Wie glücklich. Pech gehabt.

Zu schnell. Ich selbst. Die Unruhe. Das Fortreißen.

Für mich ein Held und glücklich, auch wenn, worauf es ankam, immer wieder verpasst wurde. Das Leben lenkte immer wieder ab. Konzentration und geduldige Kontemplation nur unter Laborbedingungen. Dass der Tropfen fällt, ist das eine. Das Warten darauf und Beharren dabei das andere. Und darin die Erfüllung finden.

Wie langsam alles dabei vonstatten ging. Welche Zähigkeit der Stoff, das Pech, bewies. Zwei Zeiten, das Sehr Langsame hier, das Leben dort. Mainstone starb irgendwann, verpasste alle Tropfen die fielen, fünf an der Zahl. Dennoch ein erfülltes Leben, von Pech, dabei glücklich. In der (fast) ständigen Beobachtung des Langsamen.

Und ich sitze an einem Fenster, schaue hinaus. Meine Gedanken schweifen: Sorgen, Sehnsüchte und ein Zählen. Gehe hinaus, sehe vom Wind bewegte Bäume und bin selbst doch mehr bewegt. Dann beim Lesen, von vielen Gedanken oft ein einziger, der von woanders her mich zieht.

Wäre ich lieber die Geduld oder das zähe Pech?

Das Pech ist bei allem doch unbelebt. Nur Physik, nicht Leben. Also lieber die Geduld und Konzentration.

Auf das, was mich erfüllt. Auch wenn ich es verpasse, ab und zu.

Regen. drinnen und draußen

Steht am Straßenrand, die Füße klamm, stecken in völlig durchweichten Socken, und will nur nach Hause: der Tambura-Kurs an der Volkshochschule war eine Idee seiner Mutter, bei der er noch immer wohnt. Lieber hätte er diesen Autorenkurs besucht, doch der Kursleiter soll verschollen sein. Er weiß, diese Geschichte wäre eine andere geworden, er hätte sich eine bessere aus dem Ärmel geschüttelt, wie aus Bembeln gegossen. So muss es eben so zu einem glücklichen Ende kommen ohne sein Zutun. Feen gibt es nicht. Irgendeine magische Eingebung nicht zu erwarten.

Wenn wenigstens nach all den Wochen er nun endlich fähig wäre, aus dem gebrauchten Instrument einen Gleichklang herauszuholen. Doch noch immer klingt sein Zupfen unregelmäßiger als sein Herzschlag beim Anblick der neuen Nachbarin, seltsame Verbundenheit, die er dieser nicht einmal schönen Frau, vermutlich Indien, entgegenbringt.

Und nun, es ist Dienstag Abend, die Woche noch lang, dieser Kurs heute ihr wahrscheinlicher Höhepunkt und er wartet auf den Bus, als eine Taxidroschke an ihm vorbeifährt, hinter den regennassen Scheiben wie als Teil eines Wasserbildes, zwar undeutlich nur, ein Gesicht sich zeigt, das ihm seltsam bekannt vorkommt. Es dauert nur einen Moment, da ist das Bild an ihm vorbei.

Er wird sich später zuhause nur noch an dieses Grinsen erinnern, als er draußen im Regen stand und die von irgendwoher bekannte Person drinnen im Trockenen, mit ihrer eigenen Geschichte und wahrscheinlich einem besseren Ende.

