Nichten und Nichts

alien_from_the_movieNichten sehen anders aus. Mutmaßlich. Man selbst damals noch Lieblingsonkel, jetzt a.D., da aber ohne Erziehungsauftrag die ganze Palette Phantasie und Spiel. Man will Lieblingsonkel bleiben. Es ist ein wenig wie American Football. Sie, die Nichten, bestimmen die Spielzüge, halt du ihnen nur den Rücken frei. Madame, ihr Wunsch ist mir Befehl. Blind natürlich für die leichte Ausbeutung gefiel ich mir in der Rolle. Lieblingsonkel ist nahezu Superman. Nur ohne Muskeln und Widerstandskraft des Stählernen. Ich ließ es mir nicht anmerken.

So tut ein solcher Onkel nahezu alles, wenn auch die Erträge zweifelhaft und befristet sind. Sie werden älter, man selbst viel schneller und damit….nun, ich hab sie lieb, weiterhin.

Dann kam, worum es hier eigentlich gehen soll. Der Onkel in voller Blüte sprang über seinen Schatten. Ein Geburtstag, meiner oder ihrer, gleichviel, es ging in den Freizeitpark. Einmal zahlen, Schlange stehen. Und gelegentlich fahren. Sie wollte, ich weniger, die Holzachterbahn fahren. „Komm ……. (Spitzname), fahr mit mir.“ Erwachsene müssen mit, als könnten sie eingreifen mit ihrer Reife und Vernunft, falls die Gondel aus der Bahn gerät. Über meine vorhandenen Attribute als Erwachsener soll hier nicht die Rede sein. Es wären auch nicht die Gründe gewesen. Wenn, dann einzig mein unglücklicher Status als Lieblingsonkel. Den wollte ich nicht verlieren. Die Wahrheit ist allerdings, ich habe bzw. hatte schon immer den größten Schiss vor solchen Fahrattraktionen.

Eine meiner Ängste. Meiner Nichte deswegen ihren Wunsch abschlagen? Niemals.

Wir standen also an. Und man steht sehr lange an: ab hier eine 3/4-, ab hier eine halbe Stunde, ab hier 15 Minuten. Es ist viel Zeit. Zum Nachdenken. Über das Ende. Über Möglichkeiten zur Flucht oder Umkehr. Während man nachdenkt, abschließt mit seinem jämmerlichen Leben, wird man weiter nach vorne gedrängt. Es geht, wie von selbst. Nichts von der Panik, die sich langsam in einem ausbreitet, wird der Nichte bemerkbar gemacht. Das ist die einzige Aufgabe, die ich hatte.

Das erstaunliche Mittel, mit dieser Angst fertig zu werden und noch sogar an Glanz der Nichte gegenüber hinzuzugewinnen. lag darin, dass ich wohl nie Witzigeres von mir gegeben habe, als in dieser Zeit des Wartens, konfrontiert mit Angst und Nichte. Wäre die Nichte nicht gewesen, ich wäre nie auf die Idee gekommen, mich dieser Lebensgefahr auszusetzen. Hätte es die Angst nicht gegeben, ich hätte nichts überspielen, nichts verdrängen müssen. So war ich in meiner Redseligkeit unfassbar lustig. (Nichts von alledem blieb mir in Erinnerung, aber es wird so gewesen sein.)

Sheherazade, du tatest gut daran, Märchen zu erzählen. Eines, noch eines und immer weiter. Denn das Leben ist eine Nacht und Geschichten helfen, sie durchzustehen.

Der Rest ist schnell erzählt. Wir kamen dran und ich, die halbe Minute, die es dauerte, war so verkrampft, einzig darum bemüht, dass bei der wilden Fahrt mir nicht die Brille vom Kopf rutscht, dass ich danach von dieser körperlichen Anstrengung regelrecht Muskelkater hatte. In dieser Verfassung, ich der Held des Tages, ließ ich mich dennoch dazu hinreißen, eine weitere Fahrt kopfunter auf einer noch viel wilderen Achterbahn mitzumachen.

Das war es mir wert. Nichten und Onkel, eine besondere Beziehung.

Etwa ein Jahr später brachte ich es auf einem Rummel nicht einmal mehr fertig, schadlos eine simple St.Petersburger Schlittenfahrt zu überstehen. Mir war anschließend so schlecht, der weitere Tag verlief weitesgehend ohne mich. Ich glaube, an diesem Tag begann es, dass ich meinen besonderen Status verlor. Ich konnte einfach nicht mehr mithalten.

Was lernen wir daraus? Möglicherweise kein anderer irgendetwas, nur ich schon. Dass nämlich die Angst (und es ist bekannterweise letztlich die Angst vor Leere und Tod) wie andere Gefühle unglaublich inspirierend sein, sofern es eine leichte Berührung, Anwandlung ist, geradezu Göttliches hervorbringen kann.

Überwältigt sie einen, umschließt einen, wird es Stille sein. Und alles darin verliert sich in Schwärze. Nur Undefinierbares, Masse, Schwere, nichts weiter. Verschlingt mehr und mehr, je weiter es sich fortwälzt und lässt scheinbar nichts davon frei.

