Perspektivenwechsel

Setzt euch mal lieber! Nehmt euch einen Schnaps und hört zu! Es ist für den ein oder anderen wahrscheinlich nicht leicht. Vergesst für einen Moment eure Abschlüsse, eure Diplomarbeiten, eure Lehrstühle und Vorstandssessel! Klappt eure Bücher nur kurz mal zu! Danke.

Ich weiß bestimmt, der Kopf, das Hirn darin, es trägt sich ganz wunderbar da oben. Kann aber sein, muss nicht, aber kann, dass, was wir so stapeln, Erkenntnis auf Erkenntnis, das ist nicht so toll, ist Kinderkram. Wir, die Letztgeborenen der Evolution, sind bloß jugendliche Rowdies und befinden uns noch immer in den ersten Jahrtausenden der Pubertät. Oder sogar noch davor.

Die Jüngsten, das sind immer die Kinder und das wären dann wohl wir. Zivilisationen und Kulturen, aufgebaut, niedergerissen, bunte Bauklötze.

Gut, vielleicht auch nicht. Vielleicht doch höchster Punkt der Schöpfung. Und ab da geht’s nur noch abwärts.

Sind ja nur weitere Gedanken und es besteht noch eine kleine Chance, dass es sich anders verhält und dass also so das gute Gefühl der Überlegenheit zurückkehren wird; nicht alles nämlich konnte bislang bewiesen werden. Aber es ist ein kleiner Perspektivenwechsel, eine Arbeitshypothese. Kann gut tun. Muss aber nicht sein. Für alles Weitere rette uns und unsere Stellung unser gesunder Menschenverstand!

Ein Buch, eine richtigstellende Annahme. Da wünschte ich mir selbst einmal, einfach nur zu vegetieren.  Nur zu sein, ein Ding, fast kein lebendiges, sicher aber nicht beseeltes, ein Baum vielleicht oder ein Plankton, ein Gebüsch oder ein Giersch. Ein Gras und keine weiteren Fragen. Wirklich nicht?

Ihre erste Frage wäre nun wiederum wahrscheinlich: „Was heißt hier vegetieren?“ (S.11) Und die geliebten und gelebten Vorurteile einmal beiseite lassend, zumindest für die Dauer der Lektüre dieses Buchs, da, tja, da könnte man so einiges revidieren müssen und bliebe doch lieber am Ende in seinem Glauben überlegener Mensch zu sein, Krönung der Schöpfung und Herrscher der Welt zu sein, weil das in Gedanken weniger anstrengend erscheint und vergisst ganz schnell, was man gelesen hat von der „Intelligenz der Pflanzen“

9783956140303

Einmal kurz, wie es sich verteilt:
ca. 99,9% Biomasse der Erde Pflanzen
ca. 0,1 % Tier und Mensch.

Mich stimmt das nachdenklich für den Moment, ein wenig aufgerundet, als würde das was ändern, meine eigenen 0,00000000000000000000000000000001 Prozent, wobei die leichte Gewichtszunahme mit dem Alter und temporär nach Festtagen, jetzt nicht mehr ganz so auf mein Gemüt schlagen sollte. Ich werde Diäten nicht mehr befolgen. Das spielt dann auch keine Rolle.

Klein kommt man sich vor, sehr klein, vor dem großen Grün, das den Platz beherrscht. So übergroß war vor dieser Erkenntnis meine Neigung nicht, sonst würde ich gleich beginnen, Parkplätze zu bauen, Straßen, Tiefgaragen, um die übergroße Biomasse, Prozentpunkt um Prozentpunkt vom Belebten ins Unbelebte zu überführen. Ich bin halt auch kein Ingenieur, kein Autofahrer. Ich hätte nicht einmal eine Fabrik, die mir wie eine Festung sein und fässerweise Chemikalien, die ich ihrer Dominanz entgegenschütten könnte.

Es muss ja seinen Grund haben, dass der Mensch als Biomasse nur äußerst randscheinig ist. Von Intelligenz und Raffinesse zeugt es jedenfalls nicht.

Dabei sind Pflanzen uns gar nicht unähnlich. Der Autor schreibt, sie schlafen. Der Botaniker Linné hätte das bereits im 18.Jahrhundert herausgefunden. Nun, ich könnte fast auf den Gedanken verfallen, wir sollten uns zusammentun und die Pflanzen im Schlaf erdrosseln. Es wäre schäbig, ich weiß. Und so viele Hände hätten wir gar nicht, wie Pflanzen Hälse haben.

Außerdem, Pflanzen sind modular aufgebaut. Sie sind weniger Individuen mit einem Organ hier und dem anderen dort, sondern vielmehr wie eine Kolonie. Ein Teil allein ist für die Pflanze nicht lebensnotwendig.

Kein Teil, das allein eine spezifische Funktion für die Pflanze hätte. Kein besonderer Sitz ihrer Intelligenz, wie bei uns. Es ließe sich am besten mit dem Internet vergleichen:

Würde ein Teil verlorengehen, ein User, Ich zum Beispiel…………..

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

…….so bliebe dennoch die Intelligenz erhalten……

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

……allein durch seine Struktur……

 

 

 

 

 

 

 

 

 

……naja, es ist nur ein Vergleich,…

….mir will scheinen, der ein wenig hinkt. (Und jetzt, wo ich wieder da bin, ist nicht unbedingt mit mehr Intelligenz zu rechnen).

