Über Intimität beim Schreiben

Auch weil ich keinen Garten habe, kein reparaturbedürftiges Auto, kein Handwerk als Hobby, und Sport für mehr als die Füße nicht betreibe, sind und waren meine Hände und Finger immer ein wenig unausgelastet und taten sonst auch nur das Nötigste. Doch ich fand eine angemessene Beschäftigung.  Seit ich schreibe, ist das nämlich nicht mehr so. Allerdings sei erwähnt, ich schreibe nur mit einer Hand, der linken, denn rechts habe ich immer mindestens einen Finger in der Nase. Eine Unart, ich weiß, aber es hilft. Mir kommen so die Gedanken am besten, die eine Hand tippt und die andere Hand, die Finger daran sind möglichst nah an meinem Gehirn.

Vielleicht ein wenig linkslastig ist mein Schreiben dadurch geworden. Doch besser so, als andersherum, auch weil ich für diese Tätigkeit meiner rechten Hand eben ihre Beweglichkeit  brauche und ihr Fingerspitzengefühl für die sensible Materie, was beides die linke nicht hat. Ich bin Rechtshänder und so erscheint, was meine linke Hand tut, bislang etwas ungelenk. Ich versuche das natürlich auszugleichen. Das braucht aber Zeit und so verrichtet noch immer meine rechte Hand mit ihren Fingern die wichtigen Tätigkeiten und meine linke ist es, die schreibt. Ja, ich habe einmal getauscht, aber das funktionierte nicht. Meine linke konnte die nasalen Verrichtungen meiner rechten Hand lange nicht so gut ausführen. Das Ergebnis waren fade Gedanken, Hingerotztes, wenngleich ich auch, da nun die rechte Hand tippte, schneller fertig war mit Schreiben. Gehaltvoll war es allerdings dabei nicht geworden. Nein, momentan ist die Aufgabenverteilung, so wie sie ist, am besten.

Das ist auch der Grund, warum ich zuhause hinter verschlossenen Türen schreibe. Es ist wohl für Jemanden, der einer solchen Arbeit in der Öffentlichkeit nachkommen will, äußerst ungewöhnlich und unstatthaft, hat er ständig eine Hand in seinem Gesicht und mindest einen seiner Finger in demselben vergraben, wenngleich es vorkommt, doch gleich bemerkt, Hand und Finger sofort aus dem Gesicht wieder verschwinden. Peinlich diese Momente für denjenigen, der dabei erwischt wird. Tatsächlich glaube ich, dass die Anspannung dabei, beim einhändigen Schreiben erwischt zu werden und man es also tunlichst unterlässt, direkten Einfluss auf die Qualität der Texte hat, die aus dieser Sorge heraus mit beiden Händen geschrieben werden, obwohl die eine lieber woanders wäre. Mir jedenfalls erginge es so. Da ich aber um die fehlende Anerkennung von einhändigem Schreiben im öffentlichen Raum weiß und ich, wenn ich in einem Café oder überhaupt draußen unter Menschen mich aufhalte, nicht so sein kann, wie ich es möchte und brauche, schreibe ich also zuhause. Dort kann die rechte Hand tun, was sie möchte; alle fünf Finger, obwohl nicht unbedingt der Daumen, also eigentlich nur vier, haben freies Spiel und können sich entfalten. Während die linke schreibt.

Und so tun beide Hände mit ihren Fingern das, was sie am besten können und harmonieren dabei prächtig. Unter der linken entstehen so die schönsten Lesefrüchte, während die rechte für die notwendige Intimität sorgt und dabei einiges Kostbare zutage fördert.

(Mir wird es erst jetzt, da der Text geschrieben -ja, auch wieder nur mit einer Hand-, klar, dass ich besser empfohlen hätte und zwar vorab, diesen Text vielleicht erst morgen zu lesen, als Warnung für den, der sonntags mit erhebenderen Themen konfrontiert werden möchte, als mit meinen Befindlichkeiten und den geschmacklosen Voraussetzungen meines Schreibens. Es möchte, wünsche ich mir, da die Warnung zu spät kommt, trotzdem noch ein schöner Sonntag werden. Es täte mir leid, falls nicht.)

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21 Gedanken zu “Über Intimität beim Schreiben

  1. Hochachtung…. 562 Wörter mit Links incl Leer- und die Returntaste. Das mach mal einer nach. Obwohl ich sicher gern eine Skizze dazu hätte. Wenn möglich. (Mit skizzierter rechter Hand bitte). 🙂

  2. Vom Mund über die Zunge, direkt in’s Herz, sagt man ja bei gutem Essen.
    Sie haben noch 4 Finger frei.
    Ein wenig graut mir vorm Weiterdenken.
    Guten Morgen, lieber Herr Hund.

  3. Verehrter,,,ja deine Themen sind genauso skurril wie die art daraus dann eine Geschichte zu weben. Oder soll ich lieber sagen / einhändig tippen. Eine etwas delikate Verbindung / rechtsseitiges Naseninnenraum tasten mit Synapsenfluss. Vieles war mir bis dato bekannt. Auch abseitiges gar / doch dein herrliches outing als Nasenbohrtexter übertrifft sie alle.
    Und speziell alle mal.

  4. Herr Hund,es sind Worte(Nachrichten) ganz anderer Art,die mir den Sonntag verderben. Weiter so, und viel Spaß! Vergnügte Grüße, sendet Mensch Päddra

  5. Gegenthese: wer schreibt, geht immer in die Intimität. Lässt sich gar nicht vermeiden. Jeder ernsthafte Gedanke ist intim. Was gut ist, Schreiben darf alles. Man muss sich nicht selbst zensieren, nur genau wissen, wie man die rechte Hand beschreibt.
    Und letztendlich hat sie jeder. Die Rechte. Konkret, oder als Hirnoutput.
    Keiner im Niemandsland. Gruß an die rechte und die linke Hand. Und den Kopf dazwischen 😉

    • Einhandtippend gebe ich Dir natürlich völlig recht. Und doch will ich sagen, verzeihe das Näselnde in meiner Stimme, ist die Rücksichtnahme auf die Familie am nachbartisch, zwei kleine Kinder, jeder einen großen Eisbecher vor seiner Nase, doch etwas, was man nicht einfach abtun kann. Sie sollen ihr Eis ruhig genießen dürfen, ich bin da tolerant, Mein Nasebohren verschafft mir die notwendige, inwendige Balance. Und wie ich konzentriert mit der einen tatsächlich in meinem Kopf herumwühle, übersetzt die andere die Gedanken, auf die ich beim Wühlen stoße, in (hoffentlich) wohlklingende Worte.

      Gruß auch an Dich.

      P.S. Deine Texte werden noch gelesen werden. Sie sind lang und ich brauche beide Hände dazu, so voller Gedanken, wie sie wahrscheinlich sind.

  6. Gibt’s davon auch ein Foto? 🙂 Jogi Löw sah ich während der WM auch hie und da mit dem Finger in der Nase, trotz Millionenpublikum und Kameras, total selbstvergessen und aufs Spiel konzentriert. Und Du weißt ja, was am Ende raus kam. 🙂

  7. Ich habe keine Nase frei zum Bohren, ich tippe zweihändig. Bei handschriftlich Geschriebenem desgleichen. Eine hält das Klemmbrett, die andere schreibt. Schlechte Zeiten für das Schürfen in dem Zinken.

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