XVI. Kleine Katzen, große, Wildschweine und ein Lied gesummt.

Wir zogen in den Kampf. Also Komplettausrüstung, Faltsieb statt Fellohrmütze. Hinzu das Inkognito über dem Gesicht. Tischer frisch rasiert, ich selbst unrasiert. Mir verschaffte das ein wenig wildes Aussehen. Tischer ist naturwild.

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Das „Texte sind was für Luschen“ kam nicht einmal über seine Lippen. Es ging um wilde Katzen, nicht zwar in der Sonderanfertigung wie Tischer mit den ganzen Extras wie grenzenloser Mut, kompromisslose Wildheit und Schlafen, bis was passiert. Nein, aber das andere, schön, geschmeidig und instinktsicher hat sie und die Wildkatzensolidaritäterätätät ist gebongt.

Und dafür die Maske, Tischer nur zu erkennen an seiner Latzhose und seinem Charme. Ein wenig zittrig war ihm wohl, so ganz inmitten von lauter Texten. Aber das ist ja auch ein Mut, wenn man außerhalb seiner Elemente den Kampf annimmt. Tischer macht mich immer wieder stolz. Das „Geh nicht weg, bleib ja in meiner Nähe!“ hat er mir wirklich nur ganz zaghaft zugeflüstert. Ich bin sein Pansa und bleib. Und trag ihn durch die Elemente. Sofern es nicht Wasser mit Tiefe ist.

10270765_711666905577886_3822115176262989823_n(Übrigens, das nette Bild hat, ganz furchtlos, der ehrenwerte Herr Kienbaum gemacht und mir zur Verfügung gestellt. Ich schließe aus seiner Furchtlosigkeit auf jahrelange Safari-Erfahrung, kann mich aber irren. Ganz sicher weiß ich, für gute Bücher, da hat er einen Blick.)

In seinem Element hier wäre Marcel gewesen. So viele Bücher und gar nicht wissen, wo anfangen mit Schmökern und Versinken. Doch Marcel ist ein ruhiger, ein wenig scheu, ein ein wenig aus der Zeit geratener Poet eben. Und alle hätten ihn drücken wollen und er doch nur lesen. Tischer ist beim Gedrücktwerden robuster und Lesen ihm ja kein Hauptbedürfnis. Nun also, obwohl so ein schöner Buchladen Marcels Element wäre, das Kämpfen im Rudel ist es eher nicht. Tischer muss ich nur zurückhalten, sonst schnappt er sich die Ozelote und will gleich die ganze Stadt unterwerfen.

Tischer hielt sich vornehm zurück. Ein guter Tag. Mir hat er noch gestattet, ein Buch zu kaufen. Danke Tischer.

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Und dann bewies doch noch Marcel seinen Mut, zwei Tage später, denn er begab sich mit mir in die Wildnis. Tischer war an diesem Tag unabkömmlich. Er schlief. Es war ein Montag.

Marcel und ich, wir beide wollten einen guten Freund besuchen. Marcel nennt ihn liebevoll „Bruder Joachim“. Und auch dafür fand sich die passende Kopfbedeckung: Kutteldaddeldu-Pudelmützen-Imitate. Ja, wir machten uns auf den Weg zu Ringelnatz.

Ein wenig wild war es da, wie gesagt. Verwunschen. So gar keine geraden Wege. Ein Paradies für Wildschweine. Hier wurde es Marcel etwas zittrig zumute. Wildschweine, das sind die, die viel besser Trüffel finden und sich viel weniger daraus machen. Die rennen durch Büsche, da, wo gar kein Weg ist und graben um und um und um und um. Am Eingang der Hinweis „Bitte Tor geschlossen halten!“. Wir hielten es für nachvollziehbar und uns daran.

Und dann standen wir auf dem Friedhof, später Nachmittag

Eine Anmerkung: auch hier werden wie bei einer Messe die Stände, die Liegeplätze nach Nummern und Buchstaben geordnet. Das ist leicht, meinen Marcel und ich. Wir werden schnell hinfinden zu „Bruder Joachim“. Eine zweite Anmerkung jedoch: ein solcher Liegeplatz befindet sich nie am Ende einer geraden Linie. Das haben Messen Friedhöfen, wie einem solchen, voraus. Also die Folge: Wir verliefen uns erstmal. Nirgendwo ein Hinweisschild: bis zu Ringelnatz noch 200m, dann rechts abbiegen.

Zu dem Menschen, den man sucht sollte man auf anderem Weg kommen, nicht planmäßig. Wir wollten zu Ringelnatz. Für uns hieß das, langsam wurde es dunkel, zurück zum Ausgangspunkt, sich ein weiteres Mal den Weg einprägen -diesmal konzentrierter und nicht gleich stürmen-  und los.

Jetzt schnell gefunden (12-D-21). Der heikle Teil des Vorhabens stand an: La Paloma. Wir also die Mützen auf, Marcel die rote, ich die blaue. Die hatte ich mir leihen müssen von Madame. Für das nächste mal habe ich eine eigene, fest vorgenommen.

