Aus der Deckung

Irgendwo im Dunkel vermischten sich Schüsseknallen und langanhaltendes Schreien. Die Scheinwerferkegel gabelten umherhuschende Schatten auf.
„Vielleicht sollten wir lieber anhalten und uns irgendwo in Sicherheit bringen“, schlug Leon unsicher vor.
„Ja, nur daß wir uns, wenn wir uns vor dem Bösen in Sicherheit bringen, auch vielleicht vor dem Guten in Sicherheit bringen“, sagte der Rabbi und fuhr weiter.

aus Frederic Morton, Ewigkeitsgasse

Der Rabbi und sein zehnjähriger Neffe, der „Aeronautenrabbi“, in unruhigen Zeiten, im Wien der Dreißiger-Jahre, kurz vor dem Anschluss.

 

 

 

Fleisch

Wünschte beinahe, es hätte geholfen.

Weil ich Tiere liebe. Aber eben auch Schnitzel, Koteletts und Bratwürste. Für’s Fleischessen brauche ich Abstraktion. Wenn es nur keine Kulleraugen mehr hat. Da kann ich nicht. Ich kann nicht, wenn mir einer vom Teller zuschaut. So ein Filet-Stück, das schont mich.

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Also entferne das Gesicht und ich liebe den Geschmack, heiß und innig. Es steckt in mir drin; der Zwang zum Fleische kann nicht falsch sein. Ich hätte sicherlich auch abstrahierten Mammut verschlungen. Mein Gen-Code, nicht meine Erziehung, nicht mein Weltbild. Einfacher Heißhunger, natürliche Lust.

Das ist ein gewagtes Outing, nicht ganz ohne Risiko: Herr Hund ist Fleischfresser. Alles, was nicht Fleisch ist, allerlei Gemüse darunter, wird ebenso gemocht. Ich sag nur: Blumenkohl. Doch nur Gemüse, das ist keine Option.

Es ist nicht primitive wollüstige Begierde, ich bin niemandem böse, gibt es wochenlang nur vegetarische Kost. Nur ist Fleisch ja oder nein nichts, was zu diskutieren wäre.

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Ich liebe Fleisch und ich liebe Tiere. Wie ist diese Diskrepanz zu überwinden? Wahrscheinlich könnte ich sogar ganz Vegetarier sein; ich müsste nicht Fleisch essen. Nur diese Lust, die wäre nicht auszutreiben. Die steckt ganz tief drin.

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Mit einer Attrappe, nicht gerade Tofu oder Sojabratlinge, doch recht gelungen in Farbe und Konsistenz. Allerdings sehr bald, da stellt sich heraus, im Geschmack, da kann es Fleisch nicht ersetzen: Himbeermarshmallows. Da ist es zu süß für ein Kotelett. Und in der Pfanne leicht anbraten, das haute nicht hin. Dabei gab sich das Fräulein Schneefeld alle erdenkliche Mühe, um mir zu helfen. Es ist zu essen und in seiner Form, ohne diese Notwendigkeit, psychologische Hilfe für Fleischfresser sein zu müssen, durchaus ein gelegentliches Schmankerl.

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Nicht für stets und nicht zu viel. Es hat auch durchaus seinen Aufwand. Doch wenn Pfadfinder im Haus sind, das Fest mit dem Kürbis bevorsteht, die wären versorgt, mit Süßem und Saurem.

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Ist nicht Schaschlik, aber ganz OK.

Wir testen zukünftig Koch- und Backbücher, wobei ich der bin, der mit Essen hilft. Meine Meinung zählt durchaus. Meine Kenntnisse, da ist es besser, man holt sich eine zweite Meinung ein.

imagemagic.phpDas war ein erstes, schmales, sehr spezielles, Marshmallows vom Thorbecke VerlagEs war ein kleines sehr süßes Zwischenspiel mit Zucker. Fräulein Schneefeld mit ihrer Schwäche für Konsistenzen hatte ihren Spaß. Und dafür, dass es gelingt, muss man mit Temperaturen umzugehen verstehen. Es ist aber nicht das ganz große Raffinement.

Mein persönlicher Favorit waren die Plätzchen mit Marshmallows (ohne Bild, so schnell war nicht draufzuhalten). Wobei, es hätte die Marshmallows nicht unbedingt gebraucht.

Im Nächsten bleibt es vegetarisch. Vielleicht bekomme ich ja meine Chance und das mit dem Fleisch erledigt sich. Sicher ist, Essen ist Geschmackssache. Gut muss es sein. Das schließt schon vieles aus.

