Von der Messe (3/3,5): Faulkner, Proust und Happy Hour

Literatur ist Rausch. Ist es das nicht, ist es keine Literatur. So viel zur Tautologie.

Der Presseausweis hing dem, der Herr Hund ist, ein wenig ärmlich und traurig weiter um den Hals. In der Ernüchterung, die eingesetzt hatte, ein unwesentliches Detail. Bevor es ihm zu Kopf stieg, die Literatur, kam dem zuvor der Kater. Es hätten Dosen von Ravioli sein können, Tiefkühllasagne, Universalreiniger, der Supermarkt um die Ecke also und ich/er mit dem Einkaufswagen durch die Gänge, die Erhebung des Geistes wäre hier wie dort nicht unbedingt zwangsläufig.

Literatur fängt mit einem Rausch an, sollte sie. Und dann wird sie gedruckt und kommt in die Regale.

Würde man die Liebe bei einer Erotikmesse suchen? Ich weiß es sicher, Herr Hund und auch ich, lieben die Literatur. Keiner soll sagen, Liebe setzt Verständnis voraus. In den wenigsten Fällen tut sie das. Oft sogar endet sie damit, wenn es dann auch wie Un-Verständnis daherkommt. In diesem Wie-sag-ich-es-ihr und Wie-kann-ich-mich-ihr-nähern so tollpatschig und ängstlich, jedesmal. Am besten gar nichts sagen, gar nichts tun und aus der Ferne, in seinem Zimmer. Heimlich. Jetzt dieser öffentliche Ort. So viele Verlockungen. Und Nebenbuhler. Konkurrenten.

Literatur ist Liebe. Eine Möglichkeit, die sich zufällig aus der Alliteration ergibt. Beides ist aber Rausch. Darin stimmen beide überein.

Wie übermütig ist man im Rausch. Wie töricht so oft. Unzurechnungsfähig? Verminderte Schuld? Vielleicht. Wenn es nicht Bücher, sondern Alkoholika gewesen wären, es wäre eine Warnung ausgesprochen worden. Ich blieb nüchtern, seltsam eingeschüchtert. Und wie nah beieinander war da auch der Impuls, nur weg. Ich hätte mich unter den Augen der Anderen nicht berauschen wollen. Ich hätte mich geschämt.

Wenn Literatur diese Liebe ist, ist sie intim. Ein kleiner Kreis von Zwei, die nicht gestört werden wollen.

Und wenn ich die Literatur der Berauschten lese, ist da immer auch das Gefühl von Intimität dabei, eine, bei der ich der Eindringling bin und die ich auch nie werde ganz verstehen können. Man kann Liebende niemals verstehen, sofern es den Rausch betrifft. Es gibt Literatur und wahrscheinlich könnte ich wirklich ganz vernünftig über sie sprechen, doch bleibt mir ein Kern auf ewig verschlossen. Mir geht es so mit Faulkner. Mir geht es so mit Proust. Mir geht es so mit ein paar Anderen. Und bei diesen ist es diese mich reizende Verschlossenheit, hinter der nicht die großen Wahrheiten stehen müssen, die mich aber immer wieder so sehr in einen Rausch versetzen kann, von dem ich glauben möchte, sie hätten dasselbe erfahren, als sie diese Literatur verfassten. Als hätten sie für mich….Nein, sicher nicht. Es ist ein Rausch, wie gesagt. Da denkt man manchmal solche Dinge.

Wenn Literatur wie Liebe ein Rausch ist, so wird die Nüchternheit folgen. Und sollte es wahrscheinlich auch. Niemand kann ewig im Rausch sein, ewig verliebt, ewig nur zu zweit.

Ein Aspekt von mir fand sich in dieser anderen Nüchternheit einfach nicht zurecht. Und wenn es mir etwas hätte geben können, so hätte ich die Happy Hours, die jeden Tag zur selben Zeit stattfanden, des Rausches zuliebe, in Anspruch genommen, als Aufputschmittel, um hinter den Büchern möglicherweise doch noch Literatur zu finden. Wahrscheinlich aber rede ich mir da nur etwas ein. Ich habe dieser Versuchung nicht nachgegeben.

 

 

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10 Gedanken zu “Von der Messe (3/3,5): Faulkner, Proust und Happy Hour

  1. Immer mehr komme ich in’s Zweifeln, ob diese Messe gut für Sie ist.
    Sind denn die anderen nicht berauscht, sehen Sie Bücher nur noch als Ware?
    Oder ist es so, dass mache Bücher den Umsatz bringen müssen, damit einige Auserwählte berauschen können?
    Traurig wieherte der weiße Schimmel und galoppierte davon statt zu fliegen.

