Es geht abwärts mit Herrn Hund – Ins Archiv I

Mir war schon klar, irgendwann musste der Tag kommen. Doch sobald schon? So früh bereits alle Ideen weg, die Kreativität erloschen?

Vor zwei Tagen, kurz nach meiner dritten Mahlzeit, abends, gewöhnliches Pasta und ein kleiner Salat, war plötzlich Schicht. Wie die letzten Wochen zuvor saß ich an der Tastatur, aber es wollte nicht kommen, der typische Hund-Flow. Ich quälte mich ab, setzte an und, nein, fing von vorne an, löschte, eine Idee gefiel mir so gut oder so schlecht wie die andere, ich ging zum Regal, nahm verschiedene Bücher in die Hand, „Was mir am meisten fehlt, ist der Beifall.“, und so hätte ich fast Diebstahl begangen; das Zitat, an den Gänsefüsschen zu erkennen, der erste Satz aus einem Buch von F.C. Delius, Die Flatterzunge. Zumindest soweit ist es also noch nicht, ich setze noch Gänsefüsschen. Trotzdem, um mich herum auf dem Tisch weitere Bücher. Ich könnte versucht werden. War ich nur ein Schritt davon entfernt, Gedanken zu fälschen, sie als meine auszugeben? Ich beuge dem vor und rate jedem, der in nächster Zukunft übrig gebliebene Zeit finden sollte, meine Texte zu lesen, diese mit Literatur von Grillparzer oder Justinus Kerner (besonders Kerner, der neben einigem Anderen auch eine Schrift über Wurstvergiftung verfasste, ein Thema geradezu, wie für mich gemacht und folglich für eine unstatthafte Aneignung besonders geeignet) zu vergleichen. Es könnten sich Übereinstimmungen finden lassen, die über bloße Originalität hinausgehen.

Ebenso möglich ist, ich habe das jetzt nur beiläufig erwähnt, um den Eindruck zu vermitteln, ich hätte mich mit diesen Autoren beschäftigt. Vielleicht aber ja doch. Zitieren werden ich im Weiteren keinen von Beiden.

Ein Plagiat jedenfalls -soweit ist der Ehrverlust längst nicht, in die Politik beabsichtige ich nicht zu gehen- wird nach Möglichkeit vermieden.

Nach Sichtung von einigen YouTube-Videos, die hätten helfen können, mein Dilemma zu verschleiern, bis mir Besseres einfiele, hatte ich dann die eigentliche Idee, um diese Ödnis zu überbrücken und meine Leser zu veranlassen, mich nicht zu vergessen, da ich jetzt bereit war, hinabzusteigen, die Türe zu öffnen und denjenigen einzuladen, mit mir den Raum zu betreten, den zu besuchen ich mich lange gescheut habe: mein Archiv (ich möchte es so nennen, da ich eigentlich Rumpelkammer hätte sagen müssen, doch versprochen, nur in diesem Zusammenhang und nur, weil ich einmal euphemistisch sein wollte und sei es auch nur um das Wort „euphemistisch“ in einem meiner Texte unterzubringen). Jetzt sollte es also an die Substanz gehen, an die Erinnerungen an längst Vergangenes. So weit zurück ging es nie. Und das allein, um meinem Leser ein wenig Aufmerksamkeit zu schenken. in meiner Hoffnung er mir ebenso, wie ich ihm. Dazu war ich verzweifelt genug, um dafür bereit zu sein.