XXVIII. 00Tischer in „Pussycat“

Endlich. Einige Agenten der bekannteren Geheimdienste sind in den letzten Monaten verschwunden. Bislang gab es nicht den geringsten Hinweis. Doch dann wurde uns Bildmaterial zugespielt. Jetzt können wir etwas unternehmen. Jetzt können wir unseren besten Mann auf die Sache ansetzen: 00Tischer.

An dieser Stelle sei noch einmal Dank ausgesprochen an unseren Kontaktmann. Wir wissen nicht wie er an das Material gekommen ist. Er hat mannigfaltige Fähigkeiten, das wussten wir. Doch dieses Mal, Alle Achtung:

00Tischer ist bereit zum Einsatz bzw. er weiß jetzt, mit wem er es zu tun bekommt. Ausnahmsweise gibt’s ein wenig Vorbereitung: Doppelschichten Ausschlafen, eine Kohlrabi-Diät die nächsten Tage und er schaut mir bei meinen Liegestützen zu. Er nimmt die Sache ernst. Das muss man sich mal vorstellen. Da hat er die ganzen Streifen und trotzdem, es ist eine besondere Situation, ein besonderer Gegner, der jetzt ein Gesicht hat: Pussycat, umgedrehter Ex-Agent, der jetzt für irgendeine Gegenseite oder wegen irgendeiner Rache Jagd auf ehemalige Kollegen macht. 00Tischer nimmt die Sache durchaus ernst.

Wir ebenfalls. Irish Q arbeitet bereits an ein paar Hilfsmitteln. 00Tischers Tarnhut braucht neue Flicken. Und außerdem bekommt er für diesen größten Einsatz einen Zettel mit, auf dem in sämtlichen Sprachen der Welt steht: „Können Sie mir sagen, wo ich Pussycat finden kann?“, sowie in sämtlichen Sprachen das Backrezept für Bamberger Hörnchen. Nur das mit dem Aston Martin, daraus wird nichts, 00Tischer hat zwar eine Lizenz zum Retten der Welt, aber nicht zum Autofahren. So wird er ersatzweise auf mich zurückgreifen. Und mein Zweitname ist Martin, das passt also. (Ist übrigens streng geheim mit dem Zweitnamen und in spätestens drei Sekunden zerstört sich der Gedanke daran von selbst.)

Wo aber geht’s hin? Laut Bildanalyse ist es entweder Kanada oder irgendein anderes Land die Straße runter. Bäume und Sträucher wachsen nur dort. Außerdem konnten wir alle Länder ausschließen, die keine Zäune haben. Dennoch bleibt es möglich, dass der Film nachbearbeitet wurde, um uns in die Irre zu führen. Eine sehr gute Arbeit wäre das. Allein, 00Tischer ist der beste Mann, um herumzuirren; er wird sicherlich irgendwas finden. Wenn es jedoch Pussycat sein sollte, dann muss die Gegenseite die Stelle neu ausschreiben.

Und wir hoffen, den Kollegen noch retten, zumindest aber seine sterblichen Überreste als Füllmaterial für neue Agenten verwenden zu können; die Streifen bekommt er so oder so abgenommen: Lusche.

Jetzt kann eines noch dazwischenkommen: 00Tischer will, wie jeder anständige Agent zum Aufbruch einen Titelsong. Wir sind aber in allem geschult, nur nicht in Musik. Selbst Irish Q weiß sich nicht zu helfen. Das angebotene Titelgedicht hat 00Tischer jedenfalls abgelehnt. Solange 00Tischer sich vorbereitet, musizieren wir unter Hochdruck. Irgendwo hat sich sogar noch eine Gitarre gefunden. Die Zeit drängt. Wir können es nicht hinnehmen, dass weitere Plüsch-Agenten Pussycat zum Opfer fallen. Die Gegenseite darf nicht triumphieren, nur weil wir nicht Noten lesen können und keinen geraden Ton herausbringen.

Die Rettung der Welt durch Musik, wir waren so dumm, dass wir das nicht haben voraussehen können. Dabei hätten wir ja ein Lied, das könnte gehen, das passt. Nur ist es nicht so ganz neu und nicht so 100%ig auf 00Tischer zugeschnitten, vielleicht aber akzeptiert er es, denn schließlich steht einiges auf dem Spiel und es ist zu erwarten, dass der Einsatz mit einer Menge Radau und Aventiure verbunden ist, ganz nach 00Tischers Geschmack. Auf weibliche Annehmlichkeiten, wie von anderen Agenten gewünscht, kann 00Tischer gut verzichten.

Nicht aber auf das Lied, warum also nicht dieses hier:

Was aber, dies eine weitere Mitteilung, die sich nach Sekunden selbst vernichtet, insofern ganz gut passt, als Pussycat ein weiblicher Agent ist und 00Tischer und sie eine gemeinsame Vergangenheit haben. Dass nur seine Streifen stärker sind als Sentimentalität. Es könnte ein wunder Punkt sein und 00Tischers einzige, aber entscheidende Schwäche.

