Ohne Anfang keine Geschichte, alles bleibt Traum

Hätte Donnerstag sein müssen. Hätte schönes Wetter sein müssen. Hätte hier beginnen müssen. Hätte Colin Firth sein sollen.

Ist Colin Firth. Sonst stimmt gar nichts. Der ganze Beitrag ist ein anderer geworden. Was hier steht habe ich nicht geschrieben. Colin Firth, das ist mein Verdienst. War schwer genug. War Überzeugungsarbeit. Ein wenig stolz bin ich schon gewesen: er, in einem meiner Beiträge, in der Fortsetzung zum „Lektor“. Aber jetzt? Das Werk ein Werk des Lektors. Und ich kann Colin Firth nicht helfen, nicht durch die Geschichte führen. Ich kenne mich selbst darin nicht aus. Was ist das für ein Straße? Die Häuser habe ich nie so beschrieben. Sind aus keiner Erinnerung, die meine wäre.

Colin steht da, „Hello, can you help me?“. Nein Colin, kann ich nicht. Ich kann Dich zwar lesen, aber schreiben für Dich kann ich nicht. Er hat mir den kompletten Plot aus der Hand genommen. „What did you say?“. Aus der Hand, Colin, es liegt nicht mehr an mir. Ach er kann mich ja nicht hören. Steht da, wo auch immer, das Gesicht ist dasselbe wie immer und wartet auf eine Geschichte, die ich für ihn schreiben wollte. Er Held. Der Lektor der Lektor. Der Lektor war ganz meine Idee, zunächst. Colin kam von außerhalb dazu.

Hätte ich nie gedacht, Colin in einem meiner Beiträge. Aber ich muss schon sagen, ich habe mich entwickelt. Colin selbst oder Colins Agent, einer wird auf mich aufmerksam geworden sein. Viel Überzeugungsarbeit war nicht notwendig. Der Plot, der ursprüngliche Plot hat ihm wohl auch gefallen. Jetzt aber hat der Lektor alles übernommen. Der Himmel grau verhangen, irgendeine Straße in einer anonymen Stadt. Es liegt allein am Lektor, ob sich was tut. Solange muss Colin da bleiben, wo er ist.

„Where’s the story, where is my story?“. Er wird sie kaum herausrücken, Colin. „I can’t wait so long.“ Was soll ich denn bitteschön machen, Colin? Mir hat meine Phantasie einen Streich gespielt. Ich bin zu weit gegangen. Lektor Eins war noch kontrollierbar. Lektor Zwei ist es nicht mehr. Vielleicht hätte ich den realen Colin Firth dieser Gefahr nicht aussetzen dürfen. Vielleicht ist Colin Firth für meine Beiträge einfach eine Fehlbesetzung.

Andererseits, wer könnte dem Lektor denn Paroli bieten. Er kontrolliert ja alles, wie immer sich die Geschichte entwickeln soll. Im Moment soll sie es eben nicht. Wie er es will. Gut möglich, Colin muss noch eine ganze Weile ausharren in diesem Beitrag. Der wird sicher irgendwann vermisst. Gott, die werden mich fragen. die wissen ja, er sollte in einem meiner Beiträge auftreten. Was sage ich denn denen?

Und wenn Colin etwas passieren sollte in meinem Beitrag? Wenn der Lektor sich einfallen ließe, die Straßenlaterne da einfach so, wie soll ich dann Colins Leiche erklären? Und selbst wenn ihn keiner findet, der würde zu riechen anfangen. Der ganze Blog würde nach der Leiche Colin Firth‘ riechen.

„I’m hungry.“ Es geht schon los. Der Lektor lässt ihn verhungern. Nirgends auch, die ganze Straße runter nichts, wo er was zu essen finden könnte. Ich sehe die Schlagzeile ‚Colin Firth qualvoll in Blogbeitrag verhungert‘ bereits vor mir. Würde mir einer glauben, dass es das Werk des Lektors gewesen wäre, einer ausgedachten Figur, die sich über mich erhoben hat?

