XIX. Meute und Märchen, Variation Tischer – Teil 1

Sie bestand aus unzähligen Anoraks, Mützen, Schals und kleinen Rucksäcken, darin Vesperdose und Trinkflasche, dazwischen rote Backen, Kulleraugen und Zahnlücken: die Meute. Tischer und ich. zwei, ein Wilder, sein Träger, standen ihr entgegen, also vielmehr saßen wir. Und eigentlich nur so vor uns hin.

Eine dieser Zufallsbegegnungen. Wir hatten gewartet, ich auf die Dame, Tischer auf seine Gelegenheit. Er hatte mal wieder Lust. Die Meute kam durch die Türen aus dem Saal herausgeströmt, die Vormittagsvorführung, kurz vor Weihnachten, ein Märchenstück, war zu Ende. Nur einen kurzen Moment, dann war das Gefühl einer Angst gewesen. Bei mir natürlich, ich Lusche. Tischer, das sprichwörtliche Gegenteil, flatterte und vibrierte bei dem Anblick. Vorfreude. Sie hätten Spatzen sein können, kaum größer, die da jetzt die Vorhalle füllten: Menschen, kleine Form.

Dann erkannte Tischer trotz ihres Geflatters, keine Spatzen, weil sie ja gar nicht wegflogen, wie sonst. Er vibrierte aber weiter. Ich fragte mich, warum, schaute Tischer an, dann die Meute, mir erschienen sie wie niedliche, doch nicht ungefährliche Brülläffchen, und ja, verstand. Auf der einen solch eine prächtige Meute, auf der anderen der passende Tischer dazu, man könnte glauben, es wäre der Dschungel. Es war die Wildheit bei beiden, die verband. Da das Potential, hier beim Gestreiften ausgewachsen und vollendet. Nicht ganz seinesgleichen, aber doch ziemlich. Und auch die Meute erkannte Tischer als seinesgleichen und stürmte auf ihn los, in der Absicht, ihn wild zu drücken. Da ist zwar das Gemeinsame, aber so kompakt als Meute, ist so ein kleiner Mensch in seiner ungestümen Kraft mehrhändiger als ein einzelner Tischer. Und so kann ein Drücken und Herzen schnell zu einer Vielteilung führen.

Wie fing ich es also an, da ich es voraussah, die Bedrohung abzuwenden. Tischer hätte als Letztes geschützt werden wollen. Mehr Lusche ginge ja wohl nicht. Doch musste es sein. Ich hob ihn, ohne über die Konsequenzen nachzudenken, in die Luft. So etwa zwei Meter über dem Boden mit gehörigem Abstand zur Meute, konnte Tischer vielleicht der bleiben, der er ist, ein Wilder und ganz. Die Meute brandete, ich blieb standhafter hoher Fels mit Miezekatze obenauf.

So beruhigte sich denn auch recht schnell wieder die See und brav, der eine mehr als der andere, alle aber hungrig, denn es war bereits Mittag, setzten sich die kleinen Menschen auf Stühle an die Tische und öffneten ihre Vesperdosen. Tischer, noch immer ganz weit oben, grummelte. In seinen Augen hatte ich ihm die Aventiure versaut. Langsam, immer ein wachsames Auge auf die, die jetzt, scheinbar sehr konzentriert, krümelten, kauten, schlürften und schmatzten, senkte ich den Arm, bis Tischer und die Meute wieder auf Augenhöhe waren. Bei mir blieb ein Rest von Anspannung und Vorsicht.

Nasen und Münder in den Dosen oder knapp darüber ging vorerst keine Gefahr mehr von der Meute aus. Die Gefahr vonseiten Tischers, abwarten. Wegfliegen konnten die, die dann doch keine Spatzen waren, nicht. So blieb der status quo vorerst ein schwebender. Der dann allerdings in einen leicht trägen überging. Das Vesper. Es war wohl ganz passabel, was da in den Dosen zu finden war. Das Träge machte, dass sie genügsam und friedlich wurden.

Und Tischer? Der war nicht so sprunghaft wie gewohnt, ließ sich Zeit, was daran liegen konnte, dass er nicht wusste, so zahlreich waren sie, welchem aus der Meute er sich zuerst zuwenden sollte. Sie waren jetzt zwar keine Spatzen, aber ähnlich reichte ihm.

Nur wenn er die Wahl hat und so viel davon, ist es eine Beute, die es ihm nicht leicht macht, so zahlreich, wie sie daherkommt.

Er überlegte eine passende Strategie. Ich konnte ihm da nicht helfen, Marcel war nicht mitgekommen, so dauerte es eben ein paar zusätzliche Momente. Dieses ganz alleine Denken jedoch und an kein Ende damit kommen, besonders, wenn man ja darin ein Ungeübter, machte nun ihn gleichfalls träge und folglich -Ohgottohgottohgott- friedlich (Nun, da es ausgesprochen, ist es in der Welt, die ich nur bitten kann, es nicht weiter herum zu erzählen, dass es nicht an Tischers Ohren kommt, wegen der möglichen Folgen für seinen Träger, also mich, Plappermaul und Petze).

