Von der Messe (2/3,5): Ma(i)nhattan

Orientierung ist eine feine Sache. Im Wald und in den Bergen, an manchem Rindvieh vorbei, abseits markierter Wege und dieseits der Irrwege fand ich immer, auch mal auf allen Vieren, durch die Wetter hindurch, Gamaschen an den Beinen, die Schuhe fest verschnürt, verschmutzt alles und die Finger, letztlich abends meine Pension, am Morgen verlassen, Hunger und Appetit wohl verdient. Ja, ich habe dieses Verlaufen genossen, ein ganz klein wenig eine Angst im Gepäck.

Nun die Messe, ich bin nicht allein unterwegs diesmal; Marcel mein Gefährte. Es ist eine wetterfreie Zone. Die Wege sind  gerade und ja, es hat zahlreiche Wegmarken, E107, K044, A012, M087, Halle 4.1, Halle 3.0, literarischer Salon hier, Forum da, ein blaues Sofa (nicht zum Verweilen und Ausruhen). Es hat sie also und dennoch, ich fühle Verlorenheit, keine erhebende wie in der Natur.
Das Alphabet als Ordnungsprinzip, Manhattan, die geraden Wege, ich gehe folgerichtig vor, von A vorwärts oder vom letzten Buchstaben rückwärts der Reihe nach die Gänge hindurch, entlang, diese in den Zahlen auf- oder absteigend. Das funktioniert etwa drei Reihen lang gut, dann weiß ich nicht mehr, wo ich bin. Bei einem der Stände, einem Durchgang, einer der Foren- und Lesungsinseln verweile ich für Momente, entdecke ein Buch, glaube, einen Vortrag interessant finden zu müssen und weiß anschließend nicht mehr, aus welcher Richtung ich gekommen bin. Ich laufe letztendlich im Kreis, in Achten, komme immer wieder an denselben Stellen vorbei, ohne sie aber gleich als solche, die ich schon hätte kennen sollen, zu erkennen. Meine Methode trotz der geometrisch einleuchtenden Vorgabe, hilft mir nicht weiter.

Für solch einen Fall müssen Termine erfunden worden sein. Wenn man weiß, zu einer bestimmten Zeit ist man verabredet, Halle 3.1 C066, mit Herrn oder Frau Mustermann, findet sich leichter ein Weg. Und ich sehe an den Ständen die reservierten Tische, für Vertrieb/Presse/Autoren; selbst aber habe ich keine Termine, die ich als Koordinaten hätte installieren können.

Ich zerstreue mich und weiß lange Zeit nicht, wie mich bewegen.

Denn ich hatte ja einen guten Grund, hier zu sein. Und wollte hier sein. Ich wollte es genießen. Herr Hund der Relevante, Herr Hund der Geschäftstüchtige und vergaß dabei, ich bin hier kein Herr Hund, auch wenn es so auf dem Presseausweis steht. Das ist nicht Herrn Hunds Welt. In Herrn Hunds Welt hätte Marcel nicht in der Tasche bleiben müssen. Alles wäre ein wenig langsamer und der Nase nach und mehr wie im Wald und auf allen Vieren. Ich denke, derjenige in mir, der Herr Hund ist, sucht nicht und hat keine Termine, er nimmt sich, was er findet und findet abends nach Hause.

Für mich, der ich Herr Hund bin, hat das, was hier gesucht wird von Menschen mit Terminen, die Dinge zwischen den Buchdeckeln, viel eher mit planlosem Finden zu tun, ohne dass man vordergründig die Absicht gehabt hätte, etwas (?) zu suchen zu haben. Für einen Herrn Hund wie mich ist das, was Literatur genannt wird, zweierlei, ein wenig Irrweg, dass man dabei bisweilen gerade eben vor einem Abgrund zum Stehen kommen kann und zurückschreckt vom Hinunterschauen, die kleine Angst. Und Literatur hat es nicht eilig, ist vielleicht noch nicht mal aktuell. Nicht, dass sie von gestern und immer nur hinterher wäre. Sie funktioniert nur nicht nach Schlagworten, Hinweisschildern und Terminen.