Ganz ohne Schuld wäre ich nicht. Diese ewigen Rezensionen. Ich bin für Ausgedachtes ein wenig aus der Übung. Dann auch noch so ein Brocken wie der Lektor. Ich habe mich gründlich überschätzt. Es war aber zu verführerisch, einmal mit Colin Firth zusammenarbeiten zu können. Ich bewundere ihn schon sehr lange. Für die Rolle des Helden im Lektor kam für mich nur er in Frage. Er hat diese Distinguiertheit, es sind diese kleinen Gesten, diese Mimik. Ohne Colin Firth hätte ich diesen Beitrag nicht schreiben wollen.

Und jetzt? Jetzt bin ich wahrscheinlich dafür verantwortlich, dass Colin Firth für die Filmwelt verloren ist. Ganz besonders die Frauen werden mich hassen. Ich glaube, mehr als die Hälfte meiner Follower ist weiblich. Die sind natürlich dann weg. Gut möglich aber auch, dass mein Blog zum Wallfahrtsort wird, ‚hier ruht Colin Firth‘, bei hundstrüffel, nachdem Herr Hund versuchte, für den großen britischen Schauspieler eine Geschichte zu schreiben, mit ‚Lektor 2 – jetzt wird korrigiert‚ und er ihn nicht wieder hinausbrachte, weil er die Kontrolle verlor über sein Geschöpf – den Lektor.

Colin, hörst du mich? Du kommst hier raus. Mit oder ohne Geschichte. Aber du kommst hier raus. Versprochen. Nur bin ich kurz mal auf Toilette, OK? Bin gleich wieder zurück. Dann wird uns was einfallen.

Wem will ich was einreden? Aus der Nummer komme ich nicht mehr raus. Und Colin auch nicht.

„Hello?“

„Hello?!!“

„HELLO?!!!“

„…“

(es ist eine Toilettenspülung zu hören, dann nichts mehr)

Kurzes Absurdes zu Liebe und Leben

Dass Menschen sich ändern bzw. schon ganz anders sind, als man es sich vorstellt, das ist eine solche Wahrheit, die zu erklären sich erübrigt. Nicht, dass wir davon lassen könnten, nach den Gründen zu fragen. Doch oft genug stellt man die Frage so, als wäre da eine Möglichkeit, es könnte ja auch ganz anders sein, nämlich gemäß der Vorstellung, die man bereits hat.

Ja, Du änderst dich, doch bleibe, wer Du bist – für mich. So oft wird Liebe zu einer liebgewonnen Gewohnheit. Und was nicht (mehr) passt, wird passend gemacht. Die „pictures of you“ haben einen Rahmen von bestimmter Größe. Ich will die Liebe nicht kleinreden. Sie ist, was sie ist.

Das Leben aber auch. Es ist Veränderung. Viel stärker bricht sie hervor, wenn sie zurückgehalten und unterdrückt wurde, aus Rücksichtnahme, Tradition, wegen dem, was sein darf oder von einem erwartet wird. Nichts gegen die Liebe. Man darf nichts gegen die Liebe haben. Sie ist eine natürliche Angelegenheit. Nichts allerdings gegen die eigene Natur, nichts gegen die des Anderen. Sie ist es noch mehr.

Und wenn der geliebte Mensch nun ein anderer wird, so wird man sich -oft bis über eine Grenze hinweg- eine ganze Zeitlang nach eigener Vorstellung zu arrangieren versuchen mit diesem neuen Umstand, als wäre es, wie es zuvor gewesen ist. Man sieht, man weiß und gesteht sich doch nicht ein, auf diese Weise wird es nicht gehen. Die alten Kleider passen nicht mehr.

Und selbst wenn man -bis zum Irrsinn- wird festhalten können, auch weil die Liebe beim Anderen noch fortbesteht, so wird’s die „feindselige Welt“ vielleicht nicht wollen.

Ich liebe meine Fähe, darum kann ich glücklich sein, wenn ich sie sehe, sie aber tut gut daran, nach den Regeln ihrer eigenen Art glücklich zu sein.

Mr. Tebrick liebt seine Frau. Die sich in eine Füchsin verwandelt. Die Liebe dauert fort. Verzweiflung und scheinbares Glück wechseln sich ab. Bis ans Ende erzählt ergibt sich daraus eine Absurdität, die eine erschreckend einfache Wahrheit bereithält, dass auch wenn man es weiß, man sehr oft nicht anders kann.

