Statt einer Buchempfehlung. Kurze Anmerkungen über die Grenzen der Literatur

Fräulein Schneefeld hatte anfangs sicherlich recht. Ich wollte eine gepflegte Rezension schreiben, angeregt von einer aktuellen Empfehlung, die man so oder so sehen konnte aber-egal-wie,-morgen-ist-ein-neuer-Tag-vielleicht-sogar-Sonntag-und-es-gibt-Braten-statt-Köttbullar. Hiermit war schon genug getan. Ist die Lektüre jenes Werks  selbst vielleicht nicht lohnenswert, so hatte sie Anteil daran an meiner Beschäftigung mit diesem ganz anderen Werk. Die zum Schluss über eine normale Buchempfehlung hinausreichen sollte bzw. diese in gewisser Weise unmöglich machte. Vergessen werde ich Herrn Karasek den Anstoß jedenfalls nicht. Man muss einem Kritiker auch einmal dankbar sein.

telefonbuch

Nun aber zu dem Buch, das mich am Ende doch sehr aufwühlte. Wobei ich sagen muss, dass es mir zuletzt nicht mehr um ein einzelnes Werk gehen konnte, sondern um Editionsgeschichte und darum, wie ein Werk im Laufe der Zeit sich wandeln kann: Das Telefonbuch von Schwäbisch Gmünd (von 1978)

Meine Wurzeln liegen im Schwäbischen, so lag eine Beschäftigung mit diesem Buch nahe. Es ist gut möglich, dass ich mich irgendwann einmal, auch, um meine Entdeckung zu überprüfen, an Telefonbücher anderer Städte, Gemeinden und Landkreise machen werde. Das wird die Zeit zeigen. Für den Moment soll es bei diesem Telefonbuch bleiben.

Ich werde auch darauf verzichten, über den Autor Lebensdatliches zu äußern. Es ist mir nichts bekannt. Wer hier sich hervortun will, dem möchte ich hier bereits meinen Dank aussprechen, denn es könnte als Erklärung zu der Entdeckung die ich machen konnte Einiges beitragen.

Geben wir es zu, es war am Anfang eine wenig lohnenswerte Lektüre. Ich stand kurz davor, sie aufzugeben und das Ganze als hoffnungslos verstaubt abzutun. Bis zu der Stelle, die mich aufhorchen ließ. Es sei gesagt, dass ich sehr gewissenhaft bei solchen Dingen vorgehe, kommt es auch öfters vor, dass ich keine Lust habe und sehr faul bin. In diesem speziellen Fall half mir meine Akribie und mein Studium der vergleichenden Literaturwissenschaft, eine unglaubliche Entdeckung zu machen. Man sehe selbst:

Schleck, Annemarie, Herdweg 14, 247858
Schleck, Bernd, Opitzstrasse 2, 252114
Schleck, Friedrich, Marktstrasse 25, 255911

Das las ich in der Ausgabe von 1978. Und hier nun, in der Ausgabe von 1984:

Schleck, Annemarie, Herdweg 14, 247858
Schleck, Friedrich, Marktstrasse 25, 255911

Die Stelle über Bernd Schleck, sie war verschwunden. Ich muss sagen, das sind die Momente, da ich hellhörig werde und keine Ruhe finde. Mich haben solche Rätsel schon immer gereizt. Es hätte hier ein Fehler der Druckerei vorliegen können. Manche Werke der Weltliteratur sind so entstanden. Ich wollte jedenfalls dem Ganzen auf die Spur gehen und herausfinden, was es mit dieser literarischen Figur des Bernd Schleck auf sich hat….und rief an.