Ich weiß, ich rede hier nur meine eigenen Schwächen schön. Dass ich nicht auf dem Laufenden bin und vieles ganz Wichtige noch nicht gelesen habe, ich vieles vergesse, ganz anders verstehe und sowieso nicht dazu tauge, akademisch oder feuilletonistisch mitzureden. Ich liebe das zwischen den Deckeln und finde vieles darin, ohne Kenntnis darüber, wie ich zu suchen hätte und bei der Lektüre, langsam wie immer, weist Manches über die Deckel hinaus und auf andere Dinge (in mir selbst). Nichts davon jemals in gerader Linie.

Zeit spielt keine Rolle.

Literatur ist ein wenig Traum, ein wenig Flanieren, ein wenig Zerstreuung und ein wenig Angst.

Doch abgesehen davon konnte ich den ein oder anderen Termin dennoch wahrnehmen und fand mich auch letztlich zurecht und wieder hinaus. Nicht immer bin ich Herr Hund. Wenn ich es auch gern wäre.

 

 

 

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13 Gedanken zu “Von der Messe (2/3,5): Ma(i)nhattan

  1. Nun sagte ich heute zu Herrn Salva gerade, dass bei diesem, einem anderen Thema Zeit keine Rolle spielt.

    Schön, dass Sie das genauso sehen, bei diesem, Ihrem Thema. Denn die beiden Themen sind sich insoweit ähnlich, dass Sie die Menschheit zum Inhalt haben und deren Suche nach Erkenntnis.
    Diese Suche nimmt am Besten durch Bücher ihren Weg.
    Die eben und bedauerlicherweise zum großen Teil von Verkäufern verkauft werden, die Termine machen, anstatt den gelesenen Inhalt zu leben.

    Das Sie sich dort nicht ganz wohl fühlen ist also nur logisch.

    Es lebe die Zeit, in der Marcel aus der Tasche will.

    Ich grüße herzlichst,
    Ihre AraBELLa

    • Marcel wird aus der Tasche kommen, nur ist die Ironie dabei, um dorthin zu kommen, bin ich momentan in die Situation versetzt, Verkäufer sein zu müssen, meiner Idee nämlich, meines Traums. Nicht etwas, auf das ich mich sonderlich gut verstehen würde. Und so schaue ich immer mit einem Auge auf die Zahl. Nicht das Angenehmste.
      Ansonsten, d’accord, ich bin ein Flanierer, so lese ich Bücher, die Zeit vergeht so oder so, das kann ich nicht ändern.
      Herzlichst
      Ihr Herr Hund

      • In solchen Fälle vertraue ich ganz auf meine Schwimmreifenente. Obwohl, ob sie im Wald ihren Dienst auch so vortrefflich täte, wie in wildwogenden Alttagsgewässern?

      • Und ich auf meine Schwimmflügelchen und welch Glück, dass ich damals alleine im „Hochgebirge“ unterwegs war und mich keiner so sehen konnte.

      • Na ja… keiner…
        In Gemsenkreisen werden noch heute Fotos ausgetauscht von dem erstaunlich seltenen Exemplar und die Steinböcke haben über Twitter gemeldet, nächstes Jahr auf Besuch kommen zu wollen, in der Hoffnung, ebenfalls von dem außergewöhnlichen Erlebnis beglückt zu werden. Rotwild hält sich bedeckt, vermutet hinter dem Ganze ein Fake und den Rehen ist es egal. Murmeltiere haben ihre untergrund Beziehungen angezapft und von den Mäusen ebenfalls die Flügelchenbestätigung erhalten.

        Aber gut. Wenn du darauf bestehst, dann warst du alleine unterwegs. „Alleine“ eben.

      • Hi Hi…….damit kann ich leben, im WildWideWeb diese bekanntheit erreicht zu haben. Ist doch schön, so irgendwie ein Andersrum-Yeti-mit-Flügelchen zu sein.

  2. Pingback: Art & Akt | westendstories

  3. Literatur ist ein wenig Traum, ein wenig Flanieren, ein wenig Zerstreuung und ein wenig Angst.

    Das ist schön. Sehr schön.

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