Wirklichkeiten, Möglichkeiten, Kekse und Milch

War zuerst der Schwärmer, zuerst das Zitat von Musil? In der Schule vor vielen Jahren, ich im Zeitalter des Pubertäts und da zur  Adventszeit, die Tradition des Wichtelns. Damals ich so mehr der „stille Typ“ und sie mein Wichtel. Neben Süßigkeiten, Schokolade, schenkte sie mir Literarisches, Brecht, Montaigne und eben Musil, in schöner Schrift abgeschrieben. Ich fühlte mich angesprochen. Ich meine, sie sprachen mich an, genau mich, nur mich. Und als ich dann wußte, wer mein Wichtel war, fühlte ich mich von ihr angesprochen. Na, es ging wohl ein wenig darüber hinaus. Schwärmerische Täuschung.

Leben und Literatur, zwei Dinge.

Sie die Angeschwärmte verschwand, die Literatur blieb. Proust kam erst noch.

Und Musil wurde mit den Jahren meine Nummer Zwei.

Das ist so ein Österreicher, der denkt, wie vielleicht nur ein Österreicher denken kann. Und mir gefällts. Ein wenig auf Teufel komm raus, wenn beim Denken überhaupt etwas rauskommt. Mir waren/sind eh Wahrheiten schon immer ein wenig unwichtiger und uninteressanter gewesen als Gedanken. Sofern man sie macht und hat. Musil hat(te) jede Menge davon und eine Lust zumeist, sie -portionsweise- mitzudenken.

Wenn es einen Möglichkeitssinn gibt, dann könnte dieses Jahr endlich wieder, manches hat aber auch ein Volumen und jeder Satz von Musil selbst eine dermaßen Gedankenfülle, barock, kein Wunder also, dass es nicht öfters passierte, und ich nähere mich an in fester Absicht, indem ich erstens mir sein Leben vornehme und begleitend auf die Ohren gebe den MoE im Remix; die lagen sowohl als auch schon viel zu lange im Regal.

Die Wirklichkeit, das ist die Schüssel mit Keksen, das ist das Glas Milch und die Hundebuchstützen, das ist Remix und biographische Bücher dazwischen. Und meine Schillerbüste.

DSCF5782„Und alles, was passiert, geschieht von hier aus.“ (Zitat, Autor aus Österreich stammend)

Nur eigentlich sollte ich zu Krimis greifen. Oder doch zu Novitäten. Das eine als Entspannung, das andere als Vorbereitung. Musil, da sollten bessere Stunden auf ihn verwendet werden. Wenn mir aber doch so danach ist?

Wie immer, mal sehen und abwarten. Es ist -leider, oder auch nicht- ebenso möglich, dass, Schüssel und Glas geleert, ich schon wieder woandershin abgelenkt werde. Der Unterschied Literatur und Leben: wie stark sie auch ist, das Leben hat so seine Mittel. Ein Portiönchen sollte aber drin sein.

Abgesehen davon, die, die mir Musil nahegebracht hat, ist längst Geschichte. Die aber, die mir die Kekse gebacken hat, die ist da. Wem gegenüber stehe ich da wohl mehr in der Pflicht?

Ich sage mal, der Wirklichkeit. Sie schmeckt am Ende besser.

Und sie hat so Eigenschaften, die machen Literatur fast überflüssig.

(P.S. In dem Bild ist verschämte Lektüre versteckt. Wer findet sie?)

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17 Gedanken zu “Wirklichkeiten, Möglichkeiten, Kekse und Milch

  1. Ein fast musilhafter, barocker, philosophischer Text. Sehr schön dieses Nachdenken über Verknüpfung von Literatur und Leben. Natürlich ruft die Wirklichkeit – aber überflüssig macht sie die Literatur nicht. Vielleicht muss ich mal über Eskapismus schreibend kontern 🙂 Musil, von Doderer u.ä.: Da komme ich auch ins Schwärmen. Musil lesen und dazu barocke österreichische Süßspeisen essen. Das ist eine perfekte wirkliche Situation. Jedoch, jetzt zur Frage der Fragen: Bud Spencer? Der war sehr wirklich…und die blauen Augen von Terence.

    • Nicht gerade vier und auch nicht zu Fäusten geballt, aber Halleluja, Sie liegen richtig, sind die Erste und folglich dürfen Sie sich im Buchladen Ihrer Wahl ein Buch auf Ihre Kosten schenken. Nur verschämt muss die Lektüre sein. Das ist die Bedingung.

      Und was das Überflüssige angeht, so habe ich ja nur gedacht und es hingeschrieben, die Wahrheit liegt jedoch wie immer zwischen den Zeilen im Unleserlichen bzw. steht auf Grabsteinen und ist für Lebende nicht gemacht.

