Fünfzig Schalen Earl Grey

Es hätte sein Tag sein können, hundertster Beitrag, Jubiläum, doch vor dem Spiegel, er war gerade dabei, sich zu diesem feierlichen Anlass eine Fliege zu binden, was ihm nicht leichtfiel,  die Weste hatte er sich geliehen, da sah er die schimmernde Schemenhaftigkeit des Spiegelbild und was er bei diesem Anblick befürchtete, wurde kurz darauf bestätigt, durch mich, denn niemand kannte ihn besser: dieser Text litt unter Naürluchitis, galoppierende Inhaltsleere.  So wollte er sich nicht zeigen. Ich verstehe das gut und nehme darauf Rücksicht. Deswegen habe ich sowohl den Titel, als auch die Schlagworte soweit geändert, dass der Text unerkannt bleiben kann. Selbst das angehängte Bild kann nur sehr verfremdet wiedergegeben werden. Es würde über seinen Zustand zu viel preisgeben. Hierbei kann ich ihm helfen, dass er in der Öffentlichkeit nicht bloßgestellt wird.

Gehört_nicht_zum_Text

Der Text fühlt sich ziemlich beschissen, verständlicherweise. Das ist ganz etwas anderes als Textläuse und nicht mit einem handelsüblichen Schampoo zu beseitigen.

Naürluchitis ist, muss man wissen, eine sehr hartnäckige Krankheit und im Grunde nicht zu behandeln. Die Forschung konnte zwar ein Präparat entwickeln, Sarazin, doch befindet sich dieses Medikament noch in dem Stadium, dass es bislang nur an Versuchstexten ausprobiert wurde. Texte, wie meiner, müssen mit Inhalstleere leben. Und ich befürchte, gerade dieser, der mich auf eine neue Stufe hätte tragen sollen, wird unter diesem Leid zusammenbrechen. Das Hoffnungsfrohe, in freudiger Erwartung stehende anlässlich des Jubiläums, das ich und seine lieben Leser mit ihm begehen wollten, mit Luftschlangen, ein paar Tellern mit Häppchen und ausgegrabenen James Last-Langspielplatten, wurde jetzt mit dieser Krankheit konfrontiert und führte zwangsläufig bei Beitrag Nummer 100 zu Depressionen. Ich weiß nicht, ob es mir gelingen wird, ihn aufzurichten. Im Moment ist er ruhig.

Wenn ein Text inhaltsleer ist, im schlimmsten Fall sogar chronisch. dann ist er isoliert von der Welt, der er nichts zu sagen hat und die mit einem gewissen Recht auch nicht verstehen kann. So ein Text, aus der Welt geworfen, sieht seine Existenz als sinnlos an. Das kann ich gut verstehen. Und wenn, wie in diesem Fall die Erwartungshaltung besonders hoch gewesen ist, wird es besonders schlimm. Er wird sich fragen, was aus ihm jetzt noch werden kann? Ich versuche mein Bestes, lese ihn mehrmals am Tag, sage bei jedem zweiten Satz „WOW“ oder „AHA, bedenkswert“, und lerne ihn sogar auswendig, um ihn mir beim Duschen oder Brötchenholen selbst vorzutragen. Doch das wird auf Dauer nicht helfen. Er durchschaut mich und wirft mir vor, ich würde ihm etwas vormachen. Außerdem macht er mirVorwürfe, ich hätte ihn ja so verzapft, was nicht so ganz falsch ist, worunter aber mittlerweile unsere Beziehung leidet. Und es kommt noch hinzu die Feindseligkeit, mit der er wahrnimmt, dass ich mich um neue Texte bemühe.

Es hätte ein Festtag werden sollen. Jetzt ist es die Hölle.

Mein Text und ich, wir entfremden uns von einander, befürchte ich. Ich sehe das kommen, ich werde es sein, der geht, um irgendwo als Autor neu anzufangen, weit weg von ihm. Gelegentlich hatte ich sogar daran gedacht, ihn einfach zu löschen, so sehr war ich von der Situation überfordert. Aber ich liebe ihn ja, meinen Text. Was würde er auch ohne mich machen? Ich bin ja der Einzige, der ihm noch ein wenig Aufmerksamkeit entgegenbringt.

Jetzt wollen wir gemeinsam versuchen, aus dieser Situation das Beste zu machen, mit Naürluchitis irgendwie zu leben. Dafür fahren mein Text und ich sogar im Oktober nach Frankfurt, wo der deutschlandweit größte Kongress zu Naürluchitis stattfinden wird. Dort werden wir von Leidensgenossen und Gleichgesinnten notwendigen Zuspruch erhalten, so hoffen wir zumindest. Und lernen von Anderen, mit Inhaltsleere zu leben. Es gibt zahlreiche Beispiele von Texten, die mit dieser Krankheit nicht nur leben, sondern auch in bescheidenem Rahmen Erfolg erfahren, wenngleich die Liste derer sehr kurz ist. Doch es gibt sie.