    • Ein Essay ist immer eine Übertreibung und beleuchtet zumeist nur einen Aspekt. Und es stünde mir nicht zu und ich fände es auch langweilig, rigoros über andere zu urteilen. Das wäre dann doch zu billig.
      Wir sind alle nicht aus einem Guss und manchmal ist es nicht verkehrt, sich einen kleinen Sprung, eine Unebenheit genauer anzusehen.
      Die Messe war nützlich, das auf jeden Fall. Doch wie sagt man manchmal in Filmen und ich wende es auf mich an: „Ich bin mehr so der stille Typ“.

      Alles ist gut.

      .

  2. Eine sehr schöne Liebeserklärung an die Literatur, Herr Hund. Und an den Genuß von Literatur. Da stimme ich mit Ihnen überein: Die oder eine andere Messe ist auch mein Ort nicht, um mich an der Literatur zu delektieren.

  3. Schön, die Bücher still und leise, intim zu lieben.
    Solltest du die Buchmesse noch einmal besuchen, dann geh bitte zu der Abteilung, in der Kunstbücher flüstern. Da ist leise Liebe zu finden. Worte, Silben, Lyrik, Gedanken wunderbar gestaltet und Raum, es in Stille wirken zu lassen.

  4. Und dann doch: Wie selten ist die Lektüre doch wirklich Rausch. Auch der Gang durch die Bücherwelten war mir auf dieser Messe verhalten. Finanzfragen und lesemüde Augen, das sind Lustkiller.

    • Natürlich. Um im Bild zu bleiben, ist so manches Buch ein, wenn auch vielleicht reizvoller One-Night-Stand. Rausch bis zum Kopf verlieren, den fand ich selbst nicht immer, doch gelegentlich. Sicher nicht, auch nicht zu erwarten, bei der Messe.
      Als Liebhaber wurde ich ihrer bald überdrüssig.

  5. Messe. Sich messen. Die Stillfeinlieben mit den Lauttrommeltösern. Wer gewinnt am Ende? Nur scheinbar die Lauten, doch deren Hall ist bald verflogen, während die Stillen in Biblotheken, in Kaminzimmern, in Dachkämmerchen, in Studentenbuden, in Palästen und Holzhütten wohnen und immerdar geliebt werden. Und eigene Messen abhalten. Wo keiner gewinnen muß, weil alles schon gewonnen ist, was wichtig ist.

  6. Als klitzekleine Buchhändlerin entdecke ich auf dieser Messe jedes Jahr auch wieder trotz der Überfülle wunderbare Pretiosen, die ich ohne das Herumschlendern nicht entdeckt hätte, weil sie nicht so lautstark beworben werden.
    Meine Kunden warten schon immer sehnsüchtig darauf, was ich für sie entdeckt habe.
    Für mich ist und war diese Messe noch nie Handelsplatz, insofern habe ich Glück, sondern jedes Jahr ein niemals vollständig zu erforschender Buchkontinent, mir würde etwas fehlen.
    Die Intimität des Lesens kommt ja automatisch später im stillen Kämmerlein, das Berauschen an den Buchstaben, dem Text.
    Autoren, die glauben, dort einen Verleger zu finden, sind schlecht beraten und die neuen Lockangebote der Gruppen „Verlag sucht Autoren“ oder „Wir drucken Ihr Buch“ Fallen, in die niemand tappen sollte, es sei denn, er möchte sein Geld zum Fenster hinausschmeißen.
    Doch jeder hat andere Erwartungen an diese Messe und so gibt es Enttäuschungen, Ernüchterungen und eben auch Begeisterung.

    Lieber Gruß an den stillen Herrn Hund -:))

    • Und diese Ernüchterung hatte ihr Gutes und war lehrreich, nur dass ich noch hätte viel davon haben können, dafür habe ich, um die Leidenschaft des Schwärmers ein wenig sich abkühlen zu lassen, zu lange gebraucht und so blieb mir am Schluss ein halber Tag am Ende, an dem ich einige schöne Entdeckungen habe machen können und ein paar wenige sehr gute Gespräche zuvor. Aber doch eben nicht als der ein wenig kindliche und euphorische Herr Hund, die Poetenseele.
      Ich hatte zwar auch zum Schluss hin keine Krawatte und keine Bügelfalte, doch, das denke ich schon, habe ich mich angemessener bewegt und längst nicht mehr so oft, eigentlich gar nicht mehr, verlaufen.
      Abgesehen davon war ich sowieso nicht auf der Höhe.

      Also alles prima. Alles gut.

      Warum ich nichts davon erzählt habe? Es war nicht so sonderlich spannend. Lehr- und hilfreich, aber nicht spannend.

      Liebe Grüße Zurück.

      P.S. die Schlangen von Autoren/Illustratoren, die zum Casting anstanden sind mir übrigens aufgefallen.

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