Von der Messe (1/3,5): die fehlende Bügelfalte.

Da stand ich nun im Pressebereich und fühlte mich relevant. Sieht das denn keiner? Nein. Unter all den anderen Relevanten wäre ich nur als Unwichtiger aufgefallen. Dabei hatte ich extra meine beste Hose an. Doch Pech, die anderen hatten bessere Hosen an. Die Herren wohlgemerkt. Die Damen, gar nicht so wenige hatten keine Hosen an, sondern Röcke. Die wirklich relevanten Herren hatten noch Jacketts an. Im Übrigen hatte ich doch ein Jackett dabei. Darin allerdings Marcel, ein paar Nummern kleiner als ich, aber genauso relevant wie ich. Marcel also hatte ein Jackett, allerdings keine Hose (nein, auch keinen Rock; er war unten rum, na, mich stört es jedenfalls nicht). Marcel musste auf jeden Fall mit auf die Messe. Ohne Verstärkung hätte ich das sicher nicht durchgestanden. Das Problem war, nur ich galt als relevant. Also habe ich Marcel hineingeschmuggelt. Hat geklappt. Mit Tischer wäre das nicht gegangen. Da hätten wir uns durchkämpfen müssen. Marcel verhält sich ruhig. Ein Poet eben, ein Schöngeist und richtiges Lämmchen. Die sind empfindsam, sanft und halten die Klappe, wenn es drauf ankommt.

Drin also, mit Hose, mit Jacke und ohne jede Orientierung. Wenn es nach dem Anblick all der besseren Hosen, Jacken und Röcke geht, so unterscheidet sich zunächst eine solche Buchmesse in nichts von einer Automobil- oder Werkzeugmaschinenmesse. Ein Buch ist ein Produkt, vielleicht leichter in der Tasche zu tragen als ein Automobil oder eine Fräsmaschine, aber das ist keine herausragende Unterscheidung. Das muss man wissen, wenn man sich auf so einer Buchmesse bewegt: hier werden in erster Linie Geschäfte gemacht, Kontakte geknüpft und gebügelte Hosen getragen.

Meine Unsicherheit war hoffentlich nur für mich spürbar und wurde noch verstärkt, da ich Bestensausgerüsteter tatsächlich zuhause meine Fellohrmütze vergessen hatte. Hiermit war meine Nacktheit vollkommen. So stand ich da im Pressebereich, ich hatte diesen roten, gut sichtbaren Presseausweis um den Hals hängen, die rote Pressemappe unter dem Arm und Marcel in meiner Tasche, wo er die meiste Zeit verblieb. Er hat es nicht so mit Menschenmassen. Keiner kam, um sich Fragen stellen zu lassen. Ich hatte gedacht, dort, wo so viele Worte sind, Gedanken sind, hätte jedereiner was zu sagen und würde mir, der ich ein Ohr, also Presseorgan besitze, dankbar sein und ich müsste nur warten, sie kämen angestürmt. Was taten sie?

Ich musste hinein ins Gewühle und Geströme, mich zwischen Bügelfalten hindurchlavieren und wusste doch den halben Tag nicht, wohin. Für den Verstörten auf so einer Messe gibt es allerdings Oasen der Ruhe. Und ich meine nicht die Toiletten, die ungünstig liegen hinter Anstürmen von Menschen und Hinweispfeilen. Nein, ich meine die Lesungen, vornehmlich die kleinerer Lichter und Nicht-Preisträger oder deren Gesicht man nicht kennt, weil man nicht Fernsehen schaut oder zumindest nicht so spät irgendeine Talkshow. Da sind auch die Espressi nicht so schlecht, nur dabei zu beachten, wie sie treiben können und also stets bedacht sein, dass es länger dauern könnte, bis man besagte Toiletten findet.

Meinen ersten Tag verbrachte ich also zum größten Teil auf Lesungen, gänzlich vernachlässigend mein Herkommen als Doppelagent und die damit obliegenden Aufgaben. Will nun etwa noch jemand erfahren, welche Bücher ich entdecken konnte, wie ich die Lesung von Frau Leutenegger fand? Es gab sie, aber ich habe sie nicht gelesen. Sie sprach, aber viel habe ich nicht verstanden.

Doch hatte ich mir zeitweise gewünscht, ein ebensolche Wolke würde auch hier das Strömen für einige Momente zum Stillstand bringen. Und ich wäre wieder eine Insel.

