Joseph Roth (I) – Der leere Platz, vor seinem Ende

Selbst der Ewig-Reisende, der immer schon in vorläufigen Welten sich bewegt, und in Schriften davon festhält, was ihm möglich ist, in den rasch wechselnden Zeiten, kann eine Heimat verlieren, seinen Glauben, die Grundlage seiner Existenz:

„Gegenüber dem Bistro, in dem ich den ganzen Tag sitze, wird jetzt ein altes Haus abgerissen, ein Hotel, in dem ich sechzehn Jahre gewohnt habe – die Zeit meiner Reisen ausgenommen. Vorgestern abend stand noch eine Mauer da, die rückwärtige, und erwartete ihre letzte Nacht. Die drei anderen Mauern lagen schon, in Schutt verwandelt, auf dem halb umzäunten Platz. Wie merkwürdig klein schien mir heute dieser Platz im Verhältnis zu dem großen Hotel, das einst auf ihm gestanden hatte! … An der einzigen Wand erkannte ich noch die Tapete meines Zimmers, eine himmelblaue, zart goldgeäderte. Gestern schon zog man ein Gerüst, auf dem zwei Arbeiter standen, vor der Wand hoch.Mit Pickel und Steinhammer schlug man auf die Tapete ein, auf meine Wand; und dann, da sie schon betäubt und brüchig war, banden die Männer Stricke um die Mauer – die Mauer am Schafott. … Jetzt sitze ich gegenüber dem leeren Platz und höre die Stunden rinnen. Man verliert eine Heimat nach der anderen, sage ich mir. Hier sitze ich am Wanderstab. Die Füße sind wund, das Herz ist müde, die Augen sind trocken. Das Elend hockt sich neben mich, wird immer sanfter und größer, der Schmerz bleibt stehen, wird gewaltig und gütig, der Schrecken schmettert heran und kann nicht mehr schrecken. Und dies ist eben das Trostlose.“ (Wilhelm v. Sternburg, Joseph Roth – Eine Biographie, Verlag Kipenheuer & Witsch, S.469f.)

Es blieb zudem der Glaube an das Wiederauferstehen der K.u.k. – Monarchie, für ihn eine letzte Rettung vergangener Heimat und Zeiten, bei Roth eine irritierende Seltsamkeit angesichts seines wachen Blicks auf die historischen Gegebenheiten. Und es rettete ihm nicht das Leben. Mehr ein Getriebener fast als ein Vertriebener, das in jedem Fall auch, doch darin beweglicher als andere zu dieser Zeit, schafft Roth sich dieses katholizistisch-monarchistische Scheinweltbild, um der tatsächlichen Katastrophe, kurz vor Ausbruch des zweiten Weltkriegs noch etwas entgegensetzen zu können.

Joseph Roth, desillusioniert, heimatlos, weil seiner Lebensweise beraubt, stirbt zuletzt an den Folgen seines Alkoholismus im Mai 1939 in Paris. Im September desselben Jahres fällt Hitler-Deutschland in Polen ein. Der zweite Weltkrieg beginnt, die Katastrophe findet ihre Vollendung.

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11 Gedanken zu “Joseph Roth (I) – Der leere Platz, vor seinem Ende

  1. Ich kenne Joseph Roth literarisch noch nicht, doch…
    …die Beschreibung, wie er seine Heimaten nach und nach verliert, ist sehr berührend.
    Blassblau mit Goldornamentiken, weggerissen, umgeschlagen.
    Bei uns wurde das alte Jugendzentrum abgerissen. Es war ein kindheitvertrautes Haus, ich war dort gern als Jugendliche.
    Ein wehes Gefühl, als das Haus aus der Jugend der große Bagger einfach Brocken für Vrocken auffraß, alle Fenster knackte, bis sie platzten und knallend zerbarsten…

    Liebe Grüße
    von der Karfunkellfee

    • Wenn Sie wollen und ich durch Roth durch bin, würde Ihnen dann gerne das ein oder andere empfehlen. Sollten Sie nicht so lange warten können, verrate ich Ihnen die Bloggerin, die mich durch ihre Beiträge auf Roth wieder aufmerksam machte.
      Diese Beschreibung von Roth ist mir jedenfalls sehr nahe gegangen, mehr mit dem Herzen als mit dem Kopf, denn lange ghabe ich gebraucht, hierfür die richtigen Worte zu finden und glaube doch, sie nicht gefunden zu haben………

      Freundlichst
      Ihr Herr Hund

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