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Es ist schön, wenn einer wohl rät, was einem gefallen könnte. Wenn angenommen wird, man wüsste ein paar nützliche Worte dazu zu verlieren. Zu dieser Erzählung stimmt Ersteres bestimmt, Letzteres kann ich mir nur wünschen. Doch selbst wenn meine Erklärungen zu dem Buch falsch sein sollten, das Buch hätte es unbedingt verdient, trotzdem gelesen zu werden. Dass ich aber hoffe, ein paar Dinge angesprochen zu haben, die in dem Buch zu finden sind und nicht nur lediglich es zum Anlass nahm, eigenen Vorstellungen nachzuhängen – selbst wenn meine Natur danach ist.

David Garnett – Dame zu Fuchs, Dörlemann

Und wer ganz sicherlich nützliche Worte zu dem Buch vorfinden will, siehe Literaturen 

 

Flaniert. Genossen. Mit Bauch.

Und ein guter Flaneur weiß nicht warum. Und kümmert ihn auch nicht. Warum sollte ich denken, es müsste mir peinlich sein? Weil mit hoher Nase ich oft lese, zu oft, und zu selten nach dem Bauch. Und wenn ich es doch tue, wie in diesem Fall, dann will die Nase im Nachhinein eine Erklärung finden, was man dann höheren Sinn nennt.

Ich will’s nicht erklären. Bin ihm gefolgt, mal Bauch an Bauch, auf gleicher Höhe, mal ist er mir ein wenig entwischt, weil er ein E-Bike nimmt. Doch habe ich ihn wieder eingeholt und fand ihn „schnaufend“. Da nahm ich bei ihm Platz, er bestellte vorzüglich und ausgesucht, und ließ es mir gutgehen.

Ich weiß nicht, wann ich wieder hinkomme. Doch für die Dauer der Lektüre war ich dort, so ein paar Plätze und Straßen kenne ich auch und bin derselben Meinung, man finde noch den Zauber, gibt man sich Mühe. Was das heißt, Mühe? Klang nicht so, als hätte er Mühe gehabt. Und viel mehr hat er gesehen als ich. Ich Nuss. Das ist ein Flaneur, ich nur hinterhergedackelt.

So lernt sich’s jedoch vorzüglich. Auch im Genießen habe ich ja durchaus Nachholbedarf. Wenn das gekonnt wird, lässt sich so Einiges an Unschönem vermeiden. Nicht zu sehr darauf drängen, nicht zu viel sich damit plagen, es mit leichtem Mut nehmen, nicht vergessend, man ist auch nur ein Mensch.

Das ist „wahrer Humanismus“, Schwächen kennen, besonders die eigenen, und solange man genießt, dass eine Moral dabei sein könnte, beiseite schieben. Es gibt ja ein Danach, ein Davor, das ist schon eng genug. Nur Moral und Darf-Man-Nicht und Soll-Man-Nicht und immer drauf achten und etwa die wohlschmeckende Gänseleber auf dem Teller vor einem nie genießen dürfen, so unmenschlich will doch keiner sein.

Ich jedenfalls kreid’s ihm nicht an, nicht die Leber, nicht neidisch die teuren Mahlzeiten. Ich sehe nur, da ist ein Leibhaftiger, ein Mensch, und find ihn sehr sympathisch.

Ich komm hier nicht weg, er nahm mich mit, nach Paris. Nach Paris, verdammt und zugenäht. Man wird doch mal genießen dürfen.

Vincent Klink – Ein Bauch spaziert durch Paris, Rowohlt

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Doch soll als Kontrast folgendes Zitat noch am Ende stehen:

Kürzlich erklärte mir ein Gast aus dem Libanon, wie wunderbar es hier in Deutschland sei: „Hier kann ich mich in ein Straßencafé setzen, ohne dass auf mich geschossen wird.“

Es steht im Buch am Anfang, der 13.11. war noch nicht passiert.

P.S. Das Leben bleibt schön. Macht, was ihr wollt.