 

Joseph Roth (I) – Der leere Platz, vor seinem Ende

Selbst der Ewig-Reisende, der immer schon in vorläufigen Welten sich bewegt, und in Schriften davon festhält, was ihm möglich ist, in den rasch wechselnden Zeiten, kann eine Heimat verlieren, seinen Glauben, die Grundlage seiner Existenz:

„Gegenüber dem Bistro, in dem ich den ganzen Tag sitze, wird jetzt ein altes Haus abgerissen, ein Hotel, in dem ich sechzehn Jahre gewohnt habe – die Zeit meiner Reisen ausgenommen. Vorgestern abend stand noch eine Mauer da, die rückwärtige, und erwartete ihre letzte Nacht. Die drei anderen Mauern lagen schon, in Schutt verwandelt, auf dem halb umzäunten Platz. Wie merkwürdig klein schien mir heute dieser Platz im Verhältnis zu dem großen Hotel, das einst auf ihm gestanden hatte! … An der einzigen Wand erkannte ich noch die Tapete meines Zimmers, eine himmelblaue, zart goldgeäderte. Gestern schon zog man ein Gerüst, auf dem zwei Arbeiter standen, vor der Wand hoch.Mit Pickel und Steinhammer schlug man auf die Tapete ein, auf meine Wand; und dann, da sie schon betäubt und brüchig war, banden die Männer Stricke um die Mauer – die Mauer am Schafott. … Jetzt sitze ich gegenüber dem leeren Platz und höre die Stunden rinnen. Man verliert eine Heimat nach der anderen, sage ich mir. Hier sitze ich am Wanderstab. Die Füße sind wund, das Herz ist müde, die Augen sind trocken. Das Elend hockt sich neben mich, wird immer sanfter und größer, der Schmerz bleibt stehen, wird gewaltig und gütig, der Schrecken schmettert heran und kann nicht mehr schrecken. Und dies ist eben das Trostlose.“ (Wilhelm v. Sternburg, Joseph Roth – Eine Biographie, Verlag Kipenheuer & Witsch, S.469f.)

Es blieb zudem der Glaube an das Wiederauferstehen der K.u.k. – Monarchie, für ihn eine letzte Rettung vergangener Heimat und Zeiten, bei Roth eine irritierende Seltsamkeit angesichts seines wachen Blicks auf die historischen Gegebenheiten. Und es rettete ihm nicht das Leben. Mehr ein Getriebener fast als ein Vertriebener, das in jedem Fall auch, doch darin beweglicher als andere zu dieser Zeit, schafft Roth sich dieses katholizistisch-monarchistische Scheinweltbild, um der tatsächlichen Katastrophe, kurz vor Ausbruch des zweiten Weltkriegs noch etwas entgegensetzen zu können.

Joseph Roth, desillusioniert, heimatlos, weil seiner Lebensweise beraubt, stirbt zuletzt an den Folgen seines Alkoholismus im Mai 1939 in Paris. Im September desselben Jahres fällt Hitler-Deutschland in Polen ein. Der zweite Weltkrieg beginnt, die Katastrophe findet ihre Vollendung.

Das Verschwinden einer Geschichte

Das letzte Mal den Rübezahl vor einer Horde Knirpse gegeben. Legt die Verkleidung ab und geht nicht etwa nach Hause, sondern verschwindet einfach, ist weg, Christoph, der keine näheren Bekanntschaften hatte, was online passierte, soll hier nicht zählen. Im Kinderhort „Tannenwald“ die Märchenstücke geben war bis dahin eine Regelmäßigkeit in Christophs Leben. Und den Kleinwüchsigen schien es immer gefallen zu haben. Kinder, Johannisbeersaft aus schnabelnasigen Bechern schlürfend, lassen sich leicht zufriedenstellen. Einfache Geschichten, die anschließenden Warum-Fragen nicht ernst gemeint. Es wird dazu in Zukunft nicht mehr kommen. Man wird sich anderes einfallen lassen müssen.

Mit dem Kostüm hat Christoph gänzlich alles abgelegt. Er hat den Bergriesen zu lange gespielt. Und sein Leben? Ein Irrlicht, ohne Geschichte, ohne bestimmte Richtung, worauf das hinauslaufen sollte. Dann auch keinen Namen mehr, die Identität wird zurückgelassen. Es ist zwar kalt, kein Schnee, aber Dezember, kurz vor Weihnachten, doch für ihn für Weihnachtswunder längst zu spät. Da kommt nichts mehr.

