Es geht abwärts mit Herrn Hund – Ins Archiv III: Wimmelbilder

Das Buch vor mir aufgeschlagen, Bauernhof, Rummelplatz, Hafen oder Supermarkt, such such, wo ist die Kuh, das Karussell, der Kran, ich verstehe es jetzt, was das sollte. Aber jetzt, es ist kein Buch mehr, nichts, was sich so einfach zuschlagen lässt und auch nichts, das immer angenehm wäre. Damals auf dem Schoß eines nahen Verwandten, Schokolade im Mund und drum herum, ein Sonntagnachmittag, es sind die Großeltern, abends vor dem Schlafengehen die Eltern vielleicht und im Buch mit den Tieren, Zoo, Meer und Wald, ich finde das Eichhörnchen, bevor ich zu müde bin, noch ein Kuss, das Licht gelöscht und die Bilder von eben wechseln in meine Träume. Ich habe sie geliebt diese Bücher, ganz sicher die erste (Welt-)Literatur, die mir unterkam.

Es ist nicht so sehr viel anders heute; meine Erinnerungen, mehrere solcher Wimmelbilder, die meisten davon nicht für Kinderaugen an einem Sonntagnachmittag gemacht, liegen übereinander, doch oft bin ich schon müde, bevor ich suchen will. Hatten die Bücher mit den Wimmelbildern Seitenzahlen? So oder so, meine Erinnerungen, mein „Archiv“ folgt einer anderen Ordnung, die ich nicht durchschaue. Ich bringe die Jahre durcheinander, vertausche die Sehnsüchte und Träume, was ich nur gedacht, geträumt mit dem, was tatsächlich passiert ist und bin mir nur sicher bei ein paar Leidenschaften und Abneigungen: ich glaube nicht, die Ramones jemals geliebt zu haben und weiß doch nicht warum. Bei all den Wimmelbildern, wer hilft mir, ein großväterlicher Finger, der erklärend zeigen würde. Schau hierhin, dorthin, nein, es ist schwierig, mit seinen Erinnerungen alleine zu sein.

Und ich dachte, ich bräuchte nicht meine Phantasie und könnte mich ausruhen, mich bloß erinnern. Da ist kein „bloß“. Erst einmal dem, was war, auf die Schliche kommen, nachspüren und sammeln. Das sind nicht nur ein paar Zettelkästen von kurzgefassten Geschichten. Es sind überhaupt keine Geschichten, oft nicht einmal ansatzweise, oft nur Fragmente, Gedächtnisfetzen wie Mosaiksteine, durcheinandergemischt, ein übergroßer Waschkorb voller Puzzleteile: es existiert keine Neuschwanstein-Vorlage. Wenn es zusammengesetzt ist, irgendwann, wird man wissen, zumindest, wer man war. Wieviel diese Person mit der zu tun hat, die man dann ist, ist eine völlig andere Frage. Bis dahin watet man durch dieses Meer von Deutungsmöglichkeiten wie mit Gummistiefeln durch ein Moor, immer mit der Gefahr, darin zu versinken.

Denn noch lebe ich ja im Hier und Heute, ein eher überschaubarer Bereich. Das Gestern und was dahinter liegt, ist es nicht, im Gegenteil.

Dann also weiß ich, für ein erinnertes Leben brauche ich ebenso Phantasie, will es mir gelingen, aus dem Leben ein Ganzes zu machen, dabei unwichtig am Ende, ob die Dinge auch so geschehen oder nur meiner Einbildung entsprungen sind. Es gibt keine Rangfolge von Wirklichkeiten. So war ich nie in Afrika und bin auch nie mit einem Zebrafell zurückgekehrt, doch so oder so ähnlich sind meine Träume und Sehnsüchte gewesen. Sie gehören zu mir wie jede andere traurige oder belanglose Wirklichkeit, wahrscheinlich sogar noch mehr als diese. Meine Mondreisen fanden statt. Beweisen kann ich es nicht, aber es fühlt sich wahr an. Und meine Gefühle sind es, die mir sagen, ob ich am Leben bin.