 

 

Pupsi Langstrumpf

Früher hat man noch manchmal gesagt, „Bruder von…“. Heute, er hat auch mittlerweile einen anderen Namen, führt er sein eigenes Leben. Seine Steuerberaterkanzlei läuft ganz gut. Was er so gelegentlich hört von seiner Schwester, verschafft ihm nur bedingt Befriedigung. Ist ihm nicht mehr so wichtig. Altersmilde. Sie ist jedenfalls ziemlich abgestürzt. Er hat das schon immer vermutet. Schon als sie Kinder waren, er war übrigens der ältere der beiden Zwillinge, da hatte sie nur so Anarcho-Zeugs im Kopf. Er war anders, Zahlen und Buchhaltung haben ihn interessiert.

Für ihn hat sich in der ganzen Hippie-Atmosphäre keiner interessiert. Die Eltern haben ihn ziemlich vernachlässigt. Pupsi war ihnen zu langweilig. Seine Schwester konnte besser damit umgehen, sich alleine beschäftigen. Die negativen Auswirkungen haben sich erst viel später gezeigt. So kunterbunt ist die Welt der Erwachsenen nicht. Er dagegen war frühreif. Mit der Kleinkindanarchie konnte er nichts anfangen. Ein Pferd hochheben können, wem ist damit geholfen.

Es gab diese Momente, da hätte er schon gerne getaugt für Kindergeschichten, liebevoll erzählt von einer zärtlichen Mutter. Aber das waren nur sentimentale Stimmungen. Er verdient jetzt ausgesprochen gut, trifft sich gelegentlich mit einer Bekannten, man hat diese Bedürfnisse, er fliegt einmal im Jahr nach Ischias. Er ist zufrieden.

Seine perspektivlose Schwester dagegen, was er gehört hat, treibt sich in so Kommunen rum, wechselnde Liebhaber. Und gesundheitlich? Ist nichts mehr mit Pferde hochheben. Er selbst ist sehr solide krankenversichert. Das kostet natürlich auch was. Aber er hat es ja.

Einmal da hat sie bei ihm geklingelt. Wegen Geld. Rechnen war nie ihre Sache. Das war vor fünf Jahren oder so. sie hatte immer noch dieses Mädchengrinsen, umrahmt von Sommersprossen. Ihm hat das nicht imponiert, ihn nicht beeindruckt. Er sah die schlechten Zähne, das verfilzte, brüchige rote Haar. Er hat ihr was gegeben, die Begegnung aber ansonsten kurz gehalten, einen wichtigen Termin vorgeschoben.

Er weiß, er wird gebraucht. Jeder will rausholen, was geht. Das staatliche Steuersystem hat Lücken. Er kennt sie. Gut, weltweit,vor allem bei Kindern ohne Verdienst, da kennt jeder seine Schwester. Aber, wenn es um Steuererleichterungen geht, um Altersvorsorge, er hat einen vollen Terminkalender.

Manchmal denkt er, wenn seine Eltern noch leben würden und wüssten, was aus ihm geworden ist, was aus seiner Schwester, es sähe anders aus.

Pupsi Langstrumpf ist seinen Weg gegangen, heute Magnus Österling, Steuerberater in Stockholm, Jakobsgatan 5, Termin nach Vereinbarung. Keiner für die große Literatur, aber ein grundsolides Leben mit privater Krankenversicherung.

Seine Schwester ist das genaue Gegenteil. Aber das ist ihr Problem, nicht seins.

 

In memoria Familie Müller

Du gibst Antworten, gute und schlechte, doch wahr oder falsch, die Zeit korrigiert Dich, zeigt Dir die Zunge, alles Quatsch, aber, was du gesagt, besonders heute, steht nun im Raum, da nützt kein Betteln mehr.

Erste Korrektur, nicht letzte: Familie Müller ist heute in großen Teilen von uns gegangen. Das „uns“ meint „mich“ und meint „in mich hinein“. Und meint vor allem „hat geschmeckt“.

Nach dem Frühstück sieht die Welt schon stets anders aus, als zuvor:

Alles fließt, Ludwig. Alles.