Risse in den Fassaden schöner Kunst – Ralph Dutli „Die Liebenden von Mantua“

Unsere Erinnerung täuscht uns immer wieder, sie liegt ganz nah am Wahn … am Roman.

Und wenn wir zu viel wissen, folgt meist die Ent-Täuschung. Was guten Autoren gelingt, ist, sie verstehen, zu verbergen, was sie bereits wissen. Sie erwecken den Eindruck alles, was in ihren Geschichten geschieht, geschieht ohne ihr Zutun. Wenn Autoren ihr Wissen zeigen, so kann das für die Geschichte schädlich sein. Wir befinden uns dann in einem Vortrag. Professorale Literatur. Literatur von vorne, würde ich sie nennen wollen und einer etwa wie Eco wäre ihr Stammvater.

Das Kapitel etwa mit dem Ohrenschmalz der Wale. Der lagert sich ab, über Jahre. So sollte Erinnerung sein, wie eine Black Box. Das ist alles nett geschrieben, durchaus bedenkenswert, durchaus mit Pointe. Wenn es nur dabei bliebe. Denn es kommen noch ein paar Sätze zum Ohrenschmalz der Wale hinzu. Da muss man stehenbleiben, wo man doch schon weiter wollte in der Geschichte. Wo die Geschichte weiter wollte. Der Autor lässt sie nicht. Er weiß noch zwei, drei Dinge zum Wal zu sagen.

2007 FuErdbeben-Zerrissene-Zeit-Eine-vom-Beben-am-20nd zweier eng umschlungener Skelette bei Valdaro in Italien. 2012 Erdbeben in Norditalien, Tote, Beschädigungen an zahlreichen historischen Gebäude, Risse in den Renaissance-Fassaden. 2015 bringt Ralph Dutil in seinem Roman „Die Liebenden von Mantua“ diese beiden Begebenheiten zusammen.

Ja, es ist ein Riss, ein Riss in allem Schein! – So schwappt das Licht herein.

Oder Dunkelheit und Wahnsinn.

Zuerst aber findet sich die Kunst, die Liebe, das Ewige. Renaissance heißt Überbietung. In der Malerei neue extreme Perspektiven, einer wie Mantegna ein Meister darin. Was geschaffen wurde, der terremoto (ein in seinem Klang viel treffenderes Wort als das deutsche, sanftere ‚Erdbeben‘) nimmt darauf keine Rücksicht.

Es begegnen sich wieder zwei Freunde in Mantua, Raffa und Manu. Raffa sucht nach Spuren des Erdbebens von 2012, Manu die Liebenden. Die sind verschwunden. Bald darauf verschwindet auch Manu; er wird entführt.

Das Buch aber liest sich wie ein Reiseführer. Tatsächlich wird man von Ort zu Ort geführt. Und wie man erst im Reiseführer weiterliest, wenn man angekommen ist bzw., wenn man wissen will, wo man hingehen soll, liest es sich so am besten. So funktioniert es. Die Geschichte ergibt sich nicht, keineswegs wird man von ihr fortgerissen.

Und auch Raffa, nachdem sein Freund verschwunden ist, lässt sich erst einmal Mantua zeigen. Der Blick hinauf, bis der Nacken schmerzt.

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L’oculo

Siehst du, wir halten es nicht mal eine Stunde in der Renaissance aus!, sagt seine fremde Führerin. Wir sind zu unbegabt dafür…

Dennoch wird weiter vorgetragen. Über die Stunde hinaus. Raffa ist keine handelnde Figur, er ist Tourist. Die Liebesgeschichte zwischen ihm und seiner Führerin, Lorena, sie berührt nicht. Obwohl es durchaus Momente hat. Doch sofort folgen weitere Reminiszenzen. Das nächste Kunstobjekt, es wartet.

Raffa beginnt sich nach schlichter grauer Betrübtheit zu sehnen, nach perfekter Melancholie und gottverdammter Traurigkeit meinetwegen, nur nicht mehr das lustpeitschende Bacchanal dieser Fresken…

…etc. Und mir als Leser erging es ebenso. Es ist ein schmaler Band, dieses Buch, allein man geht hindurch wie in einem Museum, langsam und in Etappen, bleibt stehen, betrachtet, während man vielleicht viel lieber das Leben draußen beobachten möchte, jenseits von Holzrahmen und Sockeln.

Man wünscht sich für das Buch selbst ein Erdbeben, dass die Fassaden einstürzen und die Geschichte freigelegt wird. Die ist nämlich im Grunde sehr interessant. Da ist die Entführung, ein halb wahnsinniger Comte will eine neue Religion gründen und der entführte Manu soll dazu eine Charta der Liebe verfassen, die „Liebenden von Mantua“ als ihr stärkstes Symbol. Nur ist die Geschichte ausgestellt wie in einem Glaskasten, so wie die Liebenden selbst. Man ist nicht darin, man steht herum und schaut sich die Exponate an.