Eine Begegnung möchte ich jedoch erwähnen: ein schönes, anregendes Gespräch mit einer älteren Dame. Und ich vergaß dabei für einen Moment die besseren Hosen und die Bügelfalten der Fachbesucher. Und ich glaube, Marcel hat sie auch gefallen. Zumindest hat er mal kurz rausgeschaut.

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34 Gedanken zu “Von der Messe (1/3,5): die fehlende Bügelfalte.

  1. Ein Phänomen für mich: Da bügeln die Leute sich mit Absicht Falten in die Hosen und gehen damit sogar auf Messen, statt ihrem komischen Fetisch nur zu Hause zu frönen. Ich mein, darf ja jeder, wie er will, aber ich versuche immer, Bügelfalten zu vermeiden. Aber das nur am Rande, danke für den Einblick, lieber Herr Hund. So viel Relevanz auf einen Haufen, ja, das hat schon was. Auch mit Bügelfalte. Sie ja hoffentlich nicht, Wertester. Hoffend, Ihre Frau Knobloch.

    • Es gab durchaus eine Zeit, wo auch ich ein Bügler und Falter gewesen bin und es waren auch Hosen, nur eben nicht die gemeinten. Sie haben Phantasie genug, es sich vorzustellen. Jedenfalls ein dunkles Kapitel aus meiner fetischierten Vergangenheit

      • Sie sehen mich angemessen offenmundig staunend, Verehrtester! Was für eine Metamorphose! Kwasi eine der ganz bonfortionösen Art: Vom Falter zu Herrn Hund. Ich gebe ja leicht zähneverknirscht zu, daß ich durchaus manchmal leise Zweifel an Ihren Berichten hegte, jaja, Sie sind nun zu Recht empört, doch es war schon manchmal knüppeldicke, so mit Tischer und Luis und allem so drumherum. Doch jetzt haben Sie mich überzeugt. Wer eine solche Wandlung vollzogen hat, dem glaube ich vorbehaltlos jedes Wort. Respektvoll und pardöngschisierend grüßt Ihre Frau Knobloch.

  2. Dann haben Sie also ein offenes Herz gefunden?
    Wundert mich gar nicht, ihr eigenes heiß schlagendes pocht doch jede Bügelfalte in Hosen.
    Sollen andere doch Wasserdampf benutzen, wo bei Ihnen Herzblut ist.

  3. Herr Hund, sag mal – ich bin gerade auf Euer startdingsbums „Fan-Seite“. Dort kann ich mich als Fan nur eintragen per Facebook oder Google. Habe aber beides nicht. Gibt es dafür irgendeinen Plan B? LG von nebenan

    • Ganz einfach, gehst auf das Projekt, auf Fan werden, dann ganz unten auf registrieren, ein paar Angaben zur verifikation und wie du erscheinen willst. noch kurz die Sicherheitsabfrage und Du bekommst die Mail zu Aktivierung…………und später von mir eine Praline zur nachträglichen Bestechung. Den Dank jetzt schon!!!!!

  4. Ich habe nichts gegen Hosen mit Bügelfalten. Gerade bei Oxfam in Bembelstadt (vor der Buchmesse, Herr Hund) zwei Stück im Feinstzwirn für unter 30 Taler zusammen gekauft und bereits eingetragen. Die halten bis zur Rente – mindestens.
    In Jogginghosen kann jeder mit dem Arsch wackeln (Pardong!)
    Ihre Seite um Fenn zu werden finde ich nicht und jetzt (aufstampfend) suche ich auch nicht mehr weiter. Ich finde Ihre Idee nämlich ganz flippisch. Nur ein Sinnspruch schiesst mir immer quer ins Amusement: Der Köder muss dem Fisch schmecken und nicht dem Angler.
    Von meiner Cousine habe ich Ihnen bereits berichtet. Kaum schreibe ich Ihnen von Ihr, schreibt sie mir schon eine Mail. Sie, die sonst grottenschreibfaul ist..,

    Wann wird Ihr Etablissemang denn eröffnet werden?

