Besen lesen

„Wenn das keine Weltliteratur ist“, dann wahrscheinlich, weil es ein Besen ist. Ist überhaupt keine Literatur, nicht einmal ansatzweise. Nach viermaligem Lesen, glaube ich, das sagen zu können. Ein fünftes Mal tue ich mir das nicht mehr an. Zugegeben, was ich behaupte, behaupte ich unter Vorbehalt.

Wie oft muss man Joyce lesen, um ihn zu verstehen? Oder Faulkner? Oder einen der Neueren? Damit will ich nicht sagen, Besen ist mehr als einer von jenen, mehr relevant und mehr überhaupt. Ich würde das gerne sagen können, finde aber einfach keinen Zugang, werde nicht warm mit Besen. Ich lehne eine weitere Lektüre ab. Ich kapituliere. Es möge andere geben, mit mehr Talent, die Besen zu lesen verstehen. Es ist mir auch gleich, ob ich mir damit etwas nehme. Ob ich mir damit etwas verbaue, irgendwas, irgendwohin, ein besonderes Vergnügen, eine bestimmte Erkenntnis. Mein Gott, ich hatte zum Schluss einfach das Gefühl, hier ist eine Grenze, die zu überschreiten mir nie möglich sein wird.

Und das will Literatur doch? Verstanden werden, dass man sich, als Leser, selbst besser versteht. Ist kein Spiegel so ein Besen. Konnte Besen nicht leisten. Hat sich entzogen, sperriger Besen. Ich habe mir wirklich alle Mühe gegeben, Zeit gelassen, mehr, als ich das etwa für die meisten Anderen getan hätte. Die Gründe hierfür sind schwer nachzuvollziehen.

Neben dem Stapel ungelesener Bücher (SuB) stand da Besen. Lange war fällig, wieder einmal zu fegen. Viel zu viel Staub hatte sich angesammelt. Doch ich kam ja nie dazu. Besen allerdings, wie als stiller Vorwurf, ständig neben den Neuerscheinungen, den Klassikern, den Geheimtipps, ich hatte ihn dahingestellt, ich weiß nicht mehr, wann.

Lektüre lenkte mich wohl ab. Und ich hatte ja sehr viel aufzuholen, mittlerweile ja noch viel mehr, denn ich hatte mir vorgenommen, seit ich über Literatur schrieb, vorne dabei zu sein, meinerseits gelesen zu werden, dass, wer las, was ich zu sagen hätte, das als Empfehlung nehmen würde, seinerseits und so weiter…. Da blieb Besen auf der Strecke.

Bis vor etwa zwei Wochen. Es kommt durchaus öfters vor, da habe ich diese Krise, dass ich nicht weiß, was ich als Nächstes lesen soll und der SuB wächst und wächst, bin ich doch nicht der allerschnellste Leser. Ich sag also zu mir, „Nur irgendwas, nur einfach weiterlesen“, und greife zu, blind für die Namen der Autoren, für die Titel, gleichgültig dem gegenüber, was meine literarische Lust mir hätte vorgeben können. Nur immer weiter.

Und hatte plötzlich Besen in der Hand. Ich war wohl auch zu dem Zeitpunkt schon sehr überlesen, also -müdet, und konnte keinen anderen klaren Gedanken fassen, der mich hätte von meinem literarischen Fehlgriff abbringen können. Ich musste Besen lesen. Dafür schien er da. Ein anderer Nutzen, den er hätte haben können, kam mir gar nicht in den Sinn.

Ich tat mich von Beginn an schwer, denn Besen als Text kommt völlig ohne Buchstaben aus. Nichts an Besen findet sich, das sich umblättern ließe. Wo fängt man bei einem Besen zu Lesen an? Nichts deutet auf einen brauchbaren Einstieg und Anfang hin. An den Borsten? Und sein Stil ist hölzern, besonders im Original. Eine brauchbare Übersetzung ist mir nicht bekannt. So musste ich mit diesem Exemplar vorliebnehmen. Im Ganzen, sofern es um Besen als Lektüre gehen soll, ist er zudem sehr unhandlich. Ich muss dazu sagen, ich lese am liebsten im Bett und stellte nun bei Besen fest, er eignet sich überhaupt nicht als Bettlektüre. Hätte man ein Bett nur allein für sich, vielleicht.

Besonders an den spannendsten Stellen der Lektüre, die Aufmerksamkeit für die Umgebung lässt nach, schon ist es passiert. Ein Glück (oder Pech), Besen hatte nicht sonderlich viele solcher Stellen. Im Grunde gar keine.

Ich quälte mich, wollte aber dennoch unbedingt dranbleiben. In mir gewann der Gedanke Raum, wenn ich die Lektüre nur zu ihrem Ende brächte, irgendwie so, dass sich etwas sagen ließe zu Besen, dann, das durfte ich annehmen, wäre ich wohl, was Besen angeht, einziger und unumstrittener Experte. Ich würde zu Besen schreiben, Beitrag um Beitrag, seitenlange Aufsätze und dicke Bücher. Man würde mich bewundern für meine Kenntnisse, meinen Scharfsinn. Vielleicht würde ich sogar einen Lehrstuhl erhalten.

