„10 Prozent Land, 90 Prozent Himmel.“

Noch war sie ja da. Und es war ein Hinkommen. Später das Wiedergehenmüssen ist schwerer gewesen.

2015 hatte zu viel festen Boden unter den Füßen. Es brauchte eine Insel. Und alles Weitere blieb zurück. Doch so ganz ohne alle Bücher ging es nicht, geht es nie

„10 Prozent Land, 90 Prozent Himmel“, das Meiste davon Wind. Und dabei, die Gleichung geht nicht ganz auf, das Meer hat seinen Anteil.

ununterbrochen wurde das Sehen vom Hören überschwemmt, geschliffen, umgeformt. Eingeschlossen ins Geräusch, passte sich das Denken der Brandung an, dem Gang der Gezeiten.

Der Titel, das Motto, dem Kruso entnommen, eines der Bücher. Und ich bin mir trotz seiner Qualitäten nicht sicher, ob es hätte mitgenommen werden sollen, um es dort zu lesen. Einige Stellen taugen als Zitat, nehmen ein für die Insel. Allein unter allzu vielen lyrischen Bildern verschwindet die Geschichte in dichtem Nebel. Ich würde mich tastend darin durchbewegen müssen hier und da. Trotzdem, ja doch, erkenne ich wieder, bin doch aber bis zuletzt nicht beim Klausner gewesen.

Die Figuren nahmen mich für sie ein; die Geschichte lohnt, erzählt zu werden. Unsere Wirtin, sie meinte, sie wurde bereits erzählt, von Delius. Welche Geschichte denn nicht? Die Schwäche des Buchs, die Insel ist zu klein für all die Bilder. Die Geschichte braucht sie längst nicht alle.

Aber Viola hätte ich nicht missen wollen. Der Deutschlandfunk, ich habe all die Tage es nicht fertiggebracht, einen anderen Sender herein zu bekommen. Beim Kochen, beim Essen, beim Spülen und beim Spielen mit allen Erweiterungen Hörspiele und Weltmusik, Literatur und Kultur, Sinfonien in der Nacht. Und stets mit Rauschen und leichtem Knacken.

Alles rauscht.

Und langsam weggespült weggerauscht am Ende irgendwann auch diese Insel. Am Ende nur noch Himmel, nur noch Meer. Man tut alles, es hinauszuzögern.

Am Tage. In der Nacht. Behelfsmäßig. Vorläufig. Selbst während die Menschen beim Krippenspiel sind, wird getan. Sie hat damit ein paar Jahre mehr.

Am Strand, ein wenig weiter nun, die Spuren des emsigen Bemühens.

Hiddensee_Spuren1

Ich kann nicht verleugnen, bei dem Anblick eine gewisse jungenhafte Sehnsucht verspürt zu haben – nach Baggerfahrten. Aber ich bin, was ich bin, eine Lusche, frage nicht oder tue es einfach. Ich sehe die Spuren, träume ein wenig, ansonsten lese ich viel.

Einer der keine Lusche ist, der einfach nimmt, weil er denkt, sowieso schon zu besitzen und da ja jede Insel ihren König braucht, ist er dabei, Tischer und als er wach war, hatte er -mal wieder- einen Plan. Er sah den, der da herumstand und nahm, in bestimmter Absicht, nämlich mit starkem Licht H0-Zugvögel (sind Spatzen, die ziehen zu Büschen in wärmeren Gegenden der Insel) anzulocken, um sie ungerupft und ohne weihnachtliche Beilagen, Klöse und Kraut, jedenfalls habe ich nicht nachgezählt, ob es am Ende weniger waren, denn ich war im Urlaub und Zählen gehört nicht dazu.