Die Dialoge sind mitunter so, als würden sich Audioguides miteinander unterhalten. Was der eine einwirft, wird vom anderen ignoriert; er/sie hält weiter seinen Vortrag. Das ist das Schwächste: die Figuren interagieren nicht. Allein in ein paar Rückblenden, etwa in den kurzen Episoden von Manu und Laure in Paris, bewegt es sich:

Als sie in die Rue Daguerre hinaustraten, schneite es wie an den Polen der Welt, Schnee ist Schnee, aber wenn es in dieser Stadt schneit, glaubt man sich auf einen anderen Stern. Sie gingen zum Friedhof Montparnasse und lasen wieder den Grabspruch des peruanischen Dichters, der im Pariser Schnee umkam: ich habe so viel geschneit, damit Du schlafen kannst.

In Mantua allerdings bleibt alles Museum.

Ich gehe selbst sehr gerne in Museen, dort, wie hier in dem Roman steht scheinbar die Zeit still. Das tut sie nicht wirklich und nicht lange und sie wird einem lang. Dann geht man an die frische Luft. Vieles in dem Buch, das zum Nachdenken anregt.

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Ralph Dutli „Die Liebenden von Mantua“, Wallstein-Verlag

Ein Buch, das mir gefällt, sofern ich mich als Reisender darin bewegen kann, Pausen machen kann. Kluges wird gesagt, die Neugier angeregt. Als Roman oder gar als Liebesgeschichte ist es aber misslungen.

Das weiß ich, da ich in einem einzigen Bild, gefunden zur Zeit der Lektüre auf der Seite einer Bloggerin eine Liebesgeschichte lese, die mir näher geht und mit weniger   Worten auskommt:

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„Love“, copyright by Jaqueline Krone –

 Dennoch, obwohl es eine Arbeit war, hat sie Spass gemacht. Ich weiß gar nicht, wie man darauf kommen kann, es müsste einander ausschließen.

 Zum Blog von Frau Krone: https://bildundschrift.wordpress.com/2015/09/07/love/comment-page-1/#comment-48

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9 Gedanken zu “Risse in den Fassaden schöner Kunst – Ralph Dutli „Die Liebenden von Mantua“

  1. Also, lieber Herr Hund, die „Liebenden von Matua“ wandert nun auch nach – oder auch: wegen – Ihrer Besprechung nicht auf die Lesewunschliste. Da gibt es – hoffentlich – Aufregenderes zu entdecken.
    Viele Grüße, Claudia

  2. Sehr treffend, ich teile deine Ansichten. Die Idee des Romans finde ich wirklich gut, umso bedauerlicher, dass der Text so künstlich und konstruiert wirkt. Mehr Figurentiefe, mehr Konzentration auf das „was“ als auf das „wie“, das wäre schön gewesen. Aber trotzdem finde ich es ebenfalls nicht unlesenswert. Für alle Mantua-Reisenden sollte es zur Pflichtlektüre erklärt werden.

    • Ja, in der Tat, es werden nicht die „handelnden“ Figuren sein, an die man sich erinnert, nicht ihr Schicksal. Gerne aber erinnere ich mich an die Einlassungen über Religion und Gott als Mann und Frau, als Eisverkäufer, an die besagten Wale usf.. Diese waren es wert, das Buch gelesen zu haben.

  3. Ihre Rezension bestätigt auch meinen Leseeindruck, lieber Herr Hund, nur möchte ich Eco in Schutz nehmen, der verpackt sein immenses Wissen gekonnter in seine Romane und bietet mehr und schlüssigere Handlung als Herr Dutli. Letzterer wäre wirklich ein sehr guter Reiseführer.
    Das die Rezension krönende Foto ist ein zauberhafter Abschluß -:)))
    Herzliche Grüße vom im Regen ersaufenden Dach in Hanau.

    • Ich habe seinerzeit mich sehr für den „Namen der Rose“ begeistert und wollte sogar Mönch werden, kein Scherz. Es ist auch keine Kritik und Abwertung. Im Gegenteil. Ich stehe bewundernd vor diesem kolossalen Wissen. Und es kann ja auch funktionieren. Nur eben bei dieser Art von Literatur besteht eben immer die Gefahr, dass einem die eine Geschichte erzählt wird, sondern ein Wissen vorgetragen wird, für das das Mitbringen einer Großbibliothek notwendig scheint. Bei Eco war ich da schon vorgewarnt. Ich wusste, worauf ich mich da einlasse.
      Ich schätze ihn sehr.
      Und bedauere es nicht, Dutli gelesen zu haben.
      Freundlichst im Trockenen
      Ihr Herr Hund

  4. Pingback: “Man weiß ja nie.” | hundstrüffel

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