Sie sind in der Überzahl, sie sind intelligent, sie haben sogar mehr Sinne als wir, riechen, schmecken, sehen, hören und fühlen, anders, aber höchstwahrscheinlich tun sie es. Wir erkennen es nicht, weiteres nicht, weil wir selbst von ganz anderer Struktur sind.

Sprechen wir etwa von außerirdischer Intelligenz, meinen wir nicht Blumentöpfe, die die Erde, nicht aber uns besuchen könnten. Der Mensch hat entschieden, was intelligent ist, was nicht, nach seinem Ebenbild. Das ist wahrscheinlich das Dümmste, was man tun konnte.

Besonders aber, wenn man so absolut in der Unterzahl ist, wie wir. Es wäre an der Zeit, sich mit den anderen Intelligenzen zu arrangieren – und zu lernen. Als wären wir die Kinder, die wir vermutlich in vielerlei Hinsicht noch sind.

Und ich würde sie so vieles fragen wollen, wenn ich nur ihre Sprache sprechen könnte.

 

Jetzt habe ich erstmal dieses schmale Buch gelesen. Die Medizin war so bitter nicht. Im Gegenteil, ich fand viel Erhellendes darin. Ich bin Pollenallergiker und dieses Buch konnte viel dazu beitragen, die aggressive Haltung der Süßgräser mir gegenüber, wenn nicht zu verstehen, so doch einen vernünftigen Grund dabei zu vermuten.

Ein gutes Buch, Stefano Mancuso/Alessandra Viola – Die Intelligenz der Pflanzen, Kunstmann-Verlag.

 

(Danke im Übrigen an den Blogger, von dem ich auf die Spur gebracht wurde. Sie schrieb ernsthafter. Und es findet sich so einiges Andere auf dem Blog. Dies war ein Anfang.)

 

 

 

 

 

 

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8 Gedanken zu “Perspektivenwechsel

  1. Viele die sich mit den Pflanzen beschäftigen, wisse darum. Und unsere Vorfahren sowieso.
    Nicht umsonst waren einst Bäume und nicht Götter heilig…lang ist’s her.
    Schon bei deiner Weltherrschaft unterm Ahorn musst du es gefühlt haben…
    Und mir würdest du im Internet fehlen, wer zeigte mir sonst so feine Bücher…
    Herzeliges…BELL…

    • Stünde mir meine Allergie nicht im Wege, meine Sympathie für alles Grüne und Blühende, Holzartige und Nektar Spendende, würde ich sehr viel mehr ausleben wollen; einen grünen Daumen habe ich allerdings nicht.
      Und, was auch in dem Buch zu lesen ist, aber man ja eigentlich schon weiß, die besänftigende Wirkung von Pflanzen. Deshalb allen Tyrannen einen Blumenstrauß…. und mir der Ahorn.
      Krümelig…..Wuff!

  2. Eine wunderbare Präsentation eines famosen Büchleins, mein lieber Herr Hund. Und für Kleinstdraußenblümchenverrückte erlaube ich mir einen Link zu hinterlegen, der zu einem der pflanzenanbetendsten Famosburschen führt, den ich kenne. Und empfehle sein Buch einfach mal so ergänzend hinzu.
    Wer möchte, staunt hier:
    http://www.juergen-feder.de/
    Ihnen ein Schönstwochenende, Ihre Frau Knobloch, heubeduftet.

    • Hat der auch Bäume im Programm? Nichts liebe ich nämlich mehr als einen ordentlichen (also im Sinne von unordentlich) Mischwald, so Sherwood Forrest-mäßig. Und auch einen Bonsai hätte ich mal gerne. Halt irgendwas mit Baum.
      Ihnen daselbst, wo sie belieben zu blühen, jeden Grund dazu.
      Ihr Herr Hund, der Bäume liebt.

      • Der fabulöse Herr Feder richtet sein Augenmerk lieber gen Unscheinbarbodenblümchen, was ihn mir so simmbaddisch macht. Dadurch krawummst man aber regelmäßig gegen rumstehende Bäume, besonders bei der Sichtung von wilden Maiglöckchen, Frauenmantel, Buschwindröschen, Lenzröschen oder echtem Heidekraut. Mich deucht, eine gemeinsame Waldtour wäre für uns alle das Erquicklichste, mein lieber Herr Hund.
        Mit besten Grüßen, auch an das Frollein, nochmals die Ihre, zugeneigt.

    • Sie dürfen. Und wie ich Zeit finde, werde ich das Aufgeblätterte genauestens lesen und mich vielleicht dazu verleiten lassen, das Buch selbst zu lesen, dabei aber, wie Sie selbst, unbestechlich (und in meinem Fall recht eigensinnig) darauf eingehen.
      Freundlichst
      Ihr Herr Hund

      • In vorfreudiger Erwartung Ihres geneigten Lesebesuches werde ich mich nun ein wenig sonnen und des Abends weiter sternchenstreuend auf Ihrer Webseite leselustwandeln.
        Mit verbindlicher Empfehlung
        Ulrike von Leselebenszeichen

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