Das Stück, erfolglos, ist für ihn abgespielt, das Varieté beendet. Ohne Spuren endet jede Geschichte, wenn es denn eine gegeben hat, mit dem Verschwinden. Wirkliches Verschwinden, nicht nur sich in eine Ecke legen, einschlafen, zu Beginn noch schnarchend, dann endend irgendwann in der Nacht der eine und geht in den ewigen Schlaf einfach über. So ist es nicht. Den Namen loswerden irgendwie, sich als Person, was immer das sein soll.

Die Identität, manchmal im Rausch, im Eierlikördusel für Momente, jetzt völlig loswerden und sein, irgendwas, nur nicht das Eigene und keine, ja was, Geschichte mehr haben, wie ein Stein, ein Baum, unerkennbar werden für die Menschen um einen.

Möglicherweise wird er umkehren, weil ihn friert. Oder eben nicht und er verschwindet, bevor die Geschichte weitererzählt werden kann, die alles war, nur kein Märchen und er ein Rübezahl darin.

XVII. Diplomatie

Aventiuren gehen nicht ohne Schmutz. Das ist Naturgesetz. Und da Tischer so ziemlich Natur ist, fällt er darunter. Uns fielen Streifen auf, die vorher nicht da waren. „Hab mich befördert“, meint Tischer. Verdient hätte er es. Aber mehr von Mut, als Tischer hat, das ist Utopie. Es soll nichts Unwahres erzählt werden.

Nein, Tischer ist Obergrenze an Mut. Die Streifen kommen woanders her. Wie beim letzten Mal und beim Mal davor und davor und immer Tischers Erklärungen, also die eine. Dazu das leichte Zittern, denn er weiß, was ihn erwartet. Jenseits der Obergrenze von Mut wird es feucht. Und eigentlich ist das geklärt zwischen Tischer und feucht: jeder bleibt auf seiner Seite. Sie teilen sich das Ganze, als wär’s Chicago, Al Tischer und Al Feucht.

Jetzt krieg die mal zusammen, wenn da zu viel Streifen sind und Tischer vielleicht Gefahr läuft, übermütig zu werden. Da muss was getan werden, auch in seinem Interesse. So ein Zusammenkommen von Al Tischer und Al Feucht findet 2 bis 3 Mal im Jahr statt. Es soll friedlich bleiben, also dass „es kein böses Blut“ gibt. Das kostet Nerven, uns Unbeteiligte. Man wird da so hineingezogen und muss da durch.

Es gibt einen. der sowieso der Klügste von uns ist, der schnell gelernt hat, nämlich Marcel. Er hat ein ausgleichendes Wesen und ist auch sonst nicht auf den Kopf gefallen. Ein Diplomat, wie ihn sich die Uno wünschen würde. Angefragt hat sie noch nicht. Und außerdem, mit Tischer, da hat er schon genug zu tun. Nimm alle Weltkrisen zusammen, das Spitz auf Knopf, nicht das Dumme daran, und du kommst so ungefähr an das heran, was ein Tischer sein Tagwerk nennen würde. Und Marcels Tagwerk, sofern er nicht die Nase tief versenkt hat in Tolstoi oder einen anderen Dickseitigen, besteht darin, Tischer wenigstens so ein wenig in der Spur zu halten. Marcels Genius werde ich nie durchschauen. Er schafft es einfach. Also hin und wieder, denn Genius vs. Tischers Rabaukerei, das ist ein offenes Spiel mit ungewissem Ausgang.

Es sollte erwähnt werden, die beiden sind fast so etwas wie Brüder. Das kann zur Erklärung helfen, muss aber nicht.