  2. Lieber Herr Hund, eine so schöne Liebeserklärung für Herrn Musil hätte ich nicht zustande gebracht, obwohl auch ich diesen Österreicher sehr schätze. (Vielleicht fehlen mir Wichtel, Kekse und aktive Konditorinnen, wer weiß?!) Danke jedenfalls für diesen lebens- und musil-bejahenden Text.
    Gestatten Sie mir, Ihren übrigen Lesern den Hörspielpool zu empfehlen. Dort kann man nämlich weiterhin den „Mann-ohne-Eigenschaften-Remix“ kostenfrei herunterladen:
    http://www.br-online.de/podcast/mp3-download/bayern2/mp3-download-podcast-hoerspiel-pool.shtml
    Einfach weit nach unten scrollen, da taucht er dann auf; freilich ohne Begleitbuch und schön gestalteter Verpackung, aber der zu erlauschende Inhalt ist derselbe.
    lg_jochen

    • P.S.: Bei der verschämten Lektüre kann es sich eigentlich nur um Bud Spencer handeln; bei Ihnen Groucho Marx mit Scham in Verbindung zu bringen, wäre falsch, ja beinahe fatal.

  3. Mit Herrn Musil hatte ich erst vor knapp zwei Wochen zu tun. Ich las in der Biographie von Kafka und dort erfuhr ich dann auch, dass Kafka und Musil sich kannten, ja, dass sie im Austausch standen, da Musil in einem Verlag in Berlin tätig war und gerne Kafka in dessen Verlag veröffentlicht gesehen hätte. Von Musil selbst habe ich noch nichts gelesen, aber was nicht ist, das kann ja noch werden. Gewichtelt habe ich zwar vor ein paar Jahren erstmalig, aber das war Schrottwichteln, kennst Du das? Da gab es nur Dinge, die andere loswerden wollten. Glitzernd-glänzende Bildchen, neonfarbene Socken und allerlei hässliche Dinge. Nichts von Musil oder irgendwas, das mit Literatur zu tun hatte
    Lieben Gruß ins Wochenende.

    • Ist ein wenig chaotisch-aktiv hier bei mir, weswegen nicht immer synchronisiert meine Reaktionen, Kommentare, Gegenkommentare. Aber ich kann mich noch erinnern. Und das ist ja auch schon was.
      Du liest also -mutmaßlich- die Stach-Biographie? Alle drei Bände? Kannst du die mir empfehlen?
      Zum Wichteln: hatte mir überlegt, inwieweit das unter Bloggern zu machen wäre. Na, Weihnachten ist noch fern.
      Liebe Grüße
      Wuff

      • Guten Morgen, Herr Hund, ja, ich habe zwei von drei Teilen schon gelesen und ich kann Dir nur sagen: Das ist die beste Biographie, die ich in meinem ganzen Leben gelesen habe! Ich kann das gar nicht beschreiben, weshalb ich bislang in meinem Buchblog noch nichts darüber geschrieben habe. Wirklich, das ist so unfassbar gut, da fehlen mir die Worte. Ich habe übrigens rückwärts gelesen: Erst Teil 3, dann 2 und jetzt fehlt noch die eins, die erst kürzlich raus gekommen ist und bislang nur als gebundenes Buch erhältlich ist. Ich warte auf die Taschenbuchausgabe. Blättere und lese wieder hinein in die drei und in die zwei und hoffe, dass der Verlag sich mit der Veröffentlichung als Taschenbuch nicht ganz so viel Zeit lassen möge. Also – solltest Du diese Biographie irgendwo bekommen können, greif zu. Ich würde am liebsten sagen: Wenn Du heute Zeit hast, besorg sie Dir gleich und fange an zu lesen. Liebe Grüße von Nebenan und Gedanken wegen Blogwichteln finde ich gut. Bin gespannt, was daraus wird.

      • Du liest also in order of appearance und nicht chronologisch.
        Habe auf jeden Fall alle drei Bände auf der Liste. Kafka ist ohnehin einer derer, ohne die ich mir meine literarische Biographie nicht vorstellen kann.
        Im Moment allerdings lese ich eine Biographie über afrikanische Elefanten (kein Scherz!) und dann nehme ich mir meine erste offizielle Rezension für Suhrkamp vor. Ob das was wird?

      • ja, hat sich so ergeben. als ich damit anfing wußte ich noch gar nichts von den anderen zwei teilen. 🙂 ich drücke dir die daumen für dich und die elefanten. wird schon werden. und was kafka angeht – da geht es mir wie dir. die biographie wird dich ihm näher bringen, sehr viel näher. ich wünsche dir viel freude. die wirst du haben, denn es ist ein wahrer genuss.

  4. Ja, die Wirklichkeit hat eine ganz eigene, ergreifende Schönheit. Aber die Welt der Phantasie und Literatur auch. In beides mit neugierigen Händen greifen zu können, ist doch ein Geschenk!

    • Ja, ein Geschenk. Doch wie es so ist mit Geschenken, man hält es da mit den besonderen Tagen, an denen geschenkt werden darf. Und nicht einfach so, es sei denn als Überraschung, doch dann wäre es ja nur eine, wenn sie ohne feste Regel mal komme, mal nicht, doch niemals, wenn ich es möchte und mir so denke, nun aber mal.
      Im Übrigen, wenn Geschenk, so ist die Phantasie wie etwas selbst Gebasteltes und die Wirklichkeit ein Geschenk von praktischem Nutzen, das geschenkt werden musste. (Hier übertreibe ich bewuss)
      Was das hineingreifen angeht, so ja, da ln beides, wie in volle Schüsseln, das ist mir am liebsten. Nur, leider, besonders die Wirklichkeit, si ist’s, die oftmals in mich hineingreift und mich quirlt und sich nimmt, was sie kriegen kann. Da begegnet einem die Phantasie mehr so auf Augenhöhe.

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