Tischer und sein Besitz

Doch glaube ich fast, es blieb beim Inbesitznehmen. Zu kalt und zu windig für Tuch und Streifen für Winteraventiuren, viel zu wohlig warm und luschelig-kuschelig die Decke, werktags und den Rest der Woche. Auch war ja Urlaub, selbst ein Tischer lässt da mal Fünfe undsoweiter……

Nein, der braucht Bücher nicht. Ich schon. Auf jeder Insel brauche ich die. Bei einem, ich hatte diese Vorfreude länger schon, da vergaß ich bisweilen, dass längst schon Meer und alle Wetter um mich waren, da las ich und war weg von der Insel, war Über BordWar auf den Bänken, fing Fisch, wurde ein tüchtiger Matrose. Eine einfache Geschichte, wieder einmal, ich habe wohl eine Schwäche dafür. Es wird darin nicht sehr reflektiert, es wird Hand angelegt, Knoten geknüpft, der Fisch ausgenommen.

Ob es nicht gefährlich ist, solche Geschichten zu lesen. Wenn man alles um sich herum vergisst, dass man erfrieren könnte, mit der letzten Seite, wenn man Glück hat. Die Nase friert nicht allzu sehr, wenn sie sich windgeschützt und tief vergräbt zwischen Seiten.

Das ist ein Buch. Eine Entdeckung. Inseln sind gut geeignet für Entdeckungen. Rudyard Kipling. Wird weiter entdeckt.

Kurz dachte ich noch, hier hätte ich Hedin Bru entdecken sollen. Seltsam, dass es damals windstill gewesen ist. Der kommt mir mit, wenn ich das nächste Mal….wann wird das sein?

Doch trotz allem musste ein wenig Hausaufgabe sein. In der Begegnung mit Lieferanten von Schokolade hatte ich nicht meine überzeugendsten Auftritte. Mir ist die Schwäche, in mich hineinzustopfen, wo ich es schmelzen lassen müsste, schwer wegzuerziehen. Tut sie nicht. Ich hab das selbst verstanden. Hierfür sind viele Bilder wieder gut und wenn nach langen Spaziergängen im winterlichen Wind es gut war, sich aufzuwärmen, die zwei Teller Bohneneintopf taten ihres, die warme Decke ein Weiteres, dann blätterte ich, ganz konzentriert, in einem schmalen Band, um die Geheimnisse von Schokolade kennenzulernen. Es war nicht immer lustig oder spannend, ich kenne da anderes, aber doch so unterhaltsam und vor allem lehrreich, dass ich glauben darf, die Lektüre wird mir geholfen haben und wenn ich das Buch später griffbereit unter der Ladentheke haben sollte, so kann es weiterhelfen.

Die Geheimnisse von Schokolade

Allen Milka- und Ritter-Sport-Liebhabern, allen, die Mampfer sind, wie ich, sei das Buch empfohlen, bevor oder nachdem sie uns besuchen sollten.

Nicht zu viel Arbeit, nicht zu viel Pflicht, wenn sie auch recht kurzweilig ausfiel. Lieber bald, wieder aufgewärmt, hinaus. Endlos scheinende Tage dauern leider nicht ewig.

Ich gehe gerne herum. Ich weiß nicht, ob ich so sonderlich aufmerksam bin für meine Umgebung, viel sehe. Aber ich laufe gerne herum, und gelegentlich mit offenen Augen. Wenn also nicht lesen, dann laufen. Nicht Fahrrad fahren, nicht einmal dort, wo es ungefährlich ist, nein, laufen. Schwimmen auch nicht, laufen. Das Baggerfahren fiel ja aus, also lief ich. Besser: ging. Die, die LAUFEN, sind schneller unterwegs, wenn ich etwa morgens zum Bäcker ging und sie an mir vorbeihuschten. Wenn ich Laufen sage, meine ich Gehen (Trödeln, Schlendern etc.). Und so kucke ich dann, so sind die Bilder, irgendwie Achja und Wassolls.

So vergingen die Tage. Mit Laufen und Lesen.

Und noch so ganz mit ein wenig Kulturtourismus: Gerhard Hauptmann, ein sehr bekannter Golfer und er hat Bücher geschrieben. Den Nobelpreis hat er ebenfalls bekommen, wenn auch wahrscheinlich nicht für’s Golfen. Und er war auf dieser Insel so quasi der König. Thomas Mann war auch mal da, konnte ihn aber nicht vom Thron stürzen. Und Tischer, den gab es noch nicht. Ich habe jedenfalls kurz bei ihm zuhause vorbeigeschaut. Marcel war dabei, natürlich. Doch, was soll ich sagen, Hauptmann ist mir zu schwer, ist mir viel zu schwer für diese Insel, wenngleich es sehr schöne Gedicht zu der Insel von Hauptmann gibt, sagt man.

