Das Verschwinden einer Geschichte

Das letzte Mal den Rübezahl vor einer Horde Knirpse gegeben. Legt die Verkleidung ab und geht nicht etwa nach Hause, sondern verschwindet einfach, ist weg, Christoph, der keine näheren Bekanntschaften hatte, was online passierte, soll hier nicht zählen. Im Kinderhort „Tannenwald“ die Märchenstücke geben war bis dahin eine Regelmäßigkeit in Christophs Leben. Und den Kleinwüchsigen schien es immer gefallen zu haben. Kinder, Johannisbeersaft aus schnabelnasigen Bechern schlürfend, lassen sich leicht zufriedenstellen. Einfache Geschichten, die anschließenden Warum-Fragen nicht ernst gemeint. Es wird dazu in Zukunft nicht mehr kommen. Man wird sich anderes einfallen lassen müssen.

Mit dem Kostüm hat Christoph gänzlich alles abgelegt. Er hat den Bergriesen zu lange gespielt. Und sein Leben? Ein Irrlicht, ohne Geschichte, ohne bestimmte Richtung, worauf das hinauslaufen sollte. Dann auch keinen Namen mehr, die Identität wird zurückgelassen. Es ist zwar kalt, kein Schnee, aber Dezember, kurz vor Weihnachten, doch für ihn für Weihnachtswunder längst zu spät. Da kommt nichts mehr.

Das Stück, erfolglos, ist für ihn abgespielt, das Varieté beendet. Ohne Spuren endet jede Geschichte, wenn es denn eine gegeben hat, mit dem Verschwinden. Wirkliches Verschwinden, nicht nur sich in eine Ecke legen, einschlafen, zu Beginn noch schnarchend, dann endend irgendwann in der Nacht der eine und geht in den ewigen Schlaf einfach über. So ist es nicht. Den Namen loswerden irgendwie, sich als Person, was immer das sein soll.

Die Identität, manchmal im Rausch, im Eierlikördusel für Momente, jetzt völlig loswerden und sein, irgendwas, nur nicht das Eigene und keine, ja was, Geschichte mehr haben, wie ein Stein, ein Baum, unerkennbar werden für die Menschen um einen.

Möglicherweise wird er umkehren, weil ihn friert. Oder eben nicht und er verschwindet, bevor die Geschichte weitererzählt werden kann, die alles war, nur kein Märchen und er ein Rübezahl darin.

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18 Gedanken zu “Das Verschwinden einer Geschichte

  1. traurig ist sie diese Geschichte :“ nur nicht das Eigene und keine, ja was, Geschichte mehr haben, wie ein Stein, ein Baum, unerkennbar werden für die Menschen um einen“
    herzliche Grüße zum Geschichtenerzähler, dem dieses Schicksal erspart bleiben möge

      • Ich stelle fest, wir mögen dich mit Zeit und auch unter Zeitdruck. Ich wünsche dir natürlich gerne mehr Zeit, dennoch sind deine Worte auch in dieser Phase köstlich. Alles Gute euch in dieser Phase!

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