Thomas Mann vs. Rottweiler-Welpen

Noch immer hat Literarturwissenschaft und Tierpsychologie keine Erklärung für dieses Phänomen. Nach einem weiteren Vorfall von gestern nachmittag in einer Fussgängerzone von Lüdenscheid wird man sich aber wieder verstärkt des brisanten Themas annehmen müssen. Denn schon wieder wurde ein Mensch, der in die Lektüre eines Prosawerks von Thomas Mann (*1) vertieft war, Opfer der Attacke eines Rottweilerwelpens. Es soll sich nach Aussage des männlichen Opfers um Tonio Kröger gehandelt haben, also bei dem Prosawerk, nicht bei dem Welpen. Der Name des Welpen ist bislang unbekannt. Sicher ist nur, dass der Angriff gestern gegen 16 Uhr 30 erfolgte, der ganz fiese Welpe den jungen musischen Mann anfiel, ihm das kleine Bändchen mit den Erzählungen Thomas Manns entriss, es zerfetzte und dann sogar noch darauf sein Geschäft verrichtete, bevor er (der Welpe, nicht der Mann oder Tonio Kröger) die Flucht ergriff.

Und wie gesagt, dies war kein Einzelfall. Recht häufig sogar fallen junge Rottweiler, keiner älter als zwei Jahre, Menschen im Park, in Cafés oder auf der Strasse an, die alle eines gemeinsam haben: immer ist ein Prosawerk von Thomas Mann das Ziel der fiesen Attacke. Das ist eine Annormalität bei dieser Hunderasse, die sich aber die Experten bislang nicht erklären konnten. Was dabei auffällt, ist die Tatsache, dass mit Ablauf der zwei Jahre Rottweiler von Thomas Mann sich ab- und den erwartbaren Opfern wieder zuwenden. Von anderen Hunderassen kennt die Wissenschaft dieses Verhalten nicht. Warum sind Rottweilerwelpen, bis sie zwei Jahre werden, in so großem Maße auf Thomas Mann fixiert. Hunde können nicht lesen (*2), wie ja bereits Ringelnatz erkannte. Und obwohl das so ist, gingen die fiesen Rottweilerwelpen bei ihren Attacken immer sehr zielgerichtet vor. Da ließen sie sich eben noch von einer jungen Brünetten (*3) mit Balzac-Roman den Bauch kraulen, um aber im nächsten Moment fast tollwütig einen vorbeigehenden Passanten anzugehen, eben aus einer Buchhandlung getreten, wo er eine Ausgabe von Tod in Venediggekauft hatte. Und immer derselbe Vorgang: Anfall, das Zerfetzen des Textes und anschließendes Urinieren oder Häufchen machen.

Dagegen wird vorzugehen sein. Es muss endlich die Frage beantwortet werden, was an den Texten von Thomas Mann eigentlich (*4) Rottweilerwelpen so aggressiv macht. Ich selbst habe dafür keine Antworten, nur einen völlig zerfetzten, mit Fäkalien beschmutzten Tonio Kröger, den ich jetzt noch irgendwie zu Ende lesen möchte.

Anmerkungen:
*1 deutscher Schrifsteller, der Hunde mochte und eigentlich (*4) mochten Hunde auch ihn
*2 siehe dazu Studie der Universität Cambridge von 1927, die ein ganzes Jahr lang verschiedenen Hunderassen Shakespeare näherbringen wollte
*3 wohnt in der Kleiststrasse 14, 2. Stock und ist ziemlich gut drauf. Will auch keine Geschenke.
*4 deutsches Füllwort

Advertisements

26 Gedanken zu “Thomas Mann vs. Rottweiler-Welpen

  1. Hilft hier womöglich Zytotoxin? Wobei ich noch nicht recht weiß wie, die Studien laufen noch. Auf besagte Buchrücken tropfen? Oder den Welpen ins Fell träufeln? Sie sind doch der Zyto-Fachmann!

  2. Der junge Rottweiler, Herr Hund, hat sich noch ein gesundes Gefühl für natürliche Rhythmen und Zeiträume bewahrt.
    So erklärt sich das hier angesprochene Phänomen dadurch, dass der Hund, der junge, es unerträglich findet, wenn zum Lesen eines dieser überlangen Sätze von T.Mann mehr Zeit benötigt wird als zum Verschlingen einer mittelgroßen Wurst.
    Das geht ihm einfach gegen die Natur, dem Hund.

