Es geht abwärts mit Herrn Hund – Ins Archiv II: die unbekannte Frau.

Und das Erste, das ich finde inmitten der Unordnung meiner abgelegten Gedanken und Erinnerungen, ist ein kurzer Satz, den ich mit vielleicht fünf oder sechs Jahren gedacht und wohl in ein verlorengegangenes Schulheft oder auf die Schulbank vor mir mit unsicherer Hand geschrieben haben werde. Ich stelle mir vor, er war in der Form, wie er mir nun wieder gegenwärtig ist, damals bereits ausformuliert und erkenne darin heute noch seine stilistischen Schwächen. Allerdings kenne ich nicht mehr seinen konkreten Anlass; der Inhalt erscheint mir, so allein und losgelöst und ohne ihn in einen Zusammenhang bringen zu können wie ein Rätsel, geradezu, als hätte ich ihn irgendwo einmal aufgegriffen, zufällig, der Satz eines Anderen, wie ein Zitat:

Susi ist dohf.“

Ich bin mir sehr sicher, keine solche Susi gekannt zu haben. Eine Brigitte, eine Gabriela, eine Vicenza, eine Roswitha, eine Katharina, eine Johanna, eine Annette, zwei Jasmins, eine Stefanie und sogar eine Jaqueline, aber ganz sicher, es gab keine Susi. Davon abgesehen, glaube ich zu wissen, mit allen Frauen von damals in bester Beziehung gewesen zu sein, was zu einer Einschätzung meinerseits, eine von ihnen sei dohf gewesen, wohl nicht gut hätte passen können. Sollte tatsächlich eine dabei gewesen sein, die nicht nett zu mir gewesen sein sollte? Ich wüsste keinen Grund. Schon damals besaß ich, bisweilen zur Sorge meiner Eltern, einen bezwingenden Charme. Nicht, dass ich es darauf angelegt hätte. Im Gegenteil war es mir die meiste Zeit peinlich, wie mich selbst Kindergärtnerinnen und Grundschullehrerinnen umschwärmten. Und es trug mir, daran erinnere ich mich schmerzhaft, oft genug die Mißgunst meiner männlichen Altersgenossen und in ihrer Eskalation auch Händel mit ihnen ein. Allerdings habe ich immer gewußt mich zu wehren, was mich wiederum in noch größerem Maße als so schon, da ich es verstand, meinem Charme noch Heldenhaftigkeit hinzuzufügen, im Ansehen meiner weiblichen Umwelt steigen ließ. Dass ich eine der Damen als zu lästig empfunden hätte oder dass es eine gegeben hätte, die gegen meinen Charme hätte immun sein können, worüber ich in Traurigkeit hätte versinken wollen, fällt mir nicht ein. Über keine hatte ich je so geurteilt, einfach, weil ich keinen Grund hatte. So dachte ich bislang.

Diese Susi ist mir ein Mysterium. Ich habe kein Bild von ihr. Doch steht mir dieser eigenartig kurze Satz als Erster vor allen anderen vor Augen. Deshalb müsste ich wohl annehmen, mit dieser Susi hätte es eine besondere Bewandtnis. Mehr noch, es beunruhigt mich zutiefst. Hätte ich all die anderen Frauen vergessen, es würde mich nicht so bedrücken wie dieser Umstand, mich an eine Susi nicht mehr erinnern zu können. Finde ich in diesem Satz „Susi ist dohf.“ nicht etwa einen Hinweis auf einen Makel in meinem damaligen Beziehungsgeflecht? Kommt darin nicht eine unausgeräumte Schuld und Verantwortung zum Ausdruck? Mit dieser Susi stand ich nicht im Einvernehmen oder es wurde dieses Einvernehmen aus irgendeinem dunklen Grund aufgekündigt. Und ich gab ihr die Schuld daran, mutmaßte bei ihr fehlendes Urteilsvermögen, weswegen ich sie für dohf hielt. Es sollte tatsächlich eine gegeben haben, die mich nicht küssen und herzen wollte?

Eine gemeinsame Geschichte wurde frühzeitig beendet oder aus Mißfallen erst gar nicht begonnen. Und gerade die verborgenen Gründe dafür reizen mich ungemein. Warum ich der Liebling so vieler weiblicher Wesen gewesen bin, ist eine Frage, die mich sehr viel weniger beschäftigt, auch wenn sie nichts von ihrer Aktualität eingebüsst hat. Meine Interessen gehen aber nun mit dem Alter in höhere Sphären und es gelingt mir zunehmend besser, Avancen abzuwehren, ohne doch die betreffende Dame vor den Kopf zu stoßen. Denn ihre Gesellschaft, da bin ich immer noch derselbe wie damals als Fünfjähriger, ist mir weiterhin angenehm geblieben.

Susi, Susi, wer bist Du? Wo ist in meinen Erinnerungen, der Ort, wo ich Dich finden  kann? Wo trafen wir uns damals, auf dem Schulhof, bereits im Kindergarten oder auf einem Spielplatz? Was hat es mit Dir auf sich? Uns verbindet etwas, das mich mit keiner anderen Frau verbindet. Diese Leerstelle ist ein Schmerz, über den ich nur hinwegkommen kann, wenn ich unsere gemeinsame Geschichte finde. Die Eindringlichkeit, mit der ich auf diesen Satz gestoßen bin, als ich mich zum ersten Male hinabtraute in die Archive meines Lebens, beweist, es ist nicht verarbeitet und lastet auf mir mit Wiederfinden dieses Satzes „Susi ist dohf“ wie ein gewaltiger Stein.

Ich werde nicht aufgeben, nach Dir zu suchen oder doch zumindest nicht aufhören, nach einer Erklärung zu suchen, warum Du nur so dohf gewesen bist. Die Anderen waren es doch auch nicht.

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