Jedenfalls so ein richtiger Brocken in Marcels Aufgabenbereich ist die Sache mit Al Feucht und den überzähligen Streifen von Tischer. Marcel ist klug genug (möglich, dass das irgendwo bei Tolstoi zu lesen ist), dass er weiß, Diplomatie erfordert bisweilen Opfer, von der unangenehmsten Sorte: mit gutem Beispiel voran. Denn ja, auch unser Marcel hat es mit Al Feucht nicht so, erstmal.

Al Feucht löst bei ihm, und er kann es mit seinem Genius einfach nicht in den Griff kriegen, das ziemlich gleiche Zittern wie bei Tischer aus. Wenn nicht so schon, im Zittern sind sie verbunden, Eigentlich ein sehr interessantes Phänomen, das uns Unbeteiligte da jedesmal aufgeführt wird.

Nichtsdestotzrotz, das Zittern kann nicht verhindern, dass Marcel weiß, wie wichtig es ist, zu einer friedlichen Übereinkunft zu kommen, von wegen Balance der Kräfte undsoweiter. Er schreitet also voran, in einer Angelegenheit, bei der Tischer das einzige Mal (sehr wichtig: nicht weitererzählen!) in Ziemlich höchstens Zweiter ist. Und das wäre dann fast schon Lusche.

Marcel, man bedenke, es sind keine Nacktwochen, womit bewiesen wäre, wie brenzlig die Situation ist, legt sein Jacket ab und geht in die Konfrontation mit Al Feucht. Er bereitet das Feld für Tischer, wenn man so will. Und Tischer, scheinbar, weil er nicht will, dass da noch einer kommt und er wäre dann höchstens Dritter, also ganz sicher Lusche, mit ebenso leichtem Zittern wie Marcel vor ihm, konfrontiert sich auch mit Al Feucht. Und so kann das Saubere-Wäsche machen, wie es in Chicago genannt werden würde, beginnen.

DSCF3391Wobei Wäsche ist da ja nicht. Das abgelegte Jacket ist bereits erwähnt. Aber selbst Tischer geht ohne Hose und Tuch in diese Konfrontation. Rituale wahrscheinlich. Doch wenn es gut ist und hilft, den Frieden wieder herzustellen, dann also nackt. Vielleicht sollte bei eskalierenden Krisen eh mehr nackt diplomatiert werden. Das müssen die wissen. Hier bei uns, da scheint es zu funktionieren.

DSCF3390Mitten drin in der Bereinigung nehmen Marcel und Tischer die Sache auch sehr ernst und sind sehr gründlich. Marcel wird seinem Al Bruder sicher den ein oder anderen Hinweis geben und der wird sich, so klug ist er dann schon, danach richten. Trotzdem, es dauert. Nicht gerade einen ganzen Tag, aber doch so lange, dass angedachte Aventiuren oder das Versenken von Nasen in Tolstoi erst einmal verschoben werden müssen.

Tatsächlich, dank Marcels Geschick und Tischers Folgsamkeit -die Bläschen, die er gelegentlich hat aufsteigen lassen, tun dem keinen Abbruch-, entspannt sich so die hochbrenzlige Situation und……….

DSCF3386…..,wenn man es nicht besser wüsste, so könnte man den Eindruck gewinnen, die beiden fangen an, sich wohlzufühlen. Was Diplomatie so alles erreichen kann. Jetzt, das Anstrengende hinter sich gebracht, lässt auch Marcel das ein oder andere Bläschen steigen. Der Frieden ist wieder hergestellt. Mehr als das.

DSCF3393Denn wie es aussieht, sind Marcel und Al Tischer sauberer aus der Sache herausgekommen als Al Feucht. So macht man Geschäfte, so wahrt man den Frieden. Und das Erreichte in trockene Tücher gebracht, ist wieder Ruhe für einige Zeit.

Ich bin sehr stolz auf die Beiden.

Doch jetzt, Bitte!, rasch wieder angezogen. Es sind Damen unter den Lesern. was sollen die denken, bzw, wer soll sie aufhalten, wenn sie das noch länger sehen?