Zeugenschutzprogramm

Mitunter wie dankbar darf man sein, in Momenten der Sprachlosigkeit durch jemanden, der Fragen an einen richtet (ich stelle mir dabei vor einen schallisolierten Raum und eine hochgestellte Lampe auf dem Tisch, es ist so seltsam warm, könnte ich ein Glas Wasser haben?, Später vielleicht, jetzt nicht!) die Verstockung los zu werden, man gesteht – alles oder zumindest 11 Fragen an der Zahl, jede kommt so unschuldig daher, werden zuletzt aber treuherzig beantwortet, denn es wird nicht gegen einen gewendet ….. vermute ich.

Doch mag es mir vielleicht auch diesmal gelingen, mehr zu verbergen, als offenzulegen, die Regeln sind, die Fragen zu beantworten, nicht unbedingt aber wahrheitsgemäß. Und ich entkomme, noch einmal (Das werden wir sehen, wir haben Zeit! Los jetzt!) ungeschoren:

1)Was ist Deine Lieblingsspeise?

(Wie bitte? Was soll das denn für eine Frage…? – Das lass mal unsere Sorge sein, also…? – Ja, ja, ist ja gut, mir nicht so wichtig, Hauptsache, es gibt…) …Nachschlag. (Willst du uns verkohlen? –)

Zwetschgenkuchen vielleicht. (Und würden Sie mich bitte nicht duzen – Einfach die Fragen beantworten. Klar Bürschchen? – Schon gut. Nur die Ruhe.)

2) Liest Du Bücher? Welche?

(Da muss ich erst überlegen. – Lass Dir ruhig Zeit.) Ja, ich lese Bücher. (Ist das jetzt ein Verbrechen? – Kommt drauf an, welche das sind.) Ringelnatz zum Beispiel. (Aha, das ist ja interessant. Dann hast du sicher einen Bleistift, oder? – Einen was? – Einen Bleistift, du weißt doch was das ist? – Ich hab hier diesen Stummel. – Her damit! – Den bekomme ich doch wieder, oder? – Kommt drauf an, wie kooperativ du bist.)

3)Dein Geburtsjahr?

Das möchte ich nicht sagen. (Ach, möchtest Du nicht, ja? – Ich hab auch meine Rechte. – Treib es nicht zu weit.)

4)Wo lebst Du? Stadt oder eher ländlich?

Berlin. (Interessant. Nach unseren Angaben noch nicht sehr lange. – Wenn Sie es schon wissen, warum fragen Sie dann? – Die Fragen hier stellt nur einer. Haben wir uns verstanden? – Ja, aber ich werde mich über Sie beschweren, wenn das hier vorbei ist. – Nur zu, kratzt mich nicht. Wärst nicht der Erste.)

5)Du siehst, jemand wird drangsaliert. Schreitest Du ein?

Fragen Sie mich, ob ich mutig bin? Das käme wohl auf die Umstände an. (Erzähl mal! – Ich mache von meinem Recht Gebrauch, die Aussage zu verweigern. – Damals die Geschichte auf der Autobahnraststätte…..? – Woher wissen Sie? – Wir sind keine Anfänger. Wir wissen einiges. Jedenfalls scheinst du nicht so ein Lämmchen zu sein, wie alle denken. – Ich sag dazu nichts.)

6)Gibt’s eine/n Lebensabschnittsgefährten/Gefährtin?

Ich möchte sie da nicht mit hineinziehen. (Kommt auf dich an. – Wenn sie erfährt, dass… – Wie gesagt, kommt auf Dich an.)

7)Trinkst Du Alkohol? Wenn nicht, warum?

Nicht viel, vielleicht ab und zu ein Glas Wein zum Essen. (Soso. – Glauben Sie mir nicht? – Laut Zeugenaussage…. – Wer? Welcher räudige Mistkerl….? – Na na, Lämmchen, ganz ruhig!)

8)Hast Du schon mal gekifft? Wie fandest Du es? (wenn die Frage Deinen Job gefährdet, darfst Du sie übergehen)

Nein, nie (Das glaub ich Dir sogar. Und wenn, wäre es eines deiner geringsten Vergehen. – Danke.)

9)Treibst Du Sport? Welchen?

Hockey hab ich gespielt (Und wahrscheinlich immer fair gespielt? – Ja. Wieso, behauptet jemand was anderes? – Kommen wir vielleicht später nochmal darauf zurück. Sonst noch irgendeinen Sport?) Meine Interessen liegen eher woanders. (Das ist es auch, was wir vermuten. – Da ist nichts, wofür ich mich schämen müsste. – Na, abwarten.)

10) Wie wichtig sind Dir Deine Mitmenschen?

Ich bin sehr harmoniesüchtig. (Und wenn einer die Harmonie stört? – Worauf wollen Sie hinaus? – Gar nichts. – Ich möchte jetzt gehen. – Eine Frage noch. – Bitte, wenn es sein muss.)

11) Wie definierst Du Freiheit?

Dass ich meinen Bleistift wiederhaben und endlich nach Hause gehen darf. (Sicher, doch wir behalten uns das Recht für eine weitere Befragung vor.)

Und nach einem solchen Verhör da ist das Leben gleich ein wenig leichter. Denn, wenn man nicht auf alles eine Antwort findet. Schlimmer scheint mir fast noch, wenn das Leben und die Menschen darin an einen keine Fragen mehr zu richten haben.

Und wenn mir das philosophische Schlusswort gestattet wird, so möchte ich sagen, ich vermute sehr, ja, am Anfang war das Wort und der erste Satz war eine Frage.

Advertisements

9 Gedanken zu “Zeugenschutzprogramm

  1. Lieber Herr Hund,

    ich mag es. Ich mag wortgewandtes Frageantwortumschiffen. Es macht mich schmunzeln und fröhlich. So, wie alles, was fein gesponnenes Silbengarn zu feinem Wortgewebe macht. Ich bedanke mich, für das amüsante Verhör.

    Herzlichst,
    Silvia Meerbothe

  2. Pingback: “Die Entwicklung der Menschheit” – selbstverständlich mit Ringelnatz | ringelnatzereien

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s