Unwidersprochene Behauptung von Gelehrten und Kennern

Beides bin ich nicht. Doch einen halbwegs gesunden Menschenverstand nenne ich mein eigen. Für alles sonst hätte ich ein Attest vom Arzt.

Hier aber bin ich mir sicher, ohne den Menschen zu kennen. Man stelle sich eine Geradebenhundertjährige vor, die nicht schnell genug ist und weit und breit kein Fenster oder Notausgang. Was passiert mit der? Die Arme wird gefeiert. Ein C-Politiker oder Bürgermeister hält eine Rede und verschenkt Blumen. Was die Dame, sagen wir, es wäre eine Näherin gewesen, alles erlebt hat. Erzählen Sie doch mal, Sie Zeitzeugin! Toll.

Kann so viel erzählen und will -möglicherweise- doch nur den Florian Silbereisen im Fernsehen anschauen. Hat man nicht einmal im Seniorenstift seine Ruhe? Sonst geht es doch auch. Ach glücklich die Zeiten, wo sie noch 87 gewesen ist. Still wurde gefeiert, also eben nicht, nur ein zusätzliches Stück Kuchen am Nachmittag. Dieser Wirbel nun, das kann einen irritieren.

Das die 100jährige ehemals Näherin.

Und jetzt bitte setze jeder 117 Jahre drauf und mache aus der Näherin einen recht bekannten Dichter. Der eben wegen seiner Bekanntheit, selber schuld, was macht er auch solche Verse, regelmäßig solche Ansprachen über sich würde ergehen lassen müssen: Zeitzeuge und Dichter. Doppelt toll! Hinzu, das denke man sich, die permanenten Blaskapellen und penetranten Streichquartette, die ganzen Orden und Kreuze, spätestens mit 150 Jahren kann die keiner mehr tragen. Und das Schlimmste, so hübsch sie auch sind, die kleinen Mädchen (oder sind es blonde Jungen, mit den Jahren, die Augen immer schlechter, sieht er nicht mehr so gut), die tragen die ewig gleichen, auswendig gelernten Gedichte vor.

Das würde passieren, hätte der Dichtergreis nicht früher schon festgelegt, seine Gedichte nicht für Schule, nicht für blonde Jungen und Mädchen, nicht vor dem Stimmbruch und dem Abschluss der Reife. Es mag, das würde ich gar nicht abstreiten wollen, ganz herrlich hübsch sein, so gelegentlich vorgetragen. Doch selbst das eigene Werk, das Possierliche daraus, ständig in feierlichem Ton, ab einem Zeitpunkt, da man jenseits aller Poesie sich schon befindet und anfängt Gefallen an Silbereisen zu finden, dem einzigen blonden Jüngling, den man noch gelten lässt in der beschaulichen Stille der eigenen, längst überfälligen Existenz, ermüdet.

Als Näherin mit Hundert hat man es schon schwer, als Dichter gar, jedermann bekannt, und einem übernatürlichen Alter, das wäre die Hölle.

Es wird behauptet, Heinrich Heine würde heute seinen 217. Geburtstag feiern.

Ich behaupte, würde er nicht. Wenn er nicht bereits schon die Schnautze voll davon hat, Heinrich Heine zu sein, dann doch sicher von diesem ewigen Herumfeiern um seine Person.

Aber was weiß denn ich? Ich bin weder Literaturwissenschaftler noch Altenpfleger. Vielleicht beginne ich zu verstehen, wenn ich erst einmal Hundert geworden bin.

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29 Gedanken zu “Unwidersprochene Behauptung von Gelehrten und Kennern

  1. Atteste können und mögen wohl denen helfen, die jenseits der 100 sind. Schlechterdings hält sich die Korrelation in Grenzen. Die so genannte „Alterspyramide“ macht ja tolle Sprünge, da brauche ich nur in meine Medikamenten-Kiste zu lugen.

  2. In Herrnhundblogreinrennend, ein Pardon für schlampiges Verschlüsseln ablegend, Kommentar in die Verschlüsselung einpflegend, übersichselbstkopfschüttelnd, auf Reaktion von Frau Karin wartend, dann sich zu überspitzten Jubiläen außernd, immer die Ihre, wieder türschlagend rausrennend…

  3. Das Fräulein stand am Meere
    und seufzte lang und bang.
    Es rührte sie so sehre der Sonnenuntergang.

    Mein Fräulein! sein Sie munter,
    das ist ein altes Stück,
    hier vorne geht sie unter
    und kehrt von hinten zurück.