Das „Archiv“ war also kein solches und deshalb schon gleich gar nicht als vorbildlich anzusehen. Es war nicht treppab zu finden und nicht auf dem Dachboden, hinter keiner Tür, hinter keiner Luke im Boden, in keinem Geheimfach. Dieses „Archiv“ trug ich bei mir, führte ihm Essen zu, wusch es und rasierte es, kämmte das auf ihm, was darauf zu finden war und zog ihm, wenn es kalt war (bisweilen auch, wenn es höhere Temperaturen hatte) , eine Fellohrmütze auf. Und ich putze ihm ziemlich oft die Nase. Dieses „Archiv“ war das Sicherste der Welt und konnte nicht gestohlen werden, ohne nicht damit auch gleich das „Archivierte“ zu vernichten, dabei jedoch auch das Gefährdetste, wofür ich stellvertretend für alle an- und darauffallenden Gefahren, Ziegelsteine und Bechsteinklaviere anführen möchte. Aber auch ein übergroßer Genuss von gutem Rotwein mag nicht ganz ungeeignet dafür erscheinen. Doch allerdings, die größte Gefahr für dieses mein „Archiv“ kam im Grunde genommen von innen, durch die Unordnung und das Chaos. Was darin hätte sein müssen, war da, doch fand ich es nicht.  Ich bin kein ausgebildeter Archivar, neige grundsätzlich zur Unordnung und das Harmloseste dabei ist noch das Verlegen von Socken. Allerdings Gedanken, Erinnerungen oder Terminabsprachen, tja, es gibt viele Möglichkeiten und ich nutze sie regelmäßig.

Will ich weiterschreiben können und dafür auf mein „Archiv“ zurückgreifen, so bleibt mir nichts anderes übrig: ich muss aufräumen. Und das tue ich. Was ich dabei finde, wenn dem geneigten Leser zumutbar und interessant genug, werde ich vorlegen und es solange tun, bis ich wieder in der Lage bin, Neues zu verfassen.  Der Tag wird bestimmt kommen und bis dahin, das kann ich versichern, wird das ans Licht gebrachte, vom Muff und Schimmel gereinigt, nicht das Schlechteste sein, das ich zu schreiben imstande bin. Ich will es hoffen.

Bis dahin, bitte mir folgen und Vorsicht, nicht den Kopf stoßen, die Decke ist niedrig. Und passen Sie auf wegen der Ratten!

 

 

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8 Gedanken zu “Es geht abwärts mit Herrn Hund – Ins Archiv I

  1. Und dann steigt man hinab in das eigene Archiv, die Spinnweben erschrecken einen nicht, man ist Schlimmeres gewohnt, die eigenen Hirngespinste zum Beispiel, die sind manchmal so kleberig, zäh und stolpergedankenmachend. Im Gefunzel der mitgenommen Taschenlampe erkennt man kaum was. Man stößt fluchend an so eine doofe Kiste, mitten im Weg, im eigenen Archiv! Ja, verflixtundverwunschen, wer hat die denn da hingestellt?! Beim nochmaligen Nachtreten, wütend versteht sich, denn das Schienbein hat keine schützende Liebfettschicht, da klingt neben dem eigenen Gewimmer noch irgendein Fiepen mit. Man beißt sich auf die Lippen, lauscht angestrengt… ja, eindeutig ein Fiepen, wie von einem winzigen Welpen. Ein Welpe? In meinem Archiv, denkt man sich. Und öffnet die knarrende Kiste……..
    ……………….. Ja, ei, wer bist denn du? So putzigniedlich, eckenversteckt. So alleine in der großen Kiste? Ja duzidu… hey, was soll denn das?! Hey, nicht ins Gesicht! Arghhh, das muß der Flowfloh gewesen seyn. Na super, der war im falschen Archiv zugestellt…

  2. Lieber Herr Hund!
    „Die bescheidene Aufgabe des Dichters ist am Ende vielleicht die wichtigste: das Weitertragen des Gelesenen.“ (Elias Canetti)

    „Alles schon einmal gedacht,von freien Geistern und klugen Köpfen,besteht die Schwierigkeit darin,diese Gedanken nicht durch bloßes Abschreiben auszudrücken“(Mensch Päddra,schon mal irgendwo gelesen,weiß aber gerade nicht wo)

    Schönen Sonntag gewünscht,Mensch Päddra

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