Jeremy Renners Ohrläppchen

Im November muss ich wieder jung sein. Im November unbedingt wieder das große Ganze, der Lärm, das Cinemascope. Zwei Wochen habe ich dafür. Das ist nicht viel Zeit, Zweifel und Alter auszuräumen, weg von Kleinigkeiten, hin wieder zur Großleinwand. Die Welt retten in zwei Stunden, maximal drei. Sturm und Drang und vergessen das Klein-Klein mühseliger Arbeit.

Mir fiel auf, dass mir auffielen, Details. (Das Bild eines Aleph verfolgt mich, wann hört das auf?). Ich fand die letzten Monate kaum Gelegenheit, dann aber doch. Früher war das noch ganz anders. Wenn es mir zu früh war, der Weg zu weit, Stuttgart – Tübingen, Proseminar, Vorlesung, besonders im Winter, dunkler Morgen, kaltes Zugabteil. Wenn ich also zuhause blieb -Anmerkung: war trotz allem ein fleißiger Student, ins Werk von Georg Forster hing ich mich zu sehr hinein, bis ich nicht mehr hinausfand, für eine lächerliche Hausarbeit, 10 bis 12 Seiten-, dann versteckte ich mich in Kinosälen.

10 bis 12 Uhr, 12.30-15Uhr, dann sich beeilen, ein anderes Kino, ca. 16 Uhr, vielleicht Werbung und Trailer verpasst, Film drei und, wenn das wöchentliche Programm es zuließ, noch Film vier, alle in 2 D, alle aber das große Ganze zeigend, in der Variation für Jungs, wenig Worte, oft nur Einzeiler, geringe Komplexität, nicht etwa niedriges Niveau, aber ganz gut ohne Theorie auskommend, vor allem jedoch bunt, laut und mit einem klaren Ende für dieses Mal: Bösewicht tot.

Und beschwingt nach Verlassen des Saals für eine ganze Zeit noch im sicheren Gefühl, ich könnte die Welt retten, für Majestäten oder nur für das Lächeln einer Frau, vorzugsweise letzteres, vorzugsweise Catherine Zeta-Jones, war die Welt verdientermaßen eine, die zu retten lohnt, bis ich von irgendjemand angerempelt wurde oder spätestens in vollbesetzter Straßenbahn in Richtung Hedelfingen.

Etwas in mir ist irgendwie anders mittlerweile, ist müde geworden von zu vielen Verfolgungen in PS-Boliden, auf Pferderücken, zu Wasser und in der Luft. Explosionen, sehr viel feiner ausgetüftelt, bleibe ich dabei ruhig sitzen und der Mund geschlossen. Ich stehe nicht mehr unter einem Bann beim Anblick choreographierter Kämpfe Mann gegen Mann an unmöglichsten Orten. Für die Generation 3D-Superheld bin ich ein Zupätgekommener.

Psychologie, Soziologie, Vernunft, der alltägliche Anblick menschlicher Physiognomie, seine Kenntnis und ich mehr und mehr ein Humanist, über alles lässt sich reden, man muss auf den anderen zugehen und die Welt ist nicht nur schwarz und weiß, gut und böse usw. usf., das hat mich achtgeben lassen auf Nuancen, zerfasert: ich verstehe jetzt viel besser, denke ich, und weiß, so leicht wird’s nicht mehr, Held zu sein.

Jeremy Renners Ohrläppchen aus Rogue Nation

Weil ich mich auch im Verstehen verzetteln mag, an Nebensächlichkeiten wie Ohrläppchen aufhänge, die mir wichtig erscheinen, anstatt blind dafür zu sein, weil eben nicht wesentlich und wäre ich so anstatt seiner, der da auf der Leinwand es einfach tut, würde ich wohl, so aus dem Tritt gebracht, innerhalb von zwei Stunden kaum die Mission zu Ende bringen können.

Zu viel denken macht alt und handlungsarm. Zu oft verführt es einen zur Sicherheit. Und selten noch verlässt man dann den einmal eingeschlagenen Weg. Weil es eben auch nie in zwei Stunden zu schaffen ist. Und nicht glanzvoll ist. Und nicht belohnt wird. Und nicht am Ende die Welt wenigstens einmal kurz gerettet ist.

Das Schöne an diesen Filmen war deren Eindeutigkeit. Und dass nicht so viel geredet wurde.

Ich hoffe, ich kann das noch einmal genießen, im November, im Kino, wenn er die Welt rettet, der ja selbst in fortgeschrittenem Alter ist. Es ist für ihn so einfach. ich werde mir Mühe geben, das zu schätzen und gebannt zu sein.

Am Ende jedoch, ich befürchte es fast, werde ich auch Bücher über Männer mittleren Alters lesen, um so irgendwie über den Winter zu kommen.

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4 Gedanken zu “Jeremy Renners Ohrläppchen

  1. Immerhin, Herr Hund, gibt es noch den einen oder anderen, der uns in zwei bis drei Stunden die Welt vor dem ach so Bösen rettet. Das kommt ja im wirklichen Leben nicht mehr so oft vor, so komplex ist alles im aufe der Zeit geworden. Und dem Held, der dies Geschäft ja nun auch schon über fünfzig Jahre betreibt (Reden wir über denselben? Ich weiß es nicht genau), schauen wir doch immer noch ganz gerne zu, ja, auch wenn der Kampf Mann gegen Mann an unmöglichsten Plätzen uns längst nicht mehr so staunen lässt wie früher. Dafür sind die Dialoge – gerade die zwischen Mann und Frau – ein ganz kleines bisschen gehaltvoller.
    Viele Grüße, Claudia

    • Ja, den meinen wir. Der bleibt, bei allem Wandel. Ein wenig gelingende Weltrettung ab und zu tut gut.

      Obwohl, nur weil dann ja die Lichter angehen, gelingt die Rettung. Unsere dreht sich ja weiter und weiter und nur in Einstellung und nur vorübergehend und im Kleinen kann jeder ein Held sein.
      Freundlichst eine Woche später
      Ihr Herr Hund.

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