Es geht abwärts mit Herrn Hund – Ins Archiv IV: vom Spülen im Ententeich

Ja, früher waren mehr Prilblumen. Und wie herrlich damals, die Finger in Zitrusfrische zu versenken. Sage es frei heraus: ich spülte gern, erwähne aber nicht, wann das war. Teile nur mit, es ist heute nicht mehr ganz so, obwohl ich es mir eingerichtet habe zu einer halbwegs angenehmen Tätigkeit. Es blieb übrig unter Anderem die übermütige Verwendung von Spülmittel, mutmaßlich kompensierend die seltenen Badetage der Kindheit im Schaum. Zu viel davon, sagt man mir, ist nicht gut. Mir gleich. Ich brauche das. Ein Zweites, das hinzukommt heute, ist die richtige Musik in der richtigen Lautstärke. (Zum Zeitpunkt der Bildaufnahme war es Daisies of the galaxy von den Eels.) Das Spülen dauert ca. 25 Minuten, im Durchschnitt eine halbe Albumlänge. Es kann auch länger brauchen. Bisweilen blieb mancher Kochtopf oder Suppenteller zu lange unbeachtet und die Kruste ist hartnäckig. Doch in der Regel geht es schnell.

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Während ich mich nun zunächst mit Tellern, Gläsern und Tassen abmühe, komme ich dazu, über dies und das nachzudenken, vielleicht bereits in Gedanken einen neuen Beitrag vorzubereiten, diese unterbrochen oder begleitet von einzelnen, fragmentarisch memorierten Textzeilen aus dem Lied, das gerade läuft und die ich in falscher Tonlage und genuscheltem Englisch von mir gebe. Mein Gedächtnis ist so schlecht wie mein Talent für Fremdsprachen. das war schon einmal anders. Jetzt spielen beide Schwächen allerdings keine Rolle. Hier stehe ich allein am Spülbecken und es ist keiner da, den das irritieren könnte. Mich tut es das nicht beim Nachdenken, ist eher hilfreich und so komme ich etwa auf die Idee, über Archiviertes nachzudenken und weiter, was es damit überhaupt auf sich hat und wem damit gedient sein soll? Doch sage ich gleich: die Hauptsache ist hier das Spülen. Das Geschirr will sauber werden. Was nun dabei nuschelnd gesungen und halb bis dreiviertel gedacht wird, ist nur eine Nebenher-Angelegenheit.

Und so wagte ich und brachte gedanklich zusammen: mag sein, ein wenig ähnlich wären die schönen Erinnerungen dem Spülmittel, das sich Erinnern das Spülen selbst und was sich angesammelt hätte an Verkrustungen und Schmiere (nicht zu lange damit warten) würde sich lösen darin. Nur dem Haben von schönen Erinnerungen würde nie der Vorwurf gemacht werden können, zu viel Spülmittel. Das kann wohl nicht gesagt werden. Vielmehr zweierlei vielleicht, dass am Ende von zu langem dauerhaftem Versenken in Erinnerung sich nichts mehr löst und übrig bleibt allein eine Brühe.

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Spätestens dann ist mit dem Sich Erinnern, wie zitrusfrisch die Erinnerungen auch sind, aufzuhören.

Ich zumindest beende bei brauner Brühe das Spülen. Meine Finger sind auch bereits ganz verschrumpelt. Alle Geschirranteile sind mehr oder weniger sauber und tropfen sich ab. Mit dem Abtrocknen, ich gestehe es, habe ich es nämlich im Gegensatz zum Spülen nie so gehabt. Zum Abtrocknen fiele mir jetzt philosophisch betrachtet auch nicht so sehr viel ein. Dazu ist, Glück oder nicht, kein längerer Text zu erwarten.

Denn letztlich ist die entscheidende Philosophie doch eine ganz andere: Erinnerungen, Brühe oder Schaumbad, werden erst dann zu Quelle und Jungbrunnen, wenn man eine Ente hat, die man hineinsetzen kann. Ich habe 328 zuhause. 

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Jetzt mag sich jeder selbst überlegen, was so eine Ente bedeutet. Wichtig, das verrate ich noch, ist aber, dass man sie ausreichend füttert und ihnen den nötigen „Auslauf“ gibt. Ich beschäftige mich weiter mit Erinnerungen, will mich aber auch wieder mehr und intensiver um meine Enten kümmern………..

…..und das Spülen (und alle Philosophie) endet mit einem letzten Lied (und ebenso, traurige Randnotiz von so ziemlich allem, im Ausguss)….wie passend:

Und singe noch ein wenig weiter ein wenig falsch und tanze jetzt dazu, wozu ich auch kein Talent habe………sieht ja keiner.

(Nachtrag 05.09. 14:28 Uhr: unbedingt empfehlen kann ich in dem Zusammenhang das Buch von Mark Oliver E(els)verett, Glückstage in der Hölle – org.: Things the grandchildren should know.)

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41 Gedanken zu “Es geht abwärts mit Herrn Hund – Ins Archiv IV: vom Spülen im Ententeich

  1. Sie sind ein Spülvirtuose, lieber Herr Hund. Das können nur die besten unter allen Spülphilosophen: Ohne hochgekrempelte Ärmel, kühnverwegen bepullovert bis fast an die Knöchel, Respekt. Vor allem bei Braunbrühigkeit. Staunende Grüße, Ihre Frau Knobloch. Achso, über die Eels brauche ich kein Wörtchen verlieren, äh, doch! Haben Sie ein überzähliges Hach bei sich?

