Salzwasser

Gleich zu Beginn eine Anmaßung. Oder dieses vermeintliche Geständnis ist nur ein rhetorischer Trick, nicht ernst gemeint, nicht ehrlich, eben anmaßend. Der Gedanke setzt sich fest, die Verbindung ist hergestellt. Herr Hund führt Kafka an der Leine:

„Wir brauchen aber die Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in Wälder vorstoßen würden, von allen Menschen weg, wie ein Selbstmord, ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.”

Lassen wir die Anmaßung einmal dahingestellt. Sagen wir einfach, es ist mir bewusst und glauben es mir. Ich bin neben ihm ein Wicht. Einer wie er führt mich.

Ich spreche auch nicht darüber, zunächst oder nie, über eine Erwähnung vor ein paar Tagen in einem Beitrag, Bücher würden glücklich machen, denn Glück, wie Schönheit, ich bin mir nicht sicher, diese Begriffe zu verstehen. Immer hoffe ich, da kommt noch eine Erklärung, doch nein, sie fällt aus. Als wäre das doch klar. Mir nicht. Für den Moment stelle ich für mich fest, Glück ist das Gegenteil von Langeweile, Schönheit das Gegenteil von Tristesse und Monotonie. Bewiesen ist es nicht.

Mir geht es um den zweiten Teil des Zitats, um das Meer in uns, tief, schwarz und unbändig, unzähmbar. Und wie ich diesen Satz schreibe und vom Meer spreche, fällt mir Ibsens „Frau vom Meer“ ein, lasse das aber als Randbemerkung (und möglicherweise weitere Anmaßung/Ausschmückung) links liegen und wende mich dem Eigentlichen zu: was Meer noch ist.

Salz, es ist Salz. Es ist das Eine, es freizuschlagen, sich zu konfrontieren mit den Tiefen, sich den Stürmen auszusetzen, in kleinem Boot darüber hinwegzufahren, von Insel zu Insel. Es ist etwas Anderes, dass man es als Schiffbrüchiger tut, oder tun sollte (wenn das nicht doch zu viel verlangt wäre, denn warum sich dieser Not aussetzen, allein für eine in Aussicht gestellte Selbsterkenntnis, ohne die zu leben ja möglich ist, immer wieder bewiesen). Und als solcher, allein auf dem Meer, fernab, wird ein Durst zwingen, zu trinken vom Meer, auf dem man fährt, der Abgrund und Tiefe ist. Und Salz, von dem ich weiß, es löscht den Durst nicht, im Gegenteil.

Was wäre da nicht anzunehmen, dass Lesen (und Schreiben, dass die Beschäftigung mit Kunst), eine im Grunde genommen einsame Beschäftigung darstellt, mache man sich nichts vor, dass sie niemals den Durst stillen kann und wer es ernst meint, immer weitertrinken wird, verdurstet er auch zum Schluss an aufgeschlagener Tiefe.

Sind Bücher (ist Kunst) Meere aus Salz, das Salz der Erde, so kann nur geraten werden, sich entweder nicht allzu ernsthaft damit auseinanderzusetzen, warum sollte man es dann aber tun, oder sich aber wenigstens nicht zu weit wegzubewegen von den Inseln, dem festen Boden, und ich nenne es anmaßend, vom konkreten Leben.

…muss zur Arbeit. Der Gedanke ist fallengelassen. Vielleicht wird er nochmals aufgehoben.

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4 Gedanken zu “Salzwasser

  1. Da liegt ein salziger Gedanke, Herr Hund.
    Kafka brachte etwas auf den Punkt.
    Es geht um das Enteisen, , wer denkt denn ans Ersaufen?
    Ach, welch Glück kann es doch sein, ein gutes Buch zu kaufen
    und drin sich zu rühren und drin zu versinken,
    da lasse ich mich doch gern führen vergesse
    glatt zu ertrinken.
    Wünsche Ihnen einen guten Tag und danke Ihnen für die Ge-danken
    – besonders weil ich den Kafka so mag!✨

  2. schon der Alte Fritz stellte fest:

    „Bücher sind kein geringer Teil des Glücks. Die Literatur wird meine letzte Leidenschaft sein.“

    aber bis zur letzten Leidenschaft haben Sie noch sehr lange Zeit -:)))
    und bitte mee(h)r von solchen Texten.

  3. Ein faszinierender Gedankengang den ich mit Freude für mich selbst weiterführen werde…
    Doch eine Frage beschäftigt mich…
    Muss man sich nicht ab und zu von den Inseln entfernen um etwas zu finden, das sich Festland nennt?
    Liebe Grüße,
    Lettercastle

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