    Wer so etwas schreibt, der schert sich wenig um aufdrinfliche Gratulanten.
    Fein und still haben Sie seiner gedacht, verehrter Herr Hund und das bei all Ihrem derzeitigen Einsatz.
    (Der sich selbstredend lohnt, wie ich gerade wieder las.)
    Das ist einer der Gründe, die Sie so sympathisch machen und für Ihren Erfolg bürgen.
    Freundlichst grüße ich Sie, Ihre AraBELLa.

  4. Oh. Mögen mich alle bekannten und unbekannten Geister davor bewahren nahe an dieses Alter zu kommen. Unerträglich & auch flach dies ertragen zu müssen. Welch Schauder zu all dem Valium noch C Prominenz und schlechten Kuchen. Und womöglich noch die falschen Gedichte holprig rezitiert. Alleine die Vorstellung ist entsetzlich.

  5. Also meine Herrschaften: bin zwar noch nicht 100-jährig, fühle mich eher halb so alt, aber ich bin doch nicht immer „on“ und deswegen habe ich die Umtriebe bei der hochgeschätzten Dame mit o nicht sofort mitbekommen. Jetzt bin ich aber Feuer und Flamme und immer noch etwas gerührt, ob dieses Zugetanseins dieses Jungvolks.
    Und was diese schreckliche Aufdringlichkeit den Oldies gegenüber betrifft, ich würde sie alle aus dem Tempel jagen….es ist doch keine „Leistung“ 100 zu werden, es ist, wenn man noch einigermaßen beisammen ist, ein Geschenk des Lebens und wenn man nicht mehr Herr seiner Sinne ist, eine Strafe, auch dazu Herr Heine:
    „Es ist sehr hart, auf einer Matratze festgenagelt zu sein, wenn alle Welt auf den Beinen ist und alle Ding im Fluß sind.“
    Ist nicht das viele Gerede um die zu Feiernden auch eine Selbstdarstellung der Schreibenden?
    Warum hat Heine nicht 1000 Leben oder wenigstens wie eine Katze 9, seine Kommentare würde ich heute gern lesen.
    Was das Fernsehen im Altenstift anbelangt: das wird den Anwohnern dort im Gemeinschaftsraum aufoktroyiert, dann sind sie still und ruhiggestellt und das Personal setzt ihm diesen ganzen Schrott vor und wehe, es protestiert einer.
    So nach dem Motto: alt = schwachsinnig.

    Ich bin im Moment gern alt an Jahren…mir geht es gut, sehr gut: ich habe einen verwegenen verjüngenden Vers bekommen -:)))

    Mit herzlichen noch ganz dürcheinanderseienden Grüßen

    Karin

  6. Und gerade heute durfte ich eine Feier einer beeindruckenden 90-jährigen Frau erleben. Es gibt sie, die anderen Feiern!
    Da sie nun umgezogen ist und nicht mehr regelmäßig ihr Büro mitsamt Computer zur Verfügung hat, hat sie heute einen Laptop geschenkt bekommen. Was ein Geschenk für eine 90-Jährige.
    Ich glaube, sie würde bei bestimmten Ansprachen und Liedern „Stopp!“ rufen. Ja, das würde sie.

  7. Ich denke, Herr Heine dürfte des öfteren einmal verzweifelt einen Notausgang herbeigesehnt haben …

    Und die Sache mit dem Altern … Hey, was soll’s? Ist doch eh alles Karma; denn wenn er kommt, dann kommt er halt, der Sensenmann. Kein Grund zur Beunruhigung also. 🙂

  8. Ich glaube, Heinrich Heine fände es gut, Heinrich Heine zu sein, wenn man ihn fragen könnte.
    Er war ein Weichensteller, einer, der schon zu seinen Lebzeiten viel bewegte, wie ging er mit der Anerkennung um?
    Frage ich mich, ich weiß zu wenig darüber.
    Nur, dass ich sein treuer Fan bin, schon seit langer Zeit.
    😊

    Fein, Ihre Worte, ein Lesevergnügen.

    Ergebenst,
    Die Karfunkelfee

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