Schlechter Stoff.

Eigentlich hatte ich es im Griff. Harmlose Schulaufsätze über die großen Ferien, niemals ein Tagebuch, wenn Texte dann Fix & Foxi. Das ging nie über das normale Maß hinaus. Mein Gott, diese Selbsttäuschung. Doch ich war jung und dumm. Selbst anderen schien nie etwas aufgefallen zu sein. Ich kann mich nicht erinnern, dass etwa nur einer meiner Deutschlehrer einmal mit meinen Eltern über das Problem gesprochen hätte. Ich wurde älter und was anfangs nur wie eine Lausbuberei erschien wurde zunehmend zu einem Problem. Es blieb nicht mehr nur bei Fix & Foxi. Über Micky Maus, Asterix & Obelix, dem üblen Batman und später noch MAD kam ich zuletzt zur ernsten Literatur, zwischenzeitlich auch diverse Tageszeitungen und einmal sogar den Spiegel. Immer mehr und immer härter musste die Literatur sein. Dunkle Leihbüchereien wurden nun zu meinem zweiten Zuhause. Ich hatte mir etwas vorgemacht, dieses Kribbeln beim Lesen heruntergespielt. Es war mir auf einmal klar: ich war textsüchtig. Noch führte das allerdings nicht zur Ausgrenzung. Denn noch hatte ich meinen Büchereiausweis. Und noch war ich fähig, die Fassade der Normalität aufrechtzuerhalten. Ich begann ein Studium der Literaturwissenschaften, aber damit begann erst recht, wenn auch langsam, doch dafür umso stetiger, mein gesellschaftlicher Niedergang. Denn wenn ich auch mehr und mehr Texte konsumierte, so konnte ich sie doch körperlich und geistig immer weniger verarbeiten. Meinen ersten Fall-Out hatte ich bei einer Hausarbeit über Goethes Aufenthalt in Lüdenscheid. Und das mit erst 22 Jahren. Zu diesem Thema fiel ich in einen Textrausch, der mich an den Rand der Selbsterkenntnis brachte. Ich verschlang innerhalb von nur einer Woche nicht nur das Gesamtwerk des Dichterfürsten, sondern verleibte mir auch alles, was ich über die Stadtgeschichte von Lüdenscheid in Erfahrung bringen konnte, innerhalb kürzester Zeit ein. Das wenig überraschende Ergebnis meiner Gier aber war: die Hausarbeit wurde nie geschrieben. Ich las, verfasste unzählige Exterpte und Brevarien, doch blieb ich unfähig, auch nur eine Zeile eigener Gedanken zu verfassen. Das blieb kein Einzelfall. Und weil die Universität sich mit den Abschriften, wie ich sie verfasste, nicht zufriedengeben wollte, wurde ich der Universität verwiesen und damit meiner Bezugsquellen beraubt; ich landete auf der Strasse. Und mit mir meine Sucht. Ich las weiter. Mir war mittlerweile jeder Text recht, den ich in die Finger bekam. Ich konnte stundenlang in einer Telefonzelle ausharren und die Telefonbücher lesen. Oder unter irgend einem Vorwand Arztpraxen aufsuchen um im Wartezimmer die ausgelegten Apothekerzeitschriften und GEO-Magazine nach und nach zu zerfleddern. Pizzaflyer, Kassenbons, den Playboy, alles war mir recht. Bilder interessierten mich nicht. Ich war nur auf den Text scharf. Menschlicher Kontakt Fehlanzeige. Allerdings kam es noch schlimmer. Meine Sucht gewann eine neue Dimension hinzu. Ich verfiel dem Schreiben und fing an, selber Texte zu verfassen, die ich mir dann selbst vorlas. Es waren, wie ich bereits anzudeuten versuchte, keine eigenen Gedanken dabei. Im Grunde schrieb ich also ab, zitierte und zitierte wieder. Ich hätte Briefe schreiben können, doch an wen mein sozialer Kontakt ging ja gegen null. Dann waren Jahre vergangen, das Lesen hatte ich hinter mich gebracht. Das Schreiben hatte es als Sucht abgelöst. Aber da ich nicht mehr las und auch nicht am Leben teilnahm, wurden die Texte immer dürftiger, der Stoff immer schlechter. Für guten Stoff wie Globalisierung, Gustav Mahler oder den FC Bayern hatte ich einfach nicht die Mittel. Ich begann, den billigen Stoff, den ich mir aus den Mahnschreiben der Bank oder aus Werbeanzeigen bezog, zu strecken, allenthalben mit Füllwörtern, meines Erachtens schlechten Phrasen und entsprechend schlechten Scherzen zu panschen. Mittlerweile, es gab nun das Internet, half ich mir auch damit, zu wikipedieren. Den miesen und mies kopierten Stoff verarbeitete ich jetzt zu langen endlosen Essais, die ich über das Netz vertrieb und konnte so im Verborgenen meine Text-Sucht ganz ausleben, ohne jemals auch nur einen einzigen eigenen Gedanken dabei verschwenden zu müssen. Ich bin Herr Hund und ich bin ein pseudonymer Texter. Und dies ist mein erster Tag in dieser Runde.   „Hallo Herr Hund, schön, dass du bei uns bist.“

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8 Gedanken zu “Schlechter Stoff.

  1. Lieber Herr Hund,
    dies ist ein sehr betroffen machender Text. Was können wir tun, um Sie zu heilen? Schweigen? Eine Selbsthilfegruppe gründen? Oder, back to the roots: Tiefenanalyse in Lüdenscheid? So manche Karriere ist dort früh versandet. Was auch immer – wir helfen. Vielleicht mal vorab mit der literarischen Hausapotheke?

  2. Zu dieser Erkenntnis innerhalb von nur 24 Stunden gekommen zu sein, macht Sie zu einem Hovawart. Wenn Sie die Zeit zum Kommentar lesen abzweigen können.
    Hallo Herr Hund,schön daß Sie bei uns sind.

    • Kann gerade nicht lesen. Muss schreiben schreiben schreiben schreiben schreiben……..schreiben…..schreiben…….warum ist hier, verdammt nochmal nie die tinte alle?……………………………………..

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