Wie lerne ich zu schreiben wie Herr Hund? Lektion 9: Auto(r)mat

Mein Nachbar kann löten, ich schreib ihm Briefe und Grußpostkarten, Es war naheliegend, dass er mir bei der Umsetzung meines Plans helfen würde.

Irgendwann, Herrschaften, muss man sich entscheiden, entweder ein sehr guter Autor zu sein oder löten zu können. Für mich war das damals kein Thema. Und um ein wirklich, wirklich guter Autor zu werden, verzichtete ich auch gleich auf das Schrauben. Also sehr sehr gut und anbetungswürdig schreiben ja, löten und schrauben nein. An den Texten von einigen von Ihnen habe ich schon vor längerer Zeit erkannt, das sind Löter und Schrauber. Die Qualität war entsprechend zweideutig. Denjenigen kann ich nur raten, suchen Sie therapeutische Hilfe. Es ist möglich, aber ein steiniger Weg.

Sie müssen wissen, bedeutsame Autoren sind noch nie in der Lage gewesen, eine Glühbirne einzudrehen. Ein Dichter ist mir im Baumarkt noch nie begegnet. Weil ich natürlich selbst dort nie anzutreffen bin. Hemingway soll einmal etwas geschnitzt haben. ich halte das für Legende. Hesse soll in Indien das Töpfern gelernt haben. Wenn es stimmt, haben seine Texte sehr darunter gelitten. Den Nobelpreis hätte er später nicht mehr bekommen dürfen.

Ich aber will und werde ihn bekommen und bin zu diesem leichten Opfer schon immer bereit. Mir kommt keine Keramik dazwischen, Baumärkte umfahre ich weitläufig. Es fehlt zum Ziel nicht mehr viel.

Es gab diese Episode in meinem Leben, da hatte ich mich im Urlaub von einem ambitionierten Animateur zum Korbflechten überreden lassen. Was soll ich sagen, die Texte, unmittelbar nach dem Urlaub verfasst, waren schlichtweg Scheiße. Ein unrühmliches, doch zum Glück kurzes Kapitel.

Eines will ich nicht verschweigen: es kann die Zeit kommen, da wird man einen Partner haben, die Phase der Liebesgedichte ist längst passé, er/sie will stattdessen, dass man beim Montieren des IKEA-Regals hilft. Da wird Geschick erforderlich sein, um sich aus dieser Situation hinauszumanövrieren und doch den Partner zu behalten. Mein Glück damals ist gewesen, von einem befreundeten Arzt ein entsprechendes Attest bekommen zu haben: Dichter, chronisch. Da ließ sie mich in Ruhe, schaute mich nur gelegentlich ganz mitleidsvoll an. Ich hab das nie verstanden. Das mit dem Regal hat sie übrigens ganz gut allein hinbekommen, Transport und Montage.

Und weil ich also Text-, kein Handwerker bin, mein Nachbar aber schon, war mein Beitrag der Plan, denn in der Theorie kann ein Autor alles. Er war bereit, weil er wusste, er war mir etwas schuldig. Viele Briefe an Sophie, Gerda, Monika und das Finanzamt hatte ich für ihn geschrieben; die Grußkarten vom Gardasee und von Usedom und die zu den Festtagen Ostern und Weihnachten waren stets ein voller Erfolg gewesen.

Arbeitsteilung.

Wir schlossen uns ein. Ich erzählte ihm, beschrieb die notwendigen Schritte, zitierte koreanische Betriebsanleitungen. Und er lötete. Einige Kannen Kaffee wurden geleert. Wir haben uns nicht rasiert, nicht die Kleidung gewechselt und nur sehr wenig geschlafen. Im März hatten wir begonnen. An Ostern schüttelte ich mir kurz einen Postkartengruß für seine Familie aus dem Ärmel, Anfang Mai waren wir fertig. Gottseidank, denn der Lötzinn war alle.

