Radler

Vor einigen Jahren, Juni oder Juli, da plante ich meinen Urlaub so, dass ich die Tour de France verfolgen konnte. Ich sah den Start, ließ sie erstmal fahren, ging solange ein Radler trinken, las in einem Buch. Ich kannte den Zeitplan, wusste, wann das Feld kurz vor Sprint- oder Bergwertungen war. Bis dahin war alles getrunken, einiges gelesen und sogar ein Mittagessen gekocht und gegessen.

Bei den Steigungen, Alpe d’Huez, Tour Malet, blieb ich dran. Hier fanden die Duelle statt. Faszinierend der Kampf Mann gegen Mann. Rote Gesichter, Schweiß. Inmitten schönster Landschaft.

Dann später nicht mehr. Nicht allein wegen des Dopings. Sondern ich war nicht mehr allein, dass ich mich sechseinhalb Stunden, das jeden Tag, einem Radrennen im Fernsehen hätte zuwenden können. Es hatte seine Zeit. Die war vergangen.

Ein Radler an warmen Tagen trinke ich immer noch. Und das Lesen ist weiterhin wichtiger Bestandteil. Ein eigenes Rad habe ich übrigens nie besessen. In Städten fahre ich nicht. Es hat zu viele Straßenbahnen, zu viele Bordsteine. Ich brauche einen Schutzradius von wenigstens 50 Metern. Auf dem Land wären das Problem die Berge gewesen.

So fuhren sie für mich, quälten sich hinauf, stürzten sich hinunter, Rad an Rad und fuhren durch spalierstehende Menschenmassen.

Ich verstehe mich besser auf’s Lesen (vom Radlertrinken hat das jetzt hoffentlich keiner erwartet), bin beim Lesen mutiger, ausdauernder. Und scheue nicht höchste Kategorien. Doch immer kurz vor dem Besenwagen. Einen Fehler konnte ich so ziemlich ablegen. Ich lese weniger nach dem Streckenprofil. Bin auch weder reiner Sprinter noch Kletterziege. Auf irgendwelche Trikots richte ich nicht mein Augenmerk.

Habe irgendwann vielleicht so gelesen (und mitunter kommt das noch vor):

Profil

Vorbereitung mit Beginn der Saison, Streckenplanung. Die Kräfte einteilen. Ziele setzen. Nicht nur Etappen mit Bergen der höchsten Kategorie.  Ausrollen einplanen. Pinkelpausen. Nahrungsaufnahme. Wahrscheinlich noch Wochen und Monate im voraus.

Das ist für Profiradler, für mich als Amateur blanker Unsinn. Wer erinnert sich an den „Club der toten Dichter“? Wie war das, Poesie bewerten nach x- und y-Achse? Es war nicht ganz so schlimm. Dennoch ganz befreien davon, aus Literatur eine planbare Sache zu machen, das ist mir bis jetzt nicht ganz gelungen. Und brüte darüber, wie ich aus der longlist eine brauchbare und erfolgversprechende Tour zusammenstellen kann.

Und kein Radler mehr im Haus. Dabei weiß ich doch, was für ein Radler ich selbst bin. Ich sollte Streckenprofile und Koordinatensysteme für mich nicht in Anspruch nehmen.

Sonst entgehen mir die Sonnenblumen:

Sonneblumen

Am Ende waren es nämlich die französischen Landschaften, weswegen ich dranblieb. Der Sonnenblumen wegen. Die Profis hatten kein Auge dafür. Nur immer für den Vordermann. Und lesen sollte man wegen der Landschaften.

Da ist nirgendwo ein gewinnbares Ziel.  Zumindest nicht vorne.

 

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7 Gedanken zu “Radler

  1. Nee, die Langliste wird keineTour, nur 2-3 kurze Sprints, mit dem – wie heißt das Zeug, Sie wissen schon – der „Radler mit Wein“. In österreichische Gefilden würde ich „Gespritzter“ dazu sagen.
    Aber wieder sehr schön geschrieben haben Sie das. Die Langliste (diesmal hat Autokorrekt „Languste“ – wäre jetzt auch nicht schlecht, aber dann keinen Gespritzten“…und das arme Tier, also nein – geschrieben) als „Tour de Force“ des Lesens.
    Chapeau! (Ein ! muss reichen)

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