Die Köpfe präpariert, einigten wir uns auf eine Tonlage und begannen……zu summen, leise, ein wenig schamhaft, denn wir wissen nicht, ob man sowas darf auf einem Friedhof. Das Aktionsbündnis „Poetische Nasen“ hat mir in dem Punkt allerdings zugesichert, es würde Ihm gefallen. Das war für mich und Marcel ausschlaggebend. Der Kompromiss war da ein zwar leises, aber inniges Summen. Er wird es gehört haben.

Und weil wir gerade so überaus mutig zu Gange waren, wollte Marcel gleich ganz übermütig sein und sich offenbaren. Ich gehe davon aus, dass da noch mehr kommt an Offenbarungen und habe schon Angst davor, wenn nächstes Jahr wieder Marcels Nacktwochen anstehen. Jetzt aber, es ist November, nur Marcel im Kleide, mit roter Mütze, noch ganz erhitzt vom Summen für Bruder Joachim:

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Wildschweine zeigten sich übrigens keine. Tischer hätte das aber gefallen.

Das war unser Besuch bei Ringelnatz und Marcels Offenbarung. Danach ging es schnell nach Hause, Auf dem Weg dorthin unter eine warme Decke, zu einer heißen Tasse Tee und mein kleiner Poet zu seiner Muse, ließen wir das Olympiastadion links liegen. Das ist groß, klobig, uninteressant. Denn groß ist nur schön, wenn es die Nase von Ringelnatz ist, sowie schön ist das Kleinfeine seiner Poesie.

P.S. Das nächste jahr wird gesungen. Und Tischer geht dann auf Jagd.

 

 

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30 Gedanken zu “XVI. Kleine Katzen, große, Wildschweine und ein Lied gesummt.

  1. Applaus, Applaus – ganz groß von Ihnen und Tischer. Und ein lautes Singen muss da gar nicht sein, das innige Summen ist viel schöner! Ein Beitrag, so ganz im Sinne melancholischen Ringelnatz-Humors…danke schön!

  2. Wann immer ich Sie lese summt es in mir, freudig.

    Ihre Gedankenwelt ist großartig und ich muss auch gar nicht mehr 3 x Lesen, um Ihnen folgen zu können.
    Das ist lieb von Ihnen.

    Freundlichst, Ihre AraBELLa

  3. Mein Güte, was Sie sich alles trauen mit Ihren Gefährten! Gut, daß Sie für jede Situation den passenden Begleiter haben. Summen geht zwar auch alleine, aber an der Größe Ringelnatzens gemessen, zählt jedes Mmmmhmmmhmmhhmm. Und gut, daß die Wildschweine Sie in Ruhe ließen, Konkurrenzdenken scheint keine typische Wildschweineigenschaft zu sein.
    Herzliche Grüße zum bonfortionöswildverwegen Herrn Hund, Ihre Frau Knobloch, lediglich verswildverwegen.

    • Na na na, mit Ihren Spanky-Aktionen sind Sie schon sehr gut dabei, auf dem Weg und längst vor Ort, dorthin und da, wo die Orden am Bande und Blumenkronen verliehen werden den Wildverwegenen und Poerischfreidenkenden.
      An Ihnen ist nichts lediglich…..PUNKT.

      • Dieses „An Ihnen ist nichts lediglich…PUNKT.“, das krawummste mir eben so durch die Pupillen direkt ins Herz, einen Schlenker über weiche kniehinlegend und dann zurück in den Kopf, wo es in tausende funkelnde Scheißherzchen explodierte und mich raus vor die Türe katapultierte, in die kalte Novemberluft, um die Wangenhitzigkeit abzumildern. Danke, das ist mir ein ganz hohes Kompliment. Herzlichst, Ihre Frau Knobloch schiersprachlosgemacht, mal wieder.

  4. Mir gefallen neben deinen Worten die Bilder, die muss ich heute mal besonders hervorheben. Mit Faltsieb im Buchlanden, Herr Hund, das ist wahrer Mut und wahre Individualität.

  5. Lieber Herr Hund,
    der furchtlose Herr Kienbaum dankt herzlich für die Berichte über a.) die gemeinsame Pirsch durch den Bücherdschungel, die Heimat des tatsächlich furchtlosen Ocelots und b.) Ihren anschließenden Ausflug mit Marcel zu Joachim.
    lg_jochen
    P.S.: Um Tischer zu fotografieren, zumal maskiert, braucht es keine jahrelange Safari-Erfahrung, hier irren Sie in der Tat; Geduld und Freundlichkeit reichen aus. Und dass Sie mir einen Blick für gute Bücher attestieren, läßt mich beinahe leicht erröten (vor Glück).

  6. Stand da nicht irgendwo mal geschrieben: „Hätt’s nicht einfach ein Buch sein können?“ – gemeint als Preis anstelle des Faltsiebes?
    Aus heutiger Sicht blanke Kurzsicht. Was täte man mit einem nicht selbst ausgesuchten Häufchen Papier, das womöglich nicht einmal gefällt? So ein Faltsieb – scheint mir mittlerweile – sollte jede:r haben.

    Auch, und vor den Nacktwochen habe ich keine Angst.

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