Wort-brüchig

Fein und geistreich wäre er gewesen, poetisch und gehaltvoll, dieser mein neuer Text. Nein, ich habe mir diesmal richtige Mühe gegeben. ich weiß, sonst, ja sonst gebe ich mich allzu schnell mit Albernheiten und kindischen Scherzen zufrieden. Es auszuformulieren war zu mühevoll. Es gefiel und das gefiel mir. Mit diesem Beitrag nun wollte ich mich davon befreien. Was mir wirklich wichtig ist, sollte in dem Text stehen. Mein Innerstes wollte ich darein legen. Die Spur sollte tiefer sein, dauerhafter. Und es hat Kraft gekostet. Den Ärmelkanal schwimmend zu durchqueren braucht lange nicht so viel Kraft und Energie.

Am Ende war es mir gelungen. Tatsächlich war ich das erste Mal richtig zufrieden. Ich kann es, ich habe etwas zu sagen. Und ich war guter Dinge, auch gehört zu werden. Nicht nur zu unterhalten, sondern auch verstanden zu werden, die Menschen zu berühren, etwas in Ihnen anzustoßen. Ich weiß, das sollte man nicht verlangen von einem Text. das weiß ich alles und beschreibe auch nur das Gefühl, das ich hatte, als der fertige Text vor mir lag. Damit, so dachte ich, hätte ich nun eine höhere Ebene erreicht.

Es ist wirklich schön, ohne Zweifel zu sein. Ich hatte keinen.

Und wurde dabei leichtsinnig und übersah die Warnschilder, direkt vor meinen Augen. Zu sehr im Glückstaumel mißachtete ich die Gefahr. ich hätte es wissen können, Glück, wie ich es gerade noch empfand, dauert nicht ewig. Hätte, tat ich aber nicht und wurde belehrt, von gewissen Realitäten.

TroubadixDenn ein Steinschlag hat alles vernichtet oder zumindest so unter sich begraben, dass eine Bergung schwierig ist und dauern kann. Natürlich werde ich mir Mühe geben, versuchen, das Ein oder Andere zu retten. Und doch, die Hoffnung ist gering. Die Worte waren zwar richtig gewählt und drückten genau das aus, was ich sagen wollte, aber das kümmert die Realität doch nicht. Wenn ich also wiederfinde, was ich sagen wollte, wer sagt mir, dass nicht wieder mir eine Realität die Wahrheiten zertrümmert, dass zufällige Begebenheiten, die ich nicht voraussehen konnte oder wollte, meinen Weg kreuzen, das ganze Poetische zerbröseln lässt wie einen alten Keks.

Trotzdem werde ich weiter Worte suchen, Wahrheit und sowas. Ist doch klar. Ich kann gar nicht anders. Sicher werde ich aber ein wenig mehr acht geben, manchmal nach oben schauen und auf den Weg vor mir, was um mich herum passiert. Die Gefahr minimieren. Mehr kann ich nicht tun als so gut es geht meine Worte der Realität, so unkalkulierbar sie ist, annähern, auch wenn ich weiß, dass sie das letzte Wort hat, gewichtig, wie sie ist.

Falls jemand es wissen möchte, ich selbst wurde bei dem Ganzen übrigens nicht begraben. Es waren nur meine Worte. Worte? Wie schwach bisweilen. Ein wenig Realität fällt ihnen auf den Kopf und schon liegen sie da, hilflos zertrümmert. Mein Glück, dass ich nicht nur aus Worten bestehe, sonst würde ich da jetzt liegen. Und wer wäre dann da und würde mich bergen?

Was bleibt? Dieser Text hier, lange nicht so gut, wie der, der mir erschlagen wurde. Und sein Autor, ich. Ohne Kopfschmerzen.

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13 Gedanken zu “Wort-brüchig

  1. Oh Gott, ich hoffe, die Realität bleibt noch kurz bei Ihnen, bis ich meine Worte an fünf verschienden Orten, drei Kontinenten und auf acht verschiedene Weisen gespeichert habe. Ohne Worte… ohne Worte…
    Lassen Sie mich ehrlich sein, ich stünde nackt vor Ihnen.
    Okay.
    Daran kann man sich gewöhnten.
    Aber lassen Sie mir noch einen Moment dafür.