Nein, natürlich nicht. Das würde heißen, die Literatur für’s Leben zu ernst zu nehmen. Sie bleibt am Ende ein Zeitvertreib und so auch dieses Telefonbuch. Statt eines Anrufs also besorgte ich mir -und das wäre eine Geschichte für sich- die Ausgabe von 1993, allein, um festzustellen, ob die Figur in dieser Version des Werks wieder auftauchen würde:

Schleck, Annemarie, Herdweg 14, 247858
Schleck, Dr.Claudia, Pfingtsrosenstrasse 35, 276521
Schleck, Friedrich, Marktstrasse 25, 255911
Schleck, Herbert u. Ingrid, Würthweg 71, 284421

Schleck, Bernd  blieb verschollen. Gleichzeitig aber kam neues Personal hinzu, das vorher nicht da gewesen war. Das kannte ich von Literatur nicht. Immer war mir Literatur auch dadurch Orientierung, dass es den einen Helden hatte. Es waren die Leiden eines Werthers, in welcher Ausgabe auch immer. Dass ein Adelbert, eine Maria, eine Familie Struck jemals statt seiner in diesem Werk gelitten hätten, ist mir nicht bekannt.

Das ist höchst irritierend. Und ich weiß nicht, ob das Literatur gut tun kann? Ob sie durch zu häufigen Personenwechsel nicht verliert. Literatur ist in ihrer Weise Quintessenz des Lebens, eben nicht das Leben selbst. Diese ständigen Wechsel, sie gehören auf die eine Seite. Dieses Werk hat hier jedoch Grenzen aufgelöst. Darin ist es zwar sehr mutig und wohl einzigartig. Ob es noch Literatur ist, wer mag das entscheiden? Dass und wie dieses Werk, trotz dieser Radikalität und seiner experimentellen Form so hohe Auflagenzahlen erreichen konnte, wäre ein weiterer Punkt, dem nachzuforschen lohnenswert sein müsste.

Was das Ergebnis meiner gewissenhaften Lektüre angeht, so kann ich sagen, dass Bernd Schleck allein in der Ausgabe von 1978 zu finden war. Er ist und bleibt für dieses Werk wohl eine Randfigur.

Doch nicht für mich. Nicht mehr. Er wird mich weiter beschäftigen.

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10 Gedanken zu “Statt einer Buchempfehlung. Kurze Anmerkungen über die Grenzen der Literatur

  1. -:))) als kleinen Wegweiser zur „Auf der Suche nach dem verlorenen Mann“ möchte ich das ebenso weltberühmte Werk Who is Who empfehlen, vielleicht tummelt bzw. wenn man(n) dort zu finden ist ,tummelt man sich nicht, dann schreitet man(n) gravitätisch. Es war das wichtigste Werk, das jährlich während meiner Berufstätigkeit bei Vorstands im Januar neu bestellt wurde. Vielleicht hilft es auch Ihnen weiter.
    Ich harre gespannt wie ein Flitzebogen der Fortsetzung folgt -:)))
    mit sonnigen Grüßen vom Dach
    Karin

  2. Lieber Herr Hund,
    ganz wunderbar – und auch sehr, sehr nachdenklich stimmend – sind Ihre Reflexionen über den verschwundenen und auch in späteren Auflagen nicht wieder auftauchenden Bernd Schleck. Ist womöglich ein Zensor am Werk, der über missliebige Protagonisten einfach eine Decke des Schweigens und Vergessens ausbreitet?
    Mit rätselhaften Grüßen, Claudia

  3. Ein Meisterwerk! Erst durch das Fehlen des Bernds erhält das Dasein von Annemarie und Friedrich sein tragisches Element. Ihr Zusammenrücken nach seiner Abwesenheit sollte nur von kurzer Dauer sein…
    Es knickst
    Soylani

  4. Lieber Herr Hund, Sie sollten sich unbedingt einmal über einige Jahre hinweg an einem isländischen Telefonbuch versuchen! Da entschwinden die Menschen nicht, sondern – ganz im Gegenteil – sie scheinen sich geradezu in Permanenz zu vervielfältigen… Allerdings erhalten sie offensichtlich stets eine neue Rufnummer! Womöglich hat es etwas mit der merkwürdigen Art der Namensgebung zu tun, bei der an erster Stelle alle nur aus einem begrenzten Fundus an Vornamen schöpfen können und an zweiter jeweils Töchter oder Söhne von Vätern sind, die derselben Begrenzung unterliegen, Ich bin mir aber nicht sicher…

    • Ha Ha! Denke, das überlasse ich lieber den Eingefleischten, also etwa Ihnen. Aber merken tue ich es mir. Man weiß nie.
      Sehr lustig……………..Sie würden mich jetzt schmunzeln sehen.

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