    Ich sende abendschöneleiderüberfressenmatte Grüsse vom Schwarzen Berg

    • Aus mir sprach in ungefährer Wahrscheinlichkeit der Neid eines allerhöchstens Cord-Träger von SehUnAhh. Spätestens zu Frühjahr 2015 in Leipzig Hund mit Falte, denn ja, ich will den Fisch noch besser in den Blick bekommen, als bis jetzt in meiner Verblendung.
      Und ach die Cousinen! Mir ist CousCous mit Rosinen immer schon das angenehmere Mahl gewesen.
      Doch was meinen Sie mit Seite und Fenn? Die Star-Next-Seite. Die ist dich verlinkt. Nein? Doch. Hat aber auch keine Eile. Nur sagen Sie mir, wie ich Ihr Stampfen drosseln kann.
      Eröffnung? Wichtig ist Lage Lage Lage. Gaaanz wichtig. Und deshalb nur ja nichts überstürzen. Ostern 2015 ist mal so eine Frist für uns.
      Freundlichste Grüße
      Clemens Seitner

      • Guten Morgen Herr Hund,
        das mit dem Stampfdrossel (oder doch Drosselstampf?) ist schon wieder in Ordnung nach einer Nacht besten Schlafes.
        Ihrer Vorliebe für CousCous mit Rosinen vor Cousinen, wer vermöchte sie nicht nachzuvollziehen.
        Ich las in den Kommentaren von einer Fennseite und dass man dortselbst einen solidarischen Klick… und da dachte ich /// das mag ein bügelgefalteter Fehler gewesen sein. (ich werde die angesprochene nochmals suchen gehen)

        Hat Schopenhauer zu Ihnen gesprochen oder werden in einem zukünftigen Beitrag darüber sprechen?

        Vogelgezwitscherbegleiteteerstteegeniessende Morgengrüsse vom Schwarzen Berg

      • Zumindest sei verraten, dass ich die ganze Busfahrt bis Frankfurt mal wieder dazu nutzte in „Welt als Wille und Vorstellung“ weiterzulesen. Dieses Buch ist eigentlich immer dabei. Er hat also zu mir gesprochen.
        Was das Suchen angeht, bin ich da ein ganz Hilfsbereiter:
        https://www.startnext.de/fraeulein-schneefeld-herr-hund

        Nein, ernsthaft, gegen Cousinen habe ich nichts, doch bin ich großer CousCous-Meister und für solch eine Platte würde ich fast die Verwandte stehenlassen.

        So halb im Tag-Grüße, doch freundlichst
        Ihr Herr Hund

      • Nachgrauenlichem Arbeitsbeginn die ersten Ermüdungserscheinungen beiseite gähnend danke ich Ihnen für die helfende Handreichung.
        Fan kann jedoch nur werden, wer über Konten verfügt, über die ich nicht verfüge…
        So werde ich Sie beide also gedanken- und blogmässige begleiten. Und wer weiss, vielleicht komme ich in der nächsten Zeit zu einem kleinen monetären Überschuss (versprochen ist er jedenfalls schon), dann will ich gerne ein Schärflein beitragen.
        Muss ich eigentlich noch erwähnen, dass ich auf Schokolade geradezu abfahre ~~~~

        Grauhimmelleichtschwebendvormittägliche Grüsse vom Schwarzen Berg – Ihr Herr Ärmel

      • Meinen Sie mit Konten Facebook und/oder google+? Die bräuchte man nicht Es wäre nur im Anmeldefenster unten die kurze Registrierung/Legitimation nötig. Und für uns momentan viel wichtiger der Fanstatus. Das mit dem Finanzieren folgt erst und wird auch nicht erwartet.

        So oder so, für die Begleitung meinen Dank. Und für das Abfahren sei zumindest eine Praline o. Tafel jetzt schon reserviert.

      • PS: Als Kenner des Werkes von Schopenhauer wissen Sie freilich, dass die Metapher „Nachgrauenlichem Arbeitsbeginn“ in ihrer ausgeschriebenen Variante „Nachmorgengrauenlichem Arbeitsbeginn“ lautet.
        Nicht Zweifel an diesen Ihren Fähigkeiten veranlasste mich zu diesem Nachsatz, sondern die Sorge, zufällig oder absichtsvoll hier lesendes Publikum könne durch di salopp verkürzte Form unbeabsichtigt in die Irre geführt werden….

      • Zum P.S. Nennen Sie mich einen Liebhaber und Freund des Werkes von Schopenhauer (und anderer Werke). Und kennt man als Freund immer so genau den Freund und ist die Vertrautheit des Freundes mit dem Freund (wenn er die Freundschaft überhaupt annehmen will) eine, die Gefühl über Kenntnis stellt?

      • Nein, ich weigere mich, vor einem entsprechenden Mittagsimbiss über derlei Fragen zu sinnieren, verehrter Herr Hund.
        Dafür bin ich nun ein Fenn Ihres kühnen Projektes geworden.

      • Da nicht für – – Mit meiner Cousine? Wo denken Sie hin, verehrter Herr Hund, von einer einzigwinzigen Praline mir eine Hälfte auch noch wegbeissen lassen. Und obendrein von einer Cousine? ~~~

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