Nein, ich verlasse ihn nicht. Er ist mein Text. Zusammen stehen wir das durch.

Dennoch, dieser Vorfall und auch schon bereits Gespräche zuvor, die ich mit einem Freund führte, bringen mich zu der Entscheidung, in den Beiträgen 102 bis ….. mich ernsteren Themen in ernsterem Ton zuzuwenden. Ich hoffe, dabei nichts an Glaubwürdigkeit und Leserschaft zu verlieren.

Wäre ja gelacht, wenn mir das nicht gelingen sollte.

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34 Gedanken zu “Fünfzig Schalen Earl Grey

  1. Armer Text. Ich hörte von einer ganz neuen Behandlungsmethode mit Textosteron aus Texas. Wie damals, als aus einem Buschfeuer ein Flächenbrand wurde. Ich weiß nur nicht, ob ich das empfehlen könnte. Obwohl, wie weit sind Sie denn mit dem Ärmelkanal, mein lieber Herr Hund?

    • Da ich selbst in Kürze in Bembeltown bin, stoppe ich die Kanalbauarbeiten bis auf Weiteres; der Strom wir warten können.
      Was das Testosteron angeht, danke ich, will es aber lieber erst mit sanfteren Behandlungsmethoden versuchen.

    • Nein, niemand wird verlassen. Werde nur älter mit den Beiträgen. Da kann es schonmal seriöser werden………..oder auch nicht.
      Aber danke für die Unterstützung (Hätte ein Spendenkonto einrichten sollen.)

  2. aber es gibt hoffnung !
    soeben erreicht mich die top meldung aus dem legendären textlabor * abivalenzade*
    aus klagenfurt das der fatale verlauf der krankheit Naürluchitis endlich gestoppt werden kann.
    drei grundsätzliche basis regeln sollten dennoch beachtet werden.
    1) bleiben sie bei sich selbst & vermeiden sie zu hohe ansprüche.
    2) versuchen sie nie besser zu sein wie sie selbst sind.
    3) im zweifel text rückwärts denken und die buchstabenfolge intuitiv verändern.
    das unter insidern bekannte mittel *flusstext_go* schafft es somit diesen schweren verlauf der hartnäckigen krankheit Naürluchitis radikal zu stopen. nicht nur das.
    jegliche schreibblockaden und im nahen umfeld angesiedelte artverwandte einschränkungen oder gar tiefzweifel an text und inhalt werden gewandelt in ein erleichtertes füllerlächeln und euphorische buchtastabenfreude.
    frei jeglicher semikolon zweifel.

    erweiterte info jederzeit.
    ich verbleibe lächelnd unter dem einfluss von flusstext_go
    lz.

  3. ich würde den text mal zur kur schicken. unter der obhut geschulter therapeuten, sollte sich das eine oder auch das andere gebrechen mildern oder gar verschleiern lassen. und dann immer nur mit seife waschen!
    aber der thrapieansatz des herrn zolaski_lz ist sicher die naheliegendere variante.
    ich bin gespannt und gehe zu den damen tanzen.
    ♥lichst ihre kerstin

  4. Lieber Herr Hund!
    Sie sollten Ihrem Text mal ordentlich Dampf machen! – Was wäre er ohne SIE? ..Ein Nichts,und kein Text! Und erst recht kein guter Text.Geschweige denn einer,der graue Wolken über Köpfen vertreiben kann.Und Lachen zaubern .Und allsowas.Der soll sich mal nix einbilden,dieser Schnösel von Text! Das wird er noch lernen,dass er nicht immer die erste Geige spielen kann…. Freundliche Grüße, Mensch Päddra

    • Vielen Dank.
      Mein Text und ich, wir standen kurz davor, eine Beziehungspause einzulegen. Ihre und auch die der anderen kamen zur rechten Zeit. Wir wollen an uns arbeiten, er an Inhalten, ich bald schon an einem neuen Haarschnitt.
      Freundlichst
      Ihr Herr Hund

      • Wow…nein,“Wau“ wollte ich sagen. Aber bitte keine Pudelfrisur.Ein virtuelles „hinterdenohrenkraulen“schickt ihnen Mensch Päddra (und es sei Ihnen versichert,solange sich Ihnen das Skrotum nicht zusammenzieht,ist alles im grünen Bereich!(Entschuldigen Sie meine Schamlosigkeit,aber ich höre gerade eine Lesung von Harry Rowohlt.)

      • (Harry Rowohlt? Mit dem hatte ich mal ein kurioses Gespräch, das mich dazu veranlasste, zukünftig keine Fanposter mit seinem Konterfei aufzuhängen.)

