Wie lerne ich zu schreiben wie Herr Hund? Lektion 7: die erste Große Pause nach den Sommerferien

Fassen Sie mal hierhin, an mein Herz! Das muss die Rührung sein. Wie stark es schlägt.

Sie kommen also noch? Da warte ich bereits. Seit Wochen. Und langsam ging so der Sommer in den Herbst über. Ohne mich zogen dieses Jahr die Vögel in den Süden. Hatten Sie angenommen, es wären Malerarbeiten in Gange? Stand irgendwo, nicht berühren, nicht eintreten? Können Sie sich vorstellen, wie sich das anfühlt? Man hat ganz was Feines vorbereitet, in meinem Sinne Erhebendes, Brillantes und Niemand kommt. Keiner, der einem an den Lippen hängt? Einer, mit Undankbarkeit und Verrat weniger vertraut als ich, wäre daran verzweifelt. Natürlich. In diesem Zimmer ganz alleine und nach der x-ten Wiederholung der einstudierten Rede und nirgendwo eine Playstation ging ich dazu über, an der Tafel mit der Kreide Tic-Tac-Toe und Schiffeversenken gegen mich selbst zu spielen. Ich stellte wiederum fest, auch darin unschlagbar zu sein.

Dann fiel mir erst letzten Freitag auf, dass mich wohl die gelegentlichen Teilnehmer anderer Kurse in diesem Raum nicht zu bemerken schienen. So vertieft waren sie in ihre Bastelarbeiten, in ihr Aquarellmalen und Saxophonblasen, dass für einen verlassenen Kursleiter keine Aufmerksamkeit übrigbleiben konnte. Nicht ihr Kurs, nicht ihr Lehrer, ein unwesentlicher Einrichtungsgegenstand. Sie fühlten sich nicht einmal gestört. Da wusste ich, mir fehlt etwas.

Ich bin ohne Sie nicht vorhanden. Sie sind der Kurs. Einer ist es nicht. Durch Sie entsteht erst die Poesie. In Ihrem Vernehmen und Aufnehmen. Allein ich und sie bleibt stumm. Und mein Bedürfnis nach Macht? An den Saxophonbläsern konnte ich sie nicht ausleben. Sie waren zu laut für meine Worte. Ein unpoetisches Instrument ist so ein Saxophon. Wie die gesamten 80er-Jahre unpoetisch gewesen sind.

Das Schlimmste war allerdings gewesen, ich hatte nichts zu lesen mitgenommen, nur einen IKEA-Katalog für eine Lektion, deren Inhalt mir mittlerweile entfallen ist. Nun, ja, natürlich, ich hätte mir selbst einen grandiosen Roman schreiben können. Die Zeit war da, die Gedanken und Einfälle sowieso. Nur ging die Kreide für die Tafelspiele drauf.

Nun sind Sie da, Ausgelernte, eine irrige Meinung, ich bemerke es, und schauen mich an, als hätten Sie mich hier nicht mehr erwartet. Aber ich bin es, noch immer.  Blieb da. Warum? Wegen der Liebe zur Lehre, zu Ihnen, meinen lieben Schülern. Es ist nicht das Geschickteste, das zu sagen, aber in einigen sah ich durchaus Potential. Jetzt, so viel Zeit ist vergangen, erinnere ich mich kaum noch an Ihre Gesichter.

Einmal hatte ich einen Sittich, Männlein oder Weiblein und wie alt, das weiß ich nicht mehr. In Erinnerung blieb mir nur, ich ließ in verdursten, ließ ihn zurück in dem Internat, auf das ich ging, und fuhr in die großen Ferien. Es ist ein ähnliches Gefühl für mich heute, so wie es der kleine Piepmatz damals gehabt haben musste: ich wäre verdurstet, hätte ich noch länger warten und darben müssen. Ist ein Kursleiter nicht so viel wert wie die Vögel in den Käfigen? Jetzt ist mir fast, ich bin gänzlich ausgetrocknet und ich kann nur krächzen, wo ich mit kraftvoller Stimme belehren möchte. Tun Sie das mir bitte nicht noch einmal an.

Hier an dieser Wand, sehen Sie, da hängen noch die von Ihnen geschriebenen Texte. Es finden sich durchaus Spuren von großem Talent darin. Und ich gab die Hoffnung auf, sie würden irgendwo hinführen. Jetzt könnten wir die Spur wieder aufnehmen, fortfahren mit dem, was so vielversprechend begann.

Wollen Sie fortfahren? Ja? Im Grunde ist da ja kein Fortfahren mehr. Kann sein, es wäre von vorne zu beginnen, Ihr poetisches Feuer neu zu entfachen. Es muss mittlerweile nur noch ein banges Glimmen sein. Warum nur sind Sie nicht gekommen? Was war all die Zeit, die Wochen, die ins Land zogen, so sehr viel wichtiger, als das, was Sie hier hätten lernen können? Wie? Das Leben? Gehen Sie mir weg mit Leben. Wollten Sie Schreiben lernen oder das Leben?