  2. Lieber Herr Hund, Sie haben mal gesagt, lieber ehrlich sein anstatt Kluges sagen wollen … Ich finde diesen Text großartig, weil so vielschichtig. Danke und einen schönen Abend. Ihre Frau Coupar

  3. Und? Konnten Sie inzwischen eine Silbenstücke bergen? Oder wenigstens Bruchbuchstabenbrocken? Oder ist der ganze Text zu Satzzeichenstaub zermalmt? Ich habe nämlich so einen Superkleber. Damit leime ich meine Texte zusammen. Die Fragmente habe ich aus den Schreddern all‘ der an sich zweifelnden Wortkapriziösen und Geistreichgesellen, die mit sich hadern und ihre fälschlicherweise für nicht veröffentlichswert erachtete Texte einfach zerbröseln. Zack, bin ich da und leere die Eimer und mache mich dann an die Arbeit. Das erklärt auch, warum ich abends und nachts nicht öffentlich bin. Da sitze ich und verleimwurstele die Fragmente. Ihnen täte ich den Kleber leihen, mein lieber Herr Hund, sie können aber den ganzen Klumpatsch auch einfach in den Behälter Ihres Schredders direkt geben. Dann übernehme ich für Sie…. natürlich dann unter meinem Namen, dem der Frau Knobloch, die herzlich und auf Ihre Verschwiegenheit hoffend grüßt.

    • Sie recyclen? Das finde ich höchst lobenswert. Es wäre schon schändlich und wenig nachhaltig wenn Wortabfall unsere Weltmeere verschmutzen würde. Im Ergebnis eine Wohltat für den Globus und für die Poesie, dass Sie sich dem annehmen und wiederverwerten, was unachtsame Dichter einfach so unverantwortlich entsorgen und zynischerweise immer mit dem Hinweis “nicht gut genug für die Nachwelt”.
      Ich danke Ihnen und komme bei Gelegenheit auf das Angebot zurück.

  4. Es gibt ein Zitat, ich meine, es ist von Goethe, ach so, nein, es ist das Zitat, bei dem nicht ganz sicher, wer es gesagt hat, jedenfalls lautet es sinngemäß: „Einen kurzen Brief zu schreiben, hatte ich nicht die Zeit.“

    So ist das manchmal. Wenn es gut werden soll, geistreich, witzig, tiefsinnig, gefühlvoll, stark und vielschichtig, mit orangengeruch und Knödelfanfaren, – dann kommt ein Stein geflogen. Der vom Kritiker. Der hebt den Zeigefinger, schmeißt den Stein und zertrümmert den Text. Manchmal ist es gut, manchmal ist es ärgerlich, schließlich braucht es manchmal ebenso lang einen schlechten Text zu schreiben, wie es braucht, einen guten zu schreiben.

    Deine Texte sind gut – Du weißt es selbst. 🙂
    Das, was dazwischen und dahinter steht, mag ich auch sehr.

    Weiter so. Oder auch anders. So, wie die Worte wollen.

  5. Lieber Herr Hund! Genau!
    Das Schlimmste wäre : – Keine Fragen mehr zu haben.
    Keine Fragen(Worte), – also auch keine Antworten(Worte)…..Richtige ,falsche schöne ,doofe,ausgeschmückte,karge,philosophische,realistische,schmerzende,wohltuende,leuchtende,verzweifelte,gute,böse,resignierende,hoffnungsvolle,lustige und traurige….solange die wackeren Gesellen(Fragen,Antworten & Worte) sich anschliessend mal ordentlich schütteln, und richtig ,falsch,schön,doof,ausgeschmückt,karg……(s.o.),weitermachen ,ist alles gut.Sogar sehr gut.Ich kenne ein paar Menschen ,die haben keine Fragen mehr,und das ist eine der traurigsten Geschichten,die ich kenne.
    Ich freue mich auf all ihre Wortgesellen,die ich hier treffe.Ahoi und gegrüßt, Mensch Päddra

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