  3. Was? Ooh schau! Er hat… was? Darf ich den streicheln? Sie meinen… was? Vielleicht hochheben? Das Papierdilemma… was? Wird das Spielzeug?
    Sehr nett von Ihnen.

  4. Sehr fein, die Begründungen von Luftzuathmen und sehr nachvollziehbar. Junge Rottweiler werden unter-, und Thomas Mann zuweilen überschätzt. Den Beißreflex, wenn jemand mit dem Tonio, Tristan oder Mario daherkommt, kenne ich übrigens aus eigener Anschauung auch von Pudeln. Jawoll.

    • Jedweder Wievielauchimmerbeiner wird so oder so einmal unter- bzw. überschätzt. So halte ich mich daran, Rottweiler, Thomas Männer oder Andere einmal so gründlich kennenzulernen, wie es eben möglich ist (und auch so schnell es geht, um keine weitere Zeit zu verschwenden) und bilde mir dann ein Urteil

      Vom Über- oder Unterschätzen halte ich also nicht viel (bin aber natürlich auch nie ganz frei davon).

      Der Rottweilerwelpe macht bei Thomas Mann übrigens keinen Unterschied. Und ich denke doch, das ein oder andere Werk ist durchaus zu gebrauchen. Ich mag den Tommy jedenfalls sehr. So, jetzt ist es raus.

      • Herr Hund,
        Respekt! Ein treuer Tommy-Anhänger! Da können wir ja mal divers diskutieren. Oder so.
        Ich lese aber vorher nochmal schnell Josef und seine Brüder – das heißt, bin dann in sechs Monaten diskutabel 🙂 Wuff!

      • Einspruch entsprechend meines Avatars: „Ich würde nie einem Club beitreten, der mich als Mitglied aufnehmen würde.“
        Ich bin Niemandes Anhänger, außer von einem bestimmten Fussballclub. Ist aber eine Leidensgeschichte und beweist eher das Gegenteil, dass es eher ein Nachteil sein kann, sich zu sehr an eine Idee zu hängen.
        Nein, ich bin ein freier Kopf. Ich lese das ein oder andere von Th. Mann ganz gerne, aber nein ich bin kein Anhänger.

        Vielleicht von Proust, aber der ist nicht das Thema.

      • Wenn Sie jemals von meinen aufgebratenen grünen Klöße gekostet hätten… Sie würden dies nie gefragt haben.
        Aufgewärmt ist fabelhaft. Bedenken Sie nur die vielen Bratkartoffelverhältnisse. Ihre AraBELLa

  5. Ein Schimmelreiter im hohen Norden hatte dereinst ähnliche Erfahrung erleiden müssen. Bücher waren nicht involviert. Der Schimmelreiter las nicht. Er ritt. Er hatte sich gerade auf seiner Lieblingsrauhaardecke im westlichen Flügel der nach Nordosten wandernden Düne häuslich niedergelassen, um sich mit Leidenschaft seinem Vormittagstee hinzugeben. Schon war sein edles Kuhkännchen mit erlesener Sahne in den heulenden Wind gestellt, als aus Richtung der Meeresgischt ein Zwillingspar niedlichster Hundewelpen herangestürmt kam. Ihre Rasse blieb wohl unbekannt. Ach, schon standen sie ohne Scham mittenmang in des Schimmelreiters süßem Rahm. Ihre Namen blieben Schall und Rauch, aber dem Schimmelreiter war, als flüsterte der Wind hinter dem Strandhaferbusch etwas von Plisch und von Plum. Sei’s drum, dachte der Reiter, bestieg seinen Rappen und jagte, als wären Höllenhunde hinter ihm her, zurück nach Castrop Rauxel.

    • Ich hatte so eine Ahnung, dass das ein lohnendes Thema sein könnte und werde mir deshalb ein jahr freinehmen, um in Archiven etc. pp. Studien dazu zu betreiben. Später dann dazu mehr.

  6. Etwas mehr Busch, etwas weniger Mann, lässt sich da raten und lesen. Es erspart die Recherche in den Verließen des Vatikans. Oder Wolfgang Buschmann lesen. Hat der nicht den Mann’schen Zauberberg kinderlesbar übersetzt? Da muss ich mal in die Archive, äh …………

  7. Pingback: Tagebucheintrag 08.08.2015 | hundstrüffel

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s