„Man weiß ja nie.“

Ob ein Geschenk von Tante Gerda, auf einer Parkbank gefunden, im Geschäft gekauft oder geklaut, ob ein Rezensionsexemplar des Verlags, nichts davon sollte und darf  das Urteilsvermögen beeinträchtigen, höchstens die Wahl der Worte, wenn etwa Tante Gerda fragen sollte, nicht aber den Ernst bei der Sache.

Es bedeutet nichts, woher es kommt, nur, wie ich meine Zeit damit verbracht habe und was es mir hinterlassen hat. Dies Buch, von dem die Rede ist, ist ein Rezensionsexemplar. Das zur Transparenz. Nie wieder werde ich dazu etwas sagen.

Zum Buch selbst. Es hat es nicht auf die Liste geschafft. Auf eine andere allerdings. Die ist mir wichtiger: die Liste von Lieblingsbüchern. Das ist gut, der Verlag wird es gerne lesen. Mir ist die Liste wichtig. Mir sind die Bücher darauf wichtig. Jetzt dieses weitere.

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Und ich habe keine Ahnung, was ich davon halten soll. Es ist ein schmaler Band, mal wieder. Es verliert nicht viele Worte. Es bietet unendlich viele Möglichkeiten, es zu verstehen, richtig und falsch. Es regt dazu an, ich bin noch nicht dahinter gekommen, ob ich auf dem Holzweg bin. Ich werde es vielleicht weitere Male lesen müssen. Wie bei einem Ritual, einer Zeremonie. Dabei ist möglicherweise die Handlung selbst das Wichtigste.

Denn es besteht die Möglichkeit, es bedeutet nichts, die ganz große Ironie schlechthin.

Man weiß ja nie

Der Satz fällt, glaub ich, zweimal.

Man weiß ja nie.

Ich halte es für einen Kernsatz. Doch…

Man weiß ja nie.

Die Autorin sagt einmal (9:22), sie recherchiere und sie bluffe. Ich nehme beides ernst.

Sie nimmt eine verbürgte Randfigur, nennen wir sie einmal Dr.Shimamura und erweckt sie zum Leben. Theater wird gespielt, es soll Wissenschaft sein. Ein Fuchs tritt auf. Es gibt auf jeden Fall aber eine Besessenheit von ihm. Es gibt weitere verbürgte Figuren, die man besser kennt, Charcot, Breuer, Figuren, die ebenso phantastisch und ausgedacht anmuten, wie Shimamura selbst.

Realität, im besonderen die vergangene, ist -schiefes Bild- wie eine Wandmatte, damit man sich nicht an Kanten stoße. Shimamura ist einzig dafür berühmt in der Medizingeschichte als verantwortlicher Arzt,  für die Anbringung ebensolcher Wandmatten, dass sich seine Patienten nicht stoßen können, in Absicht oder nicht.

Unsere Erinnerung täuscht uns immer wieder, sie liegt ganz nah am Wahn … am Roman.

Das ist aus dem Buch zuvor. ich finde es passt ganz gut. Sowieso hängen alle Bücher zusammen. Ein Chor. Die schlechteren gewinnen dadurch.

Shimamura vergisst, weiß vieles nicht mehr, verdrängt. Shimamura ist Patient. Es ist bisweilen ungesund, sich zu erinnern,

sich tagaus, tagein zu erinnern, an dieses und jenes, und oft auch an dessen jeweiliges Gegenteil.

Das Oder-Projekt. Die Vergangenheit hält verschiedenste Optionen bereit. Wie war das tatsächlich mit dem jungen Studenten, Shimamuras Gehilfen? Shimamura erinnert sich nicht. Es waren da vom Fuchs Besessene. Es waren Exorzisten und Gefäße. Es war da ein besonders interessanter Fall. Es war da das Verschwinden des Studenten. Ohne ihn kehrt der Shimamura nach Tokyo zurück.

Es war da schon ein Fieber in Shimamura.

Am Anfang ist Magie. Dann ist Vernunft und Wissenschaft. Alles, was man weiß, bekommt seinen Platz, kommt in eine Ordnung. Damit wird die Welt erklärbar. Die ganze Welt.

Shimamura bedauerte, dass man sich das Gehirn nicht zuhalten konnte.

Shimamura reist. Ein Stipendium bringt ihn nach Paris. Ein Zentrum der Wissenschaft, westlicher Wissenschaft. Auftritt Charcot. Wie im Theater.

„In diesem Atelier“, sagte Charcot, „nehmen wir alles auf, ganz wie es geschieht, damit man es nicht für beliebig hält.“

 Patienten werden für die Vorstellung hergerichtet, modelliert, sie werden ins rechte Licht gesetzt. „Das Licht der Vernunft“. Es ist viel Kunst dabei in dieser neuen vernünftigen Wissenschaft.

Charcot sprach zum Publikum. Dabei löste er sanft den rechten Arm der Patientin aus dem Stoff und hob ihn, bog ihn, modellierte ihn mitsamt der Hand zu einer ausdrucksstarken Pose.

Wissenschaft ist eben auch Darstellung, wie es Erinnerung ist. Was man wissen kann – und will. Vernunft ist auch nur Wahn und jeder Wahn auf seine Weise vernünftig.

Shimamura kehrt zurück. Paris ist nicht seine Welt. Berlin und Wien ist es nicht. Für die Psychoanalyse ist ein Japaner zu höflich. Im Haushalt mit vier Frauen der Rest seines Lebens. Seine Mutter versucht eine Biographie ihres Sohnes. Alles passt irgendwie nicht, ist nicht stimmig.

Und was ist mit dem Fuchs?

Einmal, das erste Mal, kurz vor seinem Tod, sieht er ihn, eine Füchsin. Und diese, schon fast fort, dreht im Verschwinden den Kopf, ihr Blick, der sagt diesen Satz, von dem ich meine, es ist der Kernsatz.

Doch ich kann mich täuschen. Kann mich in allem täuschen und habe vielleicht Wesentliches ausgelassen, völlig falsch verstanden und gebe das hier ebenso falsch wieder, weiß aber bestimmt, weiß mein Gehirn, ich habe das gern gelesen, mich gerne herumführen lassen, weiß das noch, wenn ich schon das meiste von dem, was ich las, vergessen habe.

Christine Wunnicke – Der Fuchs und Dr.Shimamura, Berenberg-Verlag

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2 Gedanken zu “„Man weiß ja nie.“

  1. Ich muss gestehen, dass ich die Lektüre nach 30 Seiten abgebrochen habe. Ich bin aber nach dieser fein beobachteten, sehr nachdenklichen Beschreibung geneigt, es nochmal zu versuchen. Man weiß ja nie.

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