      • Echt? Oh.Ich glaube er kann Menschen vor den Kopf stoßen,die sensibel sind.Ich möchte gerne glauben, dass er es auf eine wohlwollende Art macht.Er muss schließlich seinem Image treu bleiben.Aber heisst es nicht,bellende Hunde beißen nicht? Ich bin ihm noch nie persönlich begegnet,wahrscheinlich wäre ich wie vom Donner gerührt.

      • Bei Gelegenheit gebe ich ihm eine zweite Chance. Und die Umstände unserer Begegnung damals, waren nicht dazu angetan, eine angenehme Gesprächssituation zu schaffen. Sollte er aber dann mir komisch kommen, wird das Geheimnis gelüftet werden, wie Harry Rowohlt wohl ohne Bart aussehen mag.

        Erscheine ich Ihnen sensibel? Jetzt immer noch?

      • Jetzt sagen Si nicht,sie wissen tatsächlich wie H.R.ohne Bart aussieht! Ha! Und besitzen zudem ein Beweisphoto….
        Sie erscheinen mir sensibel.Eigenartig,dass Sensibilität mit Schwäche gleichgesetzt wird. Es ist eine große Kraft!
        Mein Tagwerk ruft.Wiederlesen,Ihre Mensch Päddra

      • In ihr Tagwerk hinein rufe ich noch: nein, Beweisphoto besitze ich nicht, aber einen leistungsstarken Rasierer. Und richtig, Sensibilität wird mit Schwäche oft gleichgesetzt, und auch ich wäre gerne ein Prä-Brokeback-Mountain-Cowboy, aber ich kann nicht reiten und nicht rauchen. Und wo Sensibilität und Stärke zusammenkommen, da wären wir wieder beim leistungsstarken Rasierer, doch bevor mein Gegenkommentar zur Werbeveranstaltung verkommt, ende ich lieber an dieser Stelle mit dem Versprechen, HR zukünftig kein Haar zu krümmen, sollte er auch dann Schaum vor dem Mund haben.
        Bestgreetings
        Your Mister Dog

      • Coole Vorstellung – ein nacktrasierter H.R (Guten Morgen,übrigens) . ….Sollte er tatsächlich Schaum vorm Mund haben,machen Sie doch einfach ein großes Blubb daraus,das stülpen Sie elegant um ihn herum, und schon kann er nicht mehr ärgern,der Kleine.
        Sie reiten also nicht lässig rauchend gen Sonnenuntergang? Sie tippen nicht sachte und gewichtig gegen die Krempe ihres Cowboyhutes? Sie pusten auch nicht in den Lauf ihrer Pistole?… Hurra! Wie ich heraushörte,wagen Sie stattdessen den Kampf gegen Windmühlen. Ha! Und schon lugt der Sinn,mit der Nasenspitze unterm Geröll hervor.Gesehen? Wie? Bereits wieder davon….
        Ich wünsche einen schönen Tag! Mensch Päddra

  5. Ich mag diesen Text und freue mich auf weitere. Seriös muss ja nicht gleich von Schwere geprägt sein … Lieben Gruss aus der gleichen Stadt.

    • Ach, auch Berlin? Wie schön.

      Von Schwere war ja nie die Rede. Nur von Ernst und Tiefe. Und manchmal gänzlich ironiefrei. Doch gerade das mit der Ironie ist mir irgendwie in Fleisch und Blut übergegangen.

      Liebe Grüße
      Ihr Herr Hund

      • Tiefe und Ernst assoziieren viele Menschen mit Schwere. Mein kommunikativer Fehler …
        Mit der Ironie habe ich so meine Verständnisschwierigkeiten. Ich äußerte es ja schon mal. Mir gefallen Ihre Texte sehr, aber ich kann oft nicht durchblicken … Deswegen scheue ich immer einen Kommentar zu senden, obwohl ich sehr wohl auch Ernst durchschimmern spüre. Ich bin nicht so intellektuell, es greifen zu können. Hoffe, meine Worte sind Ihnen nicht zu nahe getreten. Herzlichst. Ihre Frau Coupar

      • Sie sind mir keinesfalls zu nahe getreten. Und ich würde mich über Kommentare freuen. Ich bin doch Herr Hund und will nur spielen. Ich beiße nicht.

      • Nein, das denke ich nicht. Ist wohl meine eigene Hürde, die ich nehmen muss, bei all den spassigen Kommentaren, meine vielleicht eher ernsten Worte zu äußern oder auch mal bei Ihnen nachzufragen. Ja, ich denke das Fragen werde ich jetzt öfter tun.

  6. In den Kommentaren zu einem verloren gegangenen Textes noch tagelang zu finden ist doch eine beruhigende Sache.
    Ich wünsche einen schönen Herbst Beginn und einen guten Morgen mein lieber Herr Hund

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