Alle sind sie gleich, in der Meute oder einzeln gestreift. Geb ihnen eine Vesperdose oder was zum Nachdenken, schon wird der Kopf schwer, das darunter aber auch. Am liebsten möchte da geschlafen werden. Eine Couch, ja bitte! Die Lieblingsdecke, darunter sich wickeln. Nun, Tischer wollte ja mit. Es war ein Montag und damit erschwerend nicht seine Zeit. Und weit weg sein Plätzchen für so einen Tag. Hier konnte er jetzt nicht einfach eindösen. Da war ja die Meute in seinem Revier. Anmerkung: Im Grunde ist ja überall Tischers Revier. Um Tischers Nähe herum müsste immer ein Schild sein: „Betreten auf eigene Gefahr“. Nur, da diese Meute anders war, Warnschilder, die vielleicht besser da gewesen wären, aber nicht waren, wahrscheinlich eh doof gefunden hätte, musste Tischer wachbleiben. Auf mich verlässt er sich da nicht. Ich bin lediglich sein Reittier, mit fast keinem Streifen. Gefahren macht der Chef persönlich. Besser so. Hier zählt Erfahrung.

Er blieb also wach. Man stelle sich nur dabei die Anspannung vor, die Lider weit hoch gerissen, dass keine noch so kleine Bewegung der Meute dem Vollwilden entgehe. Alle Muskeln und Sehnen zum Sprunge bereit, wenn es einer darauf anlege oder Tischer seine Überlegung doch noch beende und es Schluss wäre mit Friedlichkeit und Status quo.

Da aber eine, mit besonders großer Lücke, doch noch größeren Kulleraugen, war wohl weniger träge als die anderen und scheinbar mutig genug, es darauf anzulegen. Sie hob den Kopf, wendete sich uns zu und schaute, ohne jede Furcht dem Gestreiften in den wachen Blick. Vorsicht, mein Kind, dachte ich. Und dachte, Tischer, beherrsche Dich. Ich sah bereits den Tumult, das Durcheinander. Ein weiteres Mal hätte mich Tischer ihn nicht von Aventiure abhalten lassen. Das war so eine Kuba-Situation, auf Messers Schneide. Mir wurde schwer mulmig.

Und es sprach ihn an, nicht mich.

„Onkel, erzähl mir eine Geschichte!“

Tischer bekam eine Falte auf der Stirn. Groß und tief. So eine hatte ich noch nie bei ihm gesehen.

„Erzähl mir eine Geschichte, Onkel! Ein Märchen.“

Eine zweite Falte, die sich zeigte.

„Meinst Du mich?“

„Ja.“

„Bin nicht dieses Onkel. Was immer das sein soll.“

Ich kenne die Familienverhältnisse von Tischer nicht umfassend, bin mir jedoch ziemlich sicher, wenn Tischer auch nicht weiß, was so ein Onkel ist, die Kleine hatte zwar viel Wildes an sich, nicht aber so in einer Linie, verwandt und vollständig Tischer. (Sagte ja bereits Brülläffchen, Spätzchen eher weniger, noch zu klein, um mit Sicherheit und langweilig nur Mensch zu sein.)

„Phh, für mich schon.“ Es blieb dabei. „Mach Quatsch oder erzähl ein Märchen!“

Was den Quatsch betrifft, ja, Tischer wäre so ein Onkel. Aber Märchen, das passt nicht. Das ist ja Text. Ist bekannterweise nicht in Tischers Art vorgesehen.Trotzdem. „Lass ihn nicht Quatsch machen“, ich ahnte sehr genau, worauf das hinauslaufen würde. Großer Onkel, Super-Onkel, Onkel mit vielen Streifen, Meister-Quatsch-Onkel. Und wir Hausverbot allesamt bis jenseits von allem.

So plädierte ich für das Märchen. Bettelte. Flehte. Dieses eine Mal Text. Nur einen kurzen. Ich versprach Tischer sogar dafür ein Hörnchen, das falschechte mit der Nussfüllung. Das tat ich wohl recht eindringlich, denn, ich flunkere nicht, seine Augen bekamen diesen speziellen Glanz. Weich geradezu.

„Zwei!“

„Wie?“

„Zwei falschechte.“

„Ja ja, zwei“, und dachte bei mir, zweihundert hätte ich ihm gegeben. Nur Tischer kann eine so große Zahl nicht zählen, manchmal ganz nützlich, ich gebe es zu.

„Und nur ein kurzes.“

„Es wird schon reichen“

„Mach endlich, Onkel!“, das kleine Wesen langsam ungeduldig, „Quatsch oder Märchen.“

„Märchen“, grummelt Tischer, „auch wenn mir Quatsch lieber wäre.“

„Tischerrrrr!!!“

„Ist ja gut. Märchen also.“

„Fang an!“

„Aber nur ein kurzes.“

„Mal sehen.“ Und wenn kleine Wesen „Mal sehen“ sagen, ist es noch nicht ausgestanden. Längst nicht.