Und ich stelle mir vor, ich sitze in einem leeren Raum auf dem Boden, vor mir eine große leere Wand, in mir die Menge an Wimmelbildern, das „Archiv“. Es wird Zeit brauchen, ein Stück Kreide, ich schreibe das Erste, das mir einfiel, Susis Namen an die Wand. Sie ist Erinnerung. Vielleicht an eine Person, die wirklich lebte. Oder doch nur Fiktion, eine Möglichkeit von vielen. Gegen den Schlaf schütte ich Unmengen von Kaffee in mich hinein, Kaffeetasse um Kaffeetasse. Bevor ich einschlafen werde, soll mir die Phantasie helfen, ein Bild zu erhalten, darüber, wer ich war und bin. Bis dahin werde ich wahrscheinlich öfters das bereits an die Wand Geworfene wieder entfernt haben, um von vorne anzufangen. Das fällt schwerer, als mit Schwamm und Geschirrtuch die Spuren von Kaffee von den Tassen zu bekommen. Ich weiß, wovon ich rede, ich bin es, der zuhause spült.

Es braucht Zeit, es braucht Geduld und, das habe ich jetzt verstanden, es wird nicht ganz ohne Phantasie funktionieren. Ich werde immer wieder neu ansetzen müssen. Im Moment ist da nur ein Gewimmel. Ich versuche mich darin, daraus ein vollständiges Bild zu machen, meine Geschichte. Die Zutaten sind da, ich weiß es, jetzt liegt es an mir, wie kreativ ich damit umzugehen verstehe.

Und habe ich am Ende genug Kreativität, findet sich in meiner (Lebens-)Geschichte vielleicht ja sogar eine Tapetenabschlusskante. Im Moment allerdings noch nicht. Die Phantasie arbeit daran.

Was folgt, nachdem man seine Geschichte in groben Zügen kennt, wäre, sie erzählen zu können, wofür es allerdings sehr viel mehr als zehn Worte braucht. Wo soll ich die aber nur herbekommen? Eine Frage, die ich mir lieber ein anderes Mal stelle.

 

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17 Gedanken zu “Es geht abwärts mit Herrn Hund – Ins Archiv III: Wimmelbilder

    • Grundsätzlich, ich übertreibe immer. Schon wenn ich morgens aufstehe, übertreibe ich. Bis zum Abend wird es sogar noch schlimmer. Kurz vor dem Schlafengehen ist dann der Gipfel erreicht und erst in meinen Träumen im Verlaufe der Nacht sinkt es auf ein gesundes Maß herunter.
      Also demnach, geht es um mein Kompliment an Sie. Das war um 13 Uhr und drei Minuten. In dem Fall war der Gipfel der Übertreibung noch längst nicht erreicht. Diese meine Übertreibung war deshalb noch im Bereich des Vertretbaren und also glaubhaft……. oder um es in nüchternen Worten zu sagen: ich mag Ihre stories.

  1. Ohne Übertreibung: das ist großartig! Für mich als Schraibleie ist mit „großartig“ hier bereits der höchste Punkt in vorsichtig-ehrfürchtig erklommener Bewunderung erreicht. Zehn Worte, und dann ein solches…literarisches Wimmelbild! Klasse!

  2. Wie Mo Beumers bin ich Schreiblaie, nicht aber Leselaie und insofern schließe ich mich uneingeschränkt seinem Lob an.
    Aus 26 Buchstaben eine Wörterwelt erstehen zu lassen, ein Wimmelbild der Gedanken, denen zu folgen, ein Geschenk für uns Leser ist, für mich ein Quell der täglichen Freude.
    Worttrüffel….bitte weiter danach scharren und schnüffeln….ich weiß….Sie haben die Arbeit und wir das Vergnügen, aber so ganz einseitig ist es auch nicht -:)))

    Auf weiterhin reges Rühren der Vorderpfoten freut sich die meist nur still lesende
    Karin

  3. Dass bei dem Bild, das man sich von seiner Vergangenheit macht auch die Phantasie immer mit dabei ist, die Phantasie wie es den gewesen sein könnte und die Phantasien, die man damals hatte, ist etwas, das mir auch jetzt langsam klar wird. Nur bin ich weit davon entfernt daraus so ein wunderbares Kaleidoskop entwerfen zu können. Vielen Dank.

    • Und ich müsste jetzt wiederum die Phantasie bemühen, um mich der Begleitumstände dieses Textes erinnern zu können. Aber es wird sie gegeben haben, da bin ich sicher.
      Was Ihr Worte angeht, so streiche ich selbst für mich das „weit entfernt“, weil ich noch doch nie wusste, was damit anzufangen, spreche aber zugleich meine Freude aus, dass er Ihnen gefallen hat und grüße herzlichst und auf Augenhöhe……

      ….Ihr Herr Hund

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