Wir werden sehen.

Behalt sie doch….!

Ewigkeit?

Denken. Nicht mit Glauben begnügen: weiter gehen. Noch einmal durch die Wissenskreise, Freunde! Und Feinde. Legt nicht aus: lernt und beschreibt. Zukunftet nicht: seid. Und sterbt ohne Ambitionen: ihr seid gewesen. Höchstens voller Neugierde. Die Ewigkeit ist nicht unser (trotz Lessing!): aber dieser Sommersee, dieser Dunstpriel, buntkarrierte Schatten, der Wespenstich im Unterarm, die bedruckte Mirabellentüte. Drüben der lange hechtende Mädchenbauch.

aus: Seelandschaft mit Pocahontas – Arnos Schmidt

…etc., möchte man hinzufügen. Jeder stelle sich selber vor, was ihm/ihr einfiele. So oder so, hat was für sich. Und ist auch bedeutend kurzweiliger als Ewigkeit. Gerade im Herbst könnte man eine Schwäche für die Ewigkeit entwickeln. Bloß nicht nachgeben.

Herr Hund leinenlos

Der Nachmittag war meiner. Also mein Plan: meine Ahnungslosigkeit beschneiden. Ich nehme den Fotoapparat mit. Es ist Herbst, ich wollte auch einmal Impressionen einfangen. Schön und traurig ist der Herbst. Vielleicht liegt im Verschwinden besondere Schönheit, in den letzten Momenten, bevor sie fallen, die Blätter. Aber ich kann’s mit keinem Bild belegen.

Nur die Spree, dass es wirklich draußen war.

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Das Eichhörnchen, das da saß, es war zu schnell für mich. Kein Bild. Doch ein Gedanke: wenn ich die Wahl hätte zwischen Eichhörnchen und Arno Schmidt, würde ich mich immer für die Eichhörnchen entscheiden. Ich stehe da, links die Akademie der Künste, rechts der Park, dort soll es sehr viele Eichhörnchen geben. Ich gehe nach links. Es musste sein.

100 (Lebens-)Stationen A. Schmidt. Wenn ich es wie er könnte, würden hier nur Satzzeichen stehen, Verkürzungen. Und alles wäre gesagt. Ich stehe aber am Anfang meiner Anmaßung. So bleibt es für’s Erste bei der Erwähnung, er regt an zu einer frtstzng (ich übe). Trotzdem werde ich im Foyer kein Buch mitnehmen. Lediglich zwei Zitate, das kürzere der beiden sei hier eingefügt.

Die Welt ist doch wirklich groß genug, dass wir alle darin unrecht haben können.

Und ich merke mir, schreibe wie du es willst und musst.

Übrigens: A.Schmidt war sehr lärmempfindlich. Eichhörnchen sind recht leise. Ich schließe daraus, dass A.Schmidt ebenfalls Eichhörnchen mochte. Wer diese Überlegung für Unsinn hält, möge an das obige Zitat denken. Groß ist die Welt.

Na ja, eine Kleinigkeit ist ebenfalls mit im Gepäck. Die wird ein paar Zeilen weiter unten im Bild gezeigt. Im Bild ist ebenfalls zu sehen ein Buch: Buch gegen das Verschwinden von Ulrike Almut Sandig. Und ich lese darin Erzählung zwei. Hat der Herbst für mich das Buch gewählt? Abschied und Vergehen, Festhalten und Endlichkeit. Ich bin sehr angetan und in besonderer Stimmung. Es gibt ein, zwei Menschen, den werde ich die Lektüre ans Herz legen, jedem anderen sei sie empfohlen.

Und wo ich schon einmal alleine unterwegs bin, da bringe ich meinereine etwas mit, nutze dabei die Tatsache, dass unser Marktmann für Käse jetzt auch in Moabit vertreibt und eine Dependance eröffnet hat, Le Cantou in der Bochumer Strasse 11.

Beim ersten Versuch fehlt ihm noch das Augenmaß, dann passt’s aber: Käse im Herz für die, an die man denkt.

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Ein kleiner Rundlauf, ein entspanntes Gassi-Gehen, ein intellektuelles Angestoßenwerden, elegische Genüsse, leider aber nur ein Eichhörnchen. Ich sollte das öfters machen, dann steigt die Wahrscheinlichkeit mit den Eichhörnchen.

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Jetzt warte ich auf den Frühling, auf das Aufgehen der Saat, auf meine eigenen Gänseblümchen. Oder warte auf einen nächsten freien Nachmittag, wenn es dann wieder heißen kann: Herr Hund leinenlos.