    • Hach! Außerdem überaus vorrätig ein Huch, ein Hick, ein Hick, sowohl mit als ohne s, sowie zahlreiche Höch, Ladenhüter, waren ein Missgriff, aber der Großhändler nimmt sie nicht mehr zurück….

  2. Verehrter Herr Hund,
    1.
    328 ist doch kein Name für so ein schönes Tier.
    Gelbe Schöne, Federlos, Sesam öffne dich oder ähnlich sollte das schöne Tier heißen.
    2.
    Zum Archivieren:
    Dies ist wichtig zum Auffrischen von eigenen Erinnerungen, bedenken Sie, Sie werden nicht jünger.
    3.
    Wer spült bei endlich 30 Grad am 5.9. mit Wollpulli?
    Im Übrigen:
    Danke für den Text.

    • Hochverehrte blumenfreundliche Frau Arabella

      Alles in Allem sehr richtige Anmerkungen:

      Zu 1. bei 328 Enten würde Ihnen auch irgendwann die Namen ausgehen. Meinetwegen, nennen wir sie Daisy, obwohl ich bereits 54 Daisies habe.
      Zu 2. das ist es ja, ich bin sehr für das Auffrischen. Aber es ist wie bei Deodorants. Die halten maximal 24 h und außerdem sind die Deos dafür da uns im schweißtreibenden Leben frisch zu halten und nicht etwa, dass wir für die Deos da sind, nur damit die beschäftigt sind
      zu 3. war alles gestellt und im Übrigen eine Archivaufnahme….,zudem, die Strickjacke wird nochmal wichtig……….

      Freundlichst
      Ihr Herr Hund

      • Die Handlung spitzt sich also zu.
        Sie treiben Sie zum Höhepunkt.
        Passen 328 Enten in eine gestellte Strickjacke?
        Wer beschäftigt Deo’s ,die sich in die Antarktis verirrten?

        Danke für die schönste Anrede meines Lebens und Ihnen verrate ich es, ich besitze 365 Strickjacken (es ist schlimm, sie laufen mir nach).

      • Ich liebe Strickjacken. Neben Fellohrmütze und Schlafanzug mir das Liebste. Nicht nur alles sehr angenehm zu tragen. Mir kommen die besten Ideen, wenn ich wenigstens eines davon trage.

  3. Lieber Herr Hund, beim Lesen Ihres Textes, kamen einige Fragen angeschwommen…
    1. Wie schafft Herr Hund es, sich selbst zu fotografieren?
    2. Über welches Spülmittel verfügt er, das seine Hände so mild aussehen lässt?
    4. Krempelt er nie seine Ärmel beim Spülen hoch?
    4. Er tanzt mitunter also doch, der Herr Hund?
    5. Wechselt er nie das Spülwasser?
    6. Steht Herr Hund auf Jahrmärkte und bietet Entenangeln an?
    6. Kann man Sie buchen, lieber Herr Hund, zum spülen und so? (Gibt auch Kekse und gute Musik!)

  4. Ein feiner prilblumiger Text, erinnerungsfreudig und Lächeln anregend.
    Wer macht schon Texte über das leidige Spülen, fast schon als Hobby und krempelt dabei nicht mal dabei die Ärmel hoch?
    Ein Mensch, dem die Spülfreude wichtiger ist, als das Einnässen der Wolleärmel; der nicht ruft, hoch die Ärmel und ruckzuck nun, damit es ein Stück wird?
    Doch nur ein Mensch, der Quietscheentchen sammelt und das 328. davon fidel schwimmend auf der braünlichen Spülbrühe zeigt.

    Vergnügt lächelnde Grüße von Bruni – von Disputnik eben hierher geeilt

      • 🙂 , das habe ich auch bemerkt und es macht kindliche Freude.
        Ich praktiziere es zemlich oft, wenn mir der Ernst nicht dazwischen kommt
        und sich einmischt…

  5. mit den gedanken im spülwasser ist sogar freischwimmen im waschbecken möglich.
    so werden alte krusten befreit und die strickjacke bekommt ihren philosophischen auftritt. sogar mit ente. umschäumt mit prilfloralis. schön so

  6. Erinnerungen an den exklusiven Club der Abwäscherinnen und Abtrocknerinnen bei meinem Ähle (Großmutter) in der dunklen Küche mit der zu niedrigen Decke. Da wurde gesprochen, was nur dort und bei jener Tätigkeit gesprochen wurde. Mutete mir als Kind sehr geheim und auch erstrebenswert an.
    Heute entscheide ich mich manchmal ganz bewusst gegen die Maschine und mache es ganz ähnlich wie Du. Musik und Schaum begleiten das Denken.
    Übrigens danke für den Schopenhauereinwurf irgendwo. Habe ihn heute in aller in diesem Haushalt verfügbaren Länge studiert und bin froh, dass Du eher zu ihm als zu Mr. N. tendierst. Die Pudel wurden nirgends erwähnt, scheint also nicht so wichtig zu sein.

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