Vier ganze Nachmittage und Abende verbrachte ich mit Besen. Beim dritten Mal las ich draußen. Es war schönes Wetter. Vögel zwitscherten. Ich habe dort eine schöne Stelle zum Lesen. Wenn nicht im Bett, dann dort. Unter dem Ahorn. Es ist auch viel mehr Platz und Raum für Besen. Ich versprach mir einiges davon. Ich hatte eine Flasche Sprudel dabei und ein Notizheft, den Sprudel für den Durst, das Heft für die Einfälle. Da saß ich, die Leute schauten. Fragten, „Was machen Sie da?“. Nur einer kam vorbei, der fragte, „Was lesen Sie da?“
„Ich lese Besen.“
„Gut?“
„Ich gebe die Hoffnung nicht auf.“ Ich muss dazu sagen, ich mag es nicht sehr, beim Lesen gestört zu werden. Es ist eine zu ernste Angelegenheit.
„Ich habe einmal Herd gelesen. Es hat sich nicht gelohnt. Ich habe mir dann lieber ein Ei gekocht. Was soll man auch machen, wenn man Hunger bekommt.“ Und schon war er weg. Mein gemurmeltes „Aha“ wird er nicht mehr gehört haben. Draußen zu lesen ist schön, ist das Wetter danach. Doch begegnet man sehr seltsamen Menschen.

Nach viermaligem Lesen waren letztlich alle Träume futsch. Besen ist einfach ein Besen. Es deprimierte mich, das mir selbst gegenüber zugeben zu müssen, meine Zeit verschwendet zu haben und mich nicht nützlicherer Lektüre vom SuB bedient zu haben. Was da noch wartet, die Zeit so knapp.

Ich stelle also Besen wieder hin. An eine andere Stelle, wo ich ihn nicht täglich sehen muss. Der Staub wird weiter zunehmen. Und ich lese weiter und weiter. Bis ich hoffentlich diese Episode vergessen habe. Es kann sein, Joyce oder Faulkner zu lesen, wird mir dabei helfen. Sie sind so viel verständlicher als Besen.

Dumm nur, dass ich es nicht für mich behalten konnte. Denn gut möglich, ein Besserer kommt auf ebenjenen Gedanken, greift in seinem Fall absichtlich daneben und liest, versteht und schreibt die Texte, die meine hätten sein können. Vielleicht aber wird er oder sie mich wenigstens erwähnen, als Inspiration.

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23 Gedanken zu “Besen lesen

    • Da möchte ich Ihnen glatt ein Besen-Kochbuch schreiben, dass mehr Abwechslung in das Fressen kommt.
      Und ob etwas sinnlos ist entscheidet sich immer vom Ende her. Und das ist noch längst nicht in Sicht. Abgesehen davon, dass es dann auch egal ist.

      • Alles wird gut. Und wenn es nicht gut ist, dann ist es noch nicht zu Ende. Oder ich erkläre die allgemeine Sinnlosigkeit und fresse einen Besen.

    • Ich wollte hier eigentlich gerade meinen eigenen Besen-Senf loswerden, aber besser als DAS wird´s nicht mehr ;D

      • Wenns also nicht mehr besser wird, so klappen wir eben nun die Läden zu und rauchen gemeinsam Wasserpfeife. Feierabend. Die ganze Literatur muss auch einmal ruhen können. Pffffffffffffffffffffffft!

      • Doch nicht die Literatur, bitte! Nur Frau Drittbesen – die bemerkte nämlich kurz zuvor wieder einmal schmerzhaft, dass Andere eben das Zeug zum Besenreimen haben, sie hingegen nicht. Ich hätte in dieser Lage nur eine Alternative zum Lieber-Schweigen-und-schmunzeln gehabt, die wäre jene Guerilla-Streber-Taktik gewesen, mit der mich in Schulzeiten meine Klassenfeinde in den Wahnsinn trieben: Arm hoch, wichtigtuend fuchtelnd, und bei erfolgtem Aufruf altklug krähen „Das wollte ich auch gerade sagen, genau so!“, aber so Eine bin ich nunmal nicht…

    • Was für Geschichten würden wir erzählen und wie, hätten wir nicht Besen, hätten wir nicht Es und As und Menschen, die mit derlei drei umgehen können. Ganz sicher und zumindest einen Kommentar weniger.

  1. Köstlich!
    Wo ist mein Kommentar hin, den hatte ich heute Morgen hierhin gepflanzt? Besen scheint ihn weggefegt zu haben… Waren lobende, da sei dir sicher.

      • Haha, wunderbar wie du die Gedanken kombinierst. 🙂
        Nun finde ich gar nicht mehr schlimm, dass er verschwunden ist. Und wenn du noch Hunger hast, dann nimm diesen auch gerne, hoffe, er schmeckt gut.

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