der mir mit offenen Armen entgegenläuft. Wenn ich einsteige, wo steige ich aus? Ist das Ankunft oder ein weiteres Bahngleis in einer weiteren Stadt? Habe ich Gepäck, was nehme ich mit? Für eine Reise, die wie lang ist? Komme ich wieder? Wie würde sich dann alles verändert haben? Nach einer Woche, einem Jahr oder einem Leben? Er fährt jetzt ab. Und jeden Moment jetzt läuft die Zeit ab. Um „voranzukommen“ von einer Wirklichkeit zur nächsten. Zum nächsten Jetzt, gleich. Dem Netz an Wegen, den drängenden Läufen der Zeit, meine und die jedes anderen (auch die desjenigen, der ich hätte sein können, wenn..) unüberschaubar endlos sich verstrickend, ist mein Weg, meine Zeit hinein gewoben, ohne dass ich den einen Lebensfaden erkennen könnte.

Ab hier nur Fragen. Bis hierhin nur Antworten, die nichts mehr gelten.

Doch wenn mir die ganze Zukunft offenbart würde, wäre ich dann noch frei?

Wenn eines meiner zukünftigen Ichs mir, der ich noch im Jetzt vor der Tür oder auf dem Bahnsteig stehe, eine Postkarte würde zukommen lassen können, „So wird es für dich sein, Liebe Grüße, Ich.“, wäre dennoch nur eine der endlos vielen Möglichkeiten mir offenbart. Und wie wäre mir da geholfen? Würde ich diese eine wählen? Wäre da überhaupt noch eine Wahl, wenn ich mich an den Plan meines zukünftigen Ichs würde halten müssen, das in diesem Jetzt ja nur eine Möglichkeit darstellt, eine von vielen?

Es nur für geringfügige Entscheidungen herauszufinden, wohin sie einen führen, welche Möglichkeiten sich eröffnen, ist eine Quadratur eines zahlloser kleiner Kreise jedesmal. Unmöglich.

Eines ist aber sicher. Bis auf das eine Mal müssen wir jeden Tag auf’s Neue aufstehen und uns unserer Freiheit stellen. Ob wir nun darauf warten, dass der Wecker klingelt oder nicht.

 

 

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2 Gedanken zu “Quadratur kleiner Kreise

  1. Herr Hund, Sie sind mir für heute ein ganz besonders erfreulicher Fund. Ich schmunzel mich jetzt in den Schlaf. Küsschen und Schläge. Die Katze vom heißen Blechdach.

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