Liebe. Bla Bla Bla. – „Bonsai“ von Alejandro Zambra (übersetzt von Susanne Lange)

Weiß für das Leben aus Büchern nicht, was Liebe ist. Doch natürlich habe auch ich bereits viele Liebesgeschichten gelesen. Diese hier von Alejandro Zambra (im Original bereits 2006 erschienen) sogar dreimal. Sie ist kurz, was mir entgegenkam. Auf den zweiten Blick ergab sich so für das Buch zumindest Sympathie.

Am Anfang wären da Emilia und Julio. Der Erzähler nennt sie so. Emilia wird sterben, Julio nicht. „Der Rest ist Literatur“ (S.11) Was Liebe ist…? Liebe ist eine Geschichte.

Weitere Personen in ihrer Geschichte sind nicht weiter wichtig. Es gab diese Zwei. Es gab die anderen.

Emilia und Julio sind zu Beginn der Geschichte zwei chilenische Studenten „mit einem Faible für die Wahrheit“ (S.23). Und einer gegenüber dem anderen geben sie vor, Proust zu kennen. Literatur ist ein möglicher, vielleicht nicht unwesentlicher Grund für ihre Geschichte, wie für ihr Ende. Dabei wollte Emilia nur noch „auf gut Spanisch vögeln“. Dann kam aber die Literatur und so Liebe, Lüge, Wahrheit und der ganze Kram.

Wenn es keine Liebe gibt, so gibt es zumindest Geschichten von Liebe. Es ist im Kern das, was Liebe genannt wird, vielleicht eine allzu schnöde Angelegenheit, ohne die Geschichten, ohne die Poesien, die sich darum ranken. Emilia und Julio, wie der Erzähler sie nennt, finden darin erotische Inspiration für gemeinsame Nächte. Aber „Liebe“? So gelingt es ihnen auch nicht, das, was Liebe sein könnte, von der Literatur in das Leben zu überführen, von den gemeinsamen Nächten in den Tag. Diese Liebe scheitert. Und die gemeinsame Lektüre von Prousts Unterwegs zu Swann endet auf Seite 373, bei einem Zitat, das erklären könnte – oder eben nicht.

„Julios und Emilias Geschichte dauert an, fährt aber nicht fort.“ (S.38) Sie ist der Literatur entliehen und wird mit Emilias Tod nicht mehr fortgesetzt werden können.

Es bliebe Erinnerung und Gedanke, wenn man es hochtrabend möchte, nennt man es Idee und Julio, wie der Erzähler ihn nennt, findet nun dazu die Form…

…findet zum Bonsai. Das Leben wuchert. Aber Bonsai ist die Kunst der Reduktion auf das Wesentliche, das Gefäß besonders wichtig.„Außerhalb seines Topfs ist der Baum kein Bonsai mehr“ (S.82) Für Julios Liebe mag der Weg im Leben versperrt sein. Er findet einen anderen. Es ist nicht dasselbe.

Es gibt das Leben, seine Zufälligkeiten, sein Vergehen. Dabei Momente, da man glaubt, so ist es, wie in der Kunst, in der Literatur. Und Geschichten etwa von Proust, von Flaubert, von anderen, würden erzählen, wie es ist, TATSÄCHLICH ist. Nein, sie deuten nur, formen aus. Und die Geschichte von Emilia und Julio, wie der Erzähler sie nennt, ist nur eine weitere.

Eine allerdings, die mir sehr gefallen hat, erzählt in einer klaren Sprache, reduziert, klein, wie ein schöner Bonsai. In passender Form.

Unbenannt

(Suhrkamp Verlag 2015, 90 Seiten, 64 Gramm, 7 Lesezeichen)

(Was Liebe ist? In ihrem Wesen, Beginnen und Vergehen unbegreiflich, sofern es das Leben betrifft. Siehe als Beleg Proust, Seite 373. Oder jedes andere Zitat.)

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21 Gedanken zu “Liebe. Bla Bla Bla. – „Bonsai“ von Alejandro Zambra (übersetzt von Susanne Lange)

  1. Lieber Herr Hund,
    wunderbar: Die Vorstellung des Buches, Ihre gar nicht bonsai-haften Gedanken, wieder eine Hinführung und Verlockung für mich in Richtung Proust und nebenbei auch ein Kompliment für den neuen „Frühjahrslook“ des Blogs.
    Ein schönes Wochenende!
    Ich geh mal einen Bonsai pflanzen.

    • Vielen Dank. Für den Bonsai wünsche ich Ihnen ein gutes Händchen und die erforderliche Geduld.

      Ich, für mich selbst, nehme zusätzlich aus der Lektüre mit, dass Schreiben viel mit Bonsai zu tun hat, z.B. das Abschneiden überzähliger Knospen und Wucherungen, die richtigen Proportionen und immer wieder die Wichtigkeit angemessener Form für das, was ich darin pflanze…………………und ja, eben Geduld.

      Ihnen ebenfalls ein schönes Wochenende.

  2. Feine Zeichen von dir. Ich folge gerne diesen Silben. Danke dir. Und ja. Die veränderte Blogbüxe gefällt mir auch. Schoen.

    • Dank Dir. Jetzt braucht mein Blog nur noch ein Impressum, dann bin ich „professionell“.

      Und was Rezensionen angeht, wer weiß, vielleicht eine der nächsten über ein Buch von Vonnegut?

  3. Der Blog gefällt mir sehr.
    Es lässt sich leicht lesen und Tischer ist diskret im Hintergrund.
    Sehr gelungen. ( Ich bin auf die Ladeneinrichtung gespannt…)

    Das Buch, so gut du es auch anpreist, trifft meine Wünsche nicht.
    Umsonst war mein Besuch bei dir deshalb lange nicht.

    Herzeliges…BELL…

  4. Komisch, ich musste bei Ihrer Rezension direkt an Vonnegut denken. Ich meine es war in „Galapagos“. Da ging es um das Verhältnis von richtigem Leben und Filmen. Sinngemäß hieß es, dass jetzt fiele Menschen glauben mit einem Pistolenschuss ein Problem lösen zu können, weil sie es im Film gesehen hätten. Im Film ist der Schuss aber nur ein Mittel der Dramaturgie.
    Bin gespannt auf Ihre Vonnegut-Rezension

    • Im Grunde sind Rezensionen nicht meins. Von schlechten will ich nicht reden, die guten sind aber wie Freunde. Von denen aber wüsste ich nicht zu sagen, was an ihnen zu empfehlen wäre, außer: sie sind da und ich kann mit ihnen reden. Zudem, ein wenig Eifersucht ist schon dabei, möchte ich die Freunde, von ihnen die besten ganz besonders, so ungern mit anderen teilen.
      Und Bücher, die ich empfehle und ein anderer liest sie und diesem sagen sie mehr oder, genauso schlimm, sagen sie nichts, das würde mir schon einen kleinen Stich versetzen. Ganz besonders schlimm wäre noch, von mir falsch verstanden, würden sich von mir ab- und einem anderen zuwenden, der sie besser versteht.

      Ich übertreibe natürlich sehr, doch so ein wenig……

      Der Vonnegut wird zumindest Erwähnung finden. In welcher Form, man wird sehen.

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