Sie fragen nach meinem Leben? Ich bin Kursleiter, schlecht bezahlter, ich habe keins. Ich habe Ideen, großartige, ich habe kein Leben. Vielleicht habe ich Ideen, weil ich keins habe. Würde ich sonst mir für jede Woche Neues ausdenken zur Gestaltung einer schönen Stunde für meine Schüler, Schülerinnen, alte Geschichten von verstorbenen Singvögeln erzählen, wenn ich heute ein Leben hätte. Ein Lehrer hat kein Leben, er hat seine Schüler. Die sollen es einmal besser haben.

Meinen Genius, ramponiert von den Strapazen der letzten Wochen, ich nehme Sie da durchaus in die Verantwortung, den opfere ich bereitwillig den Zukünftigen, Ihnen. Wollen wir zusammen versuchen den Weg weiterzugehen, um das Leben herum, große Ferien, große Pausen ignorierend, mitten hinein in die Poesie?

Nur geben Sie mir bitte erst ein Glas Wasser oder eine Tasse Tee. Mich dürstet. Und vielleicht lassen Sie mich eine Nacht nur schlafen und dann, gleich morgen oder nächste Woche, dann wollen wir den Weg wieder aufnehmen. Schauen wir, ob uns das möglich ist.

Jetzt will ich aber erst trinken, erst schlafen. Und, es sei mir gegönnt, von Candy Dulfer träumen.

(zu Lektion 1 + 2 + 3 + 4 + 5 + 6 + 100)

 

 

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19 Gedanken zu “Wie lerne ich zu schreiben wie Herr Hund? Lektion 7: die erste Große Pause nach den Sommerferien

  1. Selbst da ich weiß, ich lerne das nicht.
    Lesen kann ich und denken und mich hier wohl fühlen, nicht nur weil Lili hier war.

    Hätte es Sinn in Sachsen Flyer Ihres Vorhabens zu verteilen, ich wäre bereit.
    Zu vermuten steht jedoch, bei dieser Entfernung sind die Chemnitzer zu sturr, oder ?
    Freundliche Grüße aus dem Freistaat, Ihre AraBELLa

  2. Ein feiner Text verehrter | Chapeau.
    Doch frech wie ich bin sehe ich diese Aussage: Ein unpoetisches Instrument ist so ein Saxophon.
    Eher sehe ich es Poetisch. Lg_L

  3. Tag der Herr Kursleiterhund!
    Ist denn schon wieder Dienstag? (Jippie!)
    Das Schreiben lernen?
    Statt des Lebens?
    Auja!
    Oder geht nicht doch beides?
    Es grüßt sehr herzlich,Mensch Päddra,verkappte Dichterin

  4. Er hat sich zum Schlafen zurückgezogen, unser Kursleiter. Wie er wieder schreibt, lesen wir uns den Text gleich nochmal vor. „Ich bin ohne Sie nicht vorhanden. Sie sind der Kurs. Einer ist es nicht. Durch Sie entsteht erst die Poesie.“ Toll, oder? Er ist nicht umsonst unser Kursleiter. Und wie er die Gedanken verweben kann, ich staune.
    Und da er gerade träumt, können wir doch einen Plan konstruieren, wir werden es ihm zeigen, das Leben. Mitten hinein ins Leben! Und dann mitten hinein in die Poesie!

    • Ein wenig Biographie: ich war früher sehr schlecht in Bildende Kunst und Handarbeit, einzige zwei Ausnahmen Weben und Töpfern. Also ja, ich verwebe gerne und wie gut sich am Schluss auf dem Gewobenen fliegen lässt, ist immer wieder eine spannende Angelegenheit.
      Was ich am Webstuhl gelernt habe, hat direkten Einfluss auf mein Schreiben: Schöne (nicht unbedingt wertvolle) Teppiche aus vielen kleinen Stoffresten, was gerade da ist. Das Meiste taugt.

  5. Ui, jessas.
    Ich verkrümel mich mal in die hinterletzte Bank und hole 121 Lektionen nach.
    Vielleicht nehme ich auch den Kaugummi von unterm Stuhl und lasse mich davon inspirieren. Irgendwo war doch was mit Ideen. Vielleicht ein Schiff damit versenken?
    Ziehen Sie… besser…

    Den Kopf wollte ich sagen.

  6. Bin ich zu spät? Haaaalooo? Wo seid ihr denn alle hin? Mist…
    Naja, putze ich halt erstmal die Tafel, die ist ja vollkommen vollgekritz…Oh, ist das neuerdings der Kurst „Abstrakte Kunst- Wie erschaffe ich Vergängliches für die Gegenwart“? Ähem, putzen oder nicht…

    • Huhu! Sie haben kaum etwas verpasst Frau Knobloch,der Herr Hund hat nur einmal kurz zur Tür hereingeschnüffelt und das wars….weg warer wieder. Kein Auftrag,keine Hausaufgaben – nix! Ich hab mir aber selbst was ausgedacht…ich will ein Märchen schreiben…den Anfang hab ich schon – „:Es war einmal eine……“ Bin mächtig stolz auf mich,habe aber das Gefühl,mit Unterstützung von Herrn Hund wäre der erste Satz irgendwie besser geworden…..
      Grüüüße!! 🙂

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