Das war die Hardware, ich machte mich zugleich daran, die Software zu installieren. Die Werke der Autoren, die ich gelten ließ, sprach ich über ein Mikrophon ein: den gesamten Shakespeare, Henry James, Tim & Struppi und der Sonnentempel etc.. Auch einige „Jugendsünden“ von mir selbst würden Teil des Programms sein. Mein erstes Da-Da-Gedicht mit eineinhalb etwa; ich schlug danach zwar einen komplett anderen Weg ein, mehr ernsthaft, doch wollte ich es nicht ignorieren. Es war gut genug. Dieser Autormat sollte meine Fähigkeiten, mein Vermögen weitest gehend lückenlos in seinem Speicher haben, damit er in Abwesenheit meiner Person mich würde gänzlich vertreten können.

Und er funktionierte. Ein paar Kabel und irgendwelche Chips, der Schlauch von einer alten Waschmaschine, eine Kuckucksuhr, Holz und Pappe, und ein verrostetes Fahrrad. Ein wenig dachte ich anfangs schon, das klappt nie. Doch hatte ich wohl mehr als nur dieses eine augenscheinliche Talent.

Diese Apparatur wird mich also vertreten. Sie müssen wissen, mein Terminplan ist voll. Nicht immer werde ich hier vorne stehen können. Lesungen, Vorträge, das Freibad, das seit letztem Wochenende wieder geöffnet hat. Termine. Sie können sich aber darauf verlassen, es wird Ihnen nicht zum Nachteil sein. Die Kursgebühren bleiben allerdings die gleichen.

Eine Sache noch zum Antrieb. Mir war bei der Umsetzung des Plans Nachhaltigkeit sehr wichtig. Uranbrennstäbe, Diesel oder Duracell-Batterien kamen nicht in Frage. Sie sollten in ökologisch freundlicher Atmosphäre lernen. Deshalb kam ich auf die Idee, den Apparat durch Menschenkraft anzutreiben. Auf diesem Fahrrad wird einer von Ihnen Platz nehmen und für die Dauer einer Kursstunde in die Pedale treten. Die Kraft überträgt sich über diese Riemen, ein Blasebalg kommt dadurch in Gang, der Autormat beginnt zu sprechen. Wechseln Sie sich am besten ab, jede Woche ein anderer.

Doch bleiben Sie stets in einem angemessenen Tempo. Zu langsam, zu schnell der Vortrag und sogar Shakespeare verliert an Ausdruck und Ernst. Lernen Sie poetisches Gleichmaß durch Treten. Eine gute Übung sicherlich.

Ich will nicht zu oft fehlen. Das Menschliche ist am Ende zu wichtig. Eine Maschine wie diese wird niemals ganz mich ersetzen können. Da sind Kleinigkeiten, Zwischentöne, kaum wahrnehmbar, doch machen sie den Unterschied aus. Es ist ein Behelf, nichts mehr. Und wahrscheinlich nur ich selbst hätte so eine Maschine entwerfen können.

Löten tun andere.

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34 Gedanken zu “Wie lerne ich zu schreiben wie Herr Hund? Lektion 9: Auto(r)mat

  1. Funktioniert nicht. Nie. Ich kenne einen Teil der Klasse, das wird tohuwaboisch hier werden. Bisher hielten Sie Ordnung und Disziplin aufrecht, wie söllte das ein Automat… Ey! SehnSe, da zuppt schon jemand an meiner Blume herum… Finger wech!
    Das wird nix, ich will meine Kursgebühr zurück…
    Freundliche, aber enttäuschte Grüße, Ihre Frau Knobloch, die soooo gern wie Herr Hund schreiben wollte…

      • Und ich dachte, so käme ich zu mehr Freizeit. Nun denn, kommt der Automat halt wieder weg in den Sperrmüll oder er bekommt seine eigene Sonntagnachttalkshow.

      • Statt Ihre dankbaren Lernwilligen in das Hamsterrad zur Automatenbefeuerung zu stecken, wie wäre es mit Gastautorenernennung, mein lieber Herr Hund? Sie hätten Ihre wohlverdiente Freizeit und wir könnten voneinander lernen…
        Hartnäckige Grüße, die Ihre, zugeneigt.

  2. Die Kunst des Schraubens ist nicht zu verachten. Und doch: Viele Jahre habe ich versucht, durch das Schrauben an einem alten Motorrad Seelenfrieden zu finden, es war mir nicht vergönnt. Seit einem halben Jahr lerne ich von Ihnen, Herr Hund, und anderen das Schreiben, und es geht mir besser. Niemals wird das schlicht Mechanische Sie ersetzen.