Tischer überlegte. Warum war auch Marcel nicht da. Der hätte gar kein Problem mit so einem Märchen gehabt. Betstimmt nicht. Doch Tischer hat Phantasie, große sogar. Er mag halt nur keine Texte. Dafür allerdings, weil er ja die zwei falschechten auch unbedingt haben wollte, fiel ihm ziemlich rasch so eine Art von Märchen ein. Erstaunlich das…….

„Es war einmal, weiß nicht mehr wann, so ein Mädchen, das hatte eine böse Stiefmutter aber noch keine Streifen und alle nannten es das Luschenputtel……..(Fortsetzung folgt)“

(Anmerkung von mir: mich überkommen bisweilen Zweifel, ob Quatsch nicht vielleicht doch die bessere Option gewesen wäre. Aber so war die Geschichte und kann nicht mehr geändert werden.)

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20 Gedanken zu “XIX. Meute und Märchen, Variation Tischer – Teil 1

    • Und gebe Ihnen recht (und mein Tischer ja sowieso). Viel Text auf dem Bildschirm ist mein Ding nicht. Da ist mir ein Buch allemal lieber.
      Freundlichst
      Ihr Herr Hund

  1. Ich bin zwar nicht alle, sondern nur ich und ich freue mich schon jetzt darauf ,meinem Enkel die Tischer-Aventiuren vorlesen zu können, die für mich gar nicht lang genug sein können. Fast alle großen (so sie es im Herzen geblieben sind) und kleinen Kinder lieben solche Geschichten und haben auch meist die Geduld, ihnen zu folgen. Enkels Großpapa hat sie sehr goutiert.
    Darf ich einen Vorschlag machen? So Sie denn die schokoladige Alababahöhle gefunden haben, mindestens einmal, aber am liebsten noch mehr, einen aventiürlichen Vorlesenachmittag, natürlich in Anwesenheit der wichtigsten Protagonisten, für Spatzen, Küken, Rabeneltern, mit ihren großen und kleinen Onkels und auch weis(s)en Schuhus zu veranstalten! Ali-Tischer kennt die Zauberworte und als Eintritt darf er sich die besagten Hörnchen wünschen.
    Wir nehmen sofort den Sonderzug nach Pankow .
    Ein lesebegieriges Willkommen im neuen Aventiurejahr und auf Luschenputttel und Tischer-im-Glück freut sich schon jetzt sehr
    Karin

      • vermutlich werden alle lockeren Vögel mit Ausnahme der diebischen Elster und des Vogel Strauß, da fehlt der Sand, aber vielleicht ist vor der Tür ein Sandkasten, eingeladen.
        Ich habe es geahnt: 2015 wird ein märchenhaftes Jahr ! Tischer könnte uns ja auch das Märchen von Marcelweißchen und Tischerrot erzählen usw.usf.
        es war einmal….nein, nein, es wird erst sein -:)))

      • Was für eine märchenhafte Idee. Da putze ich mein Gefieder auf Hochglanz für Tischer deckt sich und Marcels drei goldenen Haare.
        Es wird sein!
        Heute komm ich aus der Vorfreude gar nicht mehr heraus!

      • An der Alibabahöhle wird gearbeitet. Und Tischer (unter dem Lektorat von Marcel) an der Wiedergabe des erzählten Märchens; es waren doch zum Zeitpunkt der Geschichte noch viele äääähhs und einige kleinere grummels und stotters, sowie manches Schweigen und stilles Wendungensuchen, dass es überarbeitet werden musste. Phantast und Aventiurekopf, das ja, aber ein ausgewiesener Literat ist Tischerazade nicht.

        Selbst, wenn ich das sagen kann, bin wieder einmal sehr angetan von Ihren komplimenten Worten….ganz rotverlegen.

        Freundlichst
        Ihr Herr Hund

  2. also dass tischer sich DAS getraut! ich bin wirklich voll bewunderung. und bitte – die fortsetzung bald. ich bin vor aufregung kaum auszuhalten. und wer soll meine arbeit machen, wenn ich so lange nicht auszuhalten bin?

    im übrigen finde ich die idee von karin ganz wunderbar und plädiere ebenfalls für so einen vorlesetag! hach wäre das schön 🙂

    • Finde die Idee auch sehr schön. Und wenn es an der Zeit ist, wird ein Stimmencasting stattfinden. Wer die richtige hat. sollte aber mit kleinen Großkatzen können, mind. zwei Streifen sind Voraussetzung.

      • na da bin ich ja gespannt. 🙂 und auch sicher, dass sich ein zweistreifenträger dafür findet. sind ja nicht alle nur luschen 🙂

  3. Lieber Herr Hund, ausnahmsweise glaube ich Ihnen nicht so recht. Tischer Auge in Auge mit einer Meute, zudem einer unfertigen, wilden; friedlich und träge? Auch wenns die Meute ihm vormachte, würde sein Instinkt doch… Oder hatte er schon Unmengen falschechte intus? Ich weiß nicht, am Ende erzählen Sie uns noch ein Märchen! Ich bleibe mißtrauisch wachsam, herzlichst, die Ihre, einstreifig nur.

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