So wäre ein wenig sie zu vergleichen mit dem Blob, monströse Unform, jedoch nicht from outer space:

Ich habe damals in der Schlange nur ein wenig von der Angst gekostet. Muss ich nicht immer haben. Ich glaube etwa, in der Auseinandersetzung mit Wespen und Spinnen werde ich niemals Inspiriertes zustandebekommen.

In der Auseinandersetzung mit dem Leser dieses Beitrags wird sich zeigen, ob ich inspiriert genug gewesen bin. Ob ich genug Angst vor ihm hatte.

Ob sie ähnlich der Angst ist, die ich hatte, nicht mehr Nichtes Lieblingsonkel bleiben zu dürfen, im Angesicht des sicheren Endes.

Advertisements

10 Gedanken zu “Nichten und Nichts

  1. Ich fahr lieber mit meinem Enkel Schlitten als jemals auch nur einen Fuß in eine Achterbahn zu setzen -:)))
    karnevalsabstinenter Gruß aus dem verkehrsstaugebeutelten Hessen -:)))

  2. Liebling zu bleiben ist schwer, sollte damit Selbstaufgabe verbunden sein, muss man die Rolle verlassen.
    (Joj, habe ich heute wieder verbale Haue bekommen, wegen einer roten Rose. Ich habe das Liebling sein wollen vor langer Zeit aufgegeben.)
    Zurück bleiben die Helden unserer Kindertage und die Liebe zu ihnen, die jede Angst besiegt.
    Einen schönen Abend wünschend…BELL…

    • Dass ich nicht mehr derselbe Superonkel wie früher bin ist völlig in der Ordnung. Sie werden halt größer, älter und haben neue Prioritäten. Habe kein Problem damit und erinnere mich mit Freude an vergangene Zeiten. Selbstaufgabe war da nicht. Zuletzt habe ich durch diese Episoden sogar hinzugewonnen.

      Herzliche Grüße
      Wuff, älter als früher, aber immer noch jung

      • So geht es mir mit meinen „Kleinen“auch.

        Die allerfrühlingsvorahnungshaftesten Grüße zurück…BELL…,nicht mehr jung, aber immer noch jung genug;-)

  3. Es wird nicht ein Zukunftsszenario für den Werdegang der Lieblingstante sein!
    Und, wenn! Ich flüstere es nur leise aber: Selbstaufgabe, jawohl! Hier habt ihr sie! Den zweiten Zitterfuß bekomme ich sicher auch noch in die Bahn hinein.
    Nun, eher ein bisschen laut gen Himmel geschrien: Bewahre!
    Bislang haben mich ähnliche Gründe sowohl geadelt als auch das Auto vom Rückwärtsessen säubern lassen.

    • Was uns zu Lieblingsonkel und -tanten macht bzw. machte, sind unser Vorrat an Einfällen. Du hast sie wohl auch.
      Selbstaufgabe selten, im Rückblick eher Selbsthinzugewinnung. Aber das ist eine weitere Geschichte.

  4. Lieber Herr Hund,
    eine schöne Geschichte, die mich jedoch auch beängstigt hat: Ich habe Nichten und Neffen, vor denen ich auch einen gewissen Status – den der „coolen“ Tante – zu bewahren habe. Bislang konnte ich Achterbahnausflüge vermeiden, aber heuer droht ein Trip ins Legoland. Ich werde Ihre Geschichte mitnehmen und mir kurz vor dem Einstieg in die Achterbahn dort (sind die auch aus Legosteinen?) nochmals zu Gemüte führen.
    Ihre Ängste vor Wespen und Spinnen kann ich in etwa nachvollziehen, die vor Ihren Lesern allerdings nicht. Ich dachte, wenn Ihnen ein Leser schräg kommt, bellen Sie einfach zurück?

    • Mir war die Angst nicht so beängstigend, dass ich gelähmt gewesen wäre oder panische das Weite gesucht hätte. Sie war inspirierend. Und um diese von Angst gespeiste Inspiration ging es mir in der Hauptsache.
      Ich bedauere die Angst nicht und keine Minute mit meiner Nichte.
      Genießen Sie ruhig Legoland, Nichten und Neffen. Haben Sie furchtbare Angst und erzählen Sie später, wie es war.
      Es grüßt die „coole“ Tante
      Freundlichst
      Herr Hund, Lieblingsonkel a.D.

  5. Hocherhobenen Hauptes betrat ich einst an der Seite des Lieblingsneffen öfter mal ein Schnelldreckrestaurante. Innen kübelte ich dermaßen, schon bevor ich irgendetwas zu mir nahm. Nun, beim letzten Besuch beim nunmehr stattlichen Breitschulterneffen, immer noch innig zugetan, der entscheidende Satz: „Käthe, Lieblingstante, ich weiß jetzt, dein damaliges Opfer zu schätzen, mich kriegen keine zehn Pferde mehr in einen solchen Freßtempel.“ Momente, in denen man zehntimeterhochwächst…
    Es gibt Aufgaben, die können nur Tanten und Onkels übernehmen, gerne auch hinter dem Rücken der Eltern, aber psssst, Dichthalten ist das Wichtigste.
    Herzlich grüßt Ihre Frau Knobloch, zugetan.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s