  3. Darin habe ich mich auch versucht: Meine Messerschmitt Me 110 in 1:24 schmückte den heimischen Wohnzimmerschrank. So haben wir denn eine gemeinsame Entwicklung: Vom Modellbauer zum Wortdrechsler. Ich finde, das kann sich sehen lassen.

  4. Also, Herr Hund! Ich kenne einige äußerst feinsinnige und handwerklich äußerst versierte Pöten und Dichterlinge. Die schrauben Ihnen Verse, dass es einen Hammer zum Weinen brächte. Sie löten Worte zu leuchtenden syntaktischen Kunstwerke und treten dabei in die Pedale, dass ich als nicht multitaskfähiges weibliches Feenwesen vor Neid ergrüne wie eine Birke im Frühling. Es gibt diese Wunderwesen. Veto! Entschieden!
    Doch einen Herrn Hund, der solche Trüffelchen schreiben kann, den gibt es nur ein Mal. ✨

    • Mein Ausgangspunkt ist ja immer, ich weiß nichts, von Niemandem, nichts Genaues, bin völlig ahnungslos. Das verschafft mir glücklicherweise eine gewisse Freiheit, so einfach drauflos zu fabulieren. Wenn nicht einmal Wetterkarten die Wahrheit sprechen, warum dann ich?
      Mir machen Gedankenkombinationen Freude, quer quer und immer quer. Nur, dass ich mich nicht verlaufe und ich keinen in die Irre führe. Ankommen (wo?) war nie das Ziel. (Schöner Titel, merke ich mir)
      Für das Trüffelchen danke ich Ihnen.

      • Nur ohne die zertrümmerten Daumen, Stromschläge und Schnittwunden, für die andere Handwerkereien in meiner Handhabung bekannt sind.

      • Von solcherlei Blessuren kann ich ein Lied singen. Meine rechte Hand ist nämlich eine verkappte Linke und die Daumen sind einwärts verdreht vom vielen Draufkloppen bei handwerklichen Amusements. Auf meiner großen schönen Werkzeugkiste, gefüllt mit feinst sortierten Schraubendreherchen, einem Bolzenschneider, einem Vorschlaghammer und diversen anderen Schätzen sitze ich am liebsten – und schreibe…😊✨👍

      • Ich habe lediglich einen kleinen roten Schraubenzieher, beim Rummel gewonnen …. irgendwo.
        Und wieder eine Idee: (frei nach H.C.Andersen) Das Märchen vom Jungen mit dem kleinen roten Schraubenzieher

      • Wundervolle Idee. Der Junge mit dem kleinen roten Schraubenzieher, saß zwischen den Kirmeswagen des ziehenden Volkes und träumte: endlich hatte er den Hebel gewonnen, mit dem er die Welt aus den Angeln hebeln konnte. Dies war sein großes Los und er hatte es gezogen…und überlegte, was er als erstes mit dem kleinen roten Schraubenzieher bewegen könnte. Vor ihm baute sich die große Achterbahn auf, mit Tausenden wunderschöner Schräubchen und Schrauben zum Drehen und Ziehen. Genüsslich knabberte er an seiner rosa Zuckerwatte und dachte nach. Und dann…
        Sie sind dran…✨

      • Ich lass den kleinen Mann mal lieber zu Ende denken, bevor ich ihn vom DANN in eine haarsträubende Geschichte stürze, die es DANN wäre, weil ich wiederum nicht lange genug nachgedacht habe…….

      • Nicht so viel denken…fühlen und looos-schreiben…bis sich die Haare sträuben…aufstellen…der Stoff hat das Zeug zu einem sehr schönen Märchen. Romantic…Andersens Ideen fand ich unglaublich schön, doch sie waren oft sehr traurig, sozialkritisch. Er gehört zu meinen Lieblingsmärchenerzählern, genauso wie Wilhelm Hauff. Für den Jungen mit dem kleinen roten Schraubenzieher (es heißt ja: Schraubendreher, genaugenommen in Handwerkerfachlatein), wünsche ich mir eine Happy Ente am Ende.
        Ichnuwieder…😎

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