Nein, mir wäre eine Hafenspelunke namens „Muschelkalk“ lieber, die es nicht gibt auf dieser Insel, in der ich aber mich sicherlich hätte überwinden können, einmal so richtig über den Durst zu trinken, in memoria Ringelnatz. Marcel wäre selbst nicht abgeneigt gewesen.

ZumNüsseöffnen

Von Hauptmann bleibt eine Büste, an der man nur noch Nüsse aufklopfen kann, wenn man welche dabei hat.

Dann war es rum. Der feste Boden, er ließ nicht länger auf sich warten. Tatsächlich ging es doch, das Übersetzen und Fortgehen. Fähre Bus Bus Bus Zuhause, Ankunft 03.01. 21 Uhr.

Die Aufgaben, sie warten. Die Insel, sie bleibt. Ich seufze ein wenig. Verzeihung.

Advertisements

21 Gedanken zu “„10 Prozent Land, 90 Prozent Himmel.“

  1. Welche Farbenpracht auf Ihren Fotos, lieber Herr Hund! Heute ist hier seit langem mal wieder etwas blauer Himmel zu sehen.
    Den Kipling habe ich auch noch auf meiner Wunschliste,aber im Moment herrscht Ebbe im Geldbeutel und die Flut kommt leider nicht nach 6 Stunden zurück 😕Falls es Sie zu einer Lesereise in die Südsee gelüstet, kann ich Ihnen Fanny und Robert Louis Stevens Südseejahre, bei male erschienen, empfehlen, eine ungewöhnliche Ehe in Tagebüchern und Briefen.
    Im Spazierengehen bin ich ganz an Ihrer Seite, ich kann diesem Gerenne,obwohl es ja gesund sein soll,nichts abgewinnen,aber jedem Tierchen sein Plaisierchen.
    Gruß an die Gründerfamilie
    Karin

    • Ihre Ebbe bedauere ich sehr, vor allem, da ich weiß, Sie wüssten ein Mehr gut und mit Geschmack zu nutzen.
      Den Stevenson habe ich bereits auf der Platte (auch indirekt über den Capes), wie ich sowieso überlege eine Rubrik „Herr Seehund“ anzulegen in meinem Blog mit Empfehlungen von Büchern maritimer Art; ich mag das schon sehr.
      Liebe Grüße
      Herr Hund

      • Klasse Idee, das mit dem Seehund….ein weites Meer (kein Feld) , was dann wieder zu Ordnungsschwierigkeiten in den Regalen führt, dort ist dann landunter beim Suchen, wenn ich eine neue Rubrik See-mit-Insel-und-Sehbüchern einführe.
        Literatur ist, wobei wir wieder an Land sind, eine fantasiereiche Spielwiese.

        Ihnen einen lieben Wochenendgruß und die Ebbe ist noch zu verkraften, alldieweil die Bücherfluten der Buchmesse noch nicht alle bewältigt sind .

  2. Lieber Herr Hund,
    das sind ja richtige Fernweh-Fotos.- Aber ein übel kalter Wind scheint um alle Ecken und auch auf geraden Strecken gepfiffen zu haben. Den Eindruck erweckt zumindest der gut bedeckte und eingewickelte Tischer vor dem Inselwahrzeichen.
    Viele Grüße, Claudia

    • Deswegen schaue ich die Bilder auch lieber nicht zu oft an. Ich habe sie schon sehr ins Herz geschlossen, die Umwindete. Tischer auch. Es lässt sich auf ihr wunderbar schlafen.
      Liebe Grüße
      Herr Hund

  3. Eine feine Liebeserklärung an das zurückwerfen auf sich und die Insel / gehen lesen schauen / und über allem nur Himmel. Sehr schön finde ich diese Gedanken und lesefein geschrieben.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s