Pupsi Langstrumpf

Früher hat man noch manchmal gesagt, „Bruder von…“. Heute, er hat auch mittlerweile einen anderen Namen, führt er sein eigenes Leben. Seine Steuerberaterkanzlei läuft ganz gut. Was er so gelegentlich hört von seiner Schwester, verschafft ihm nur bedingt Befriedigung. Ist ihm nicht mehr so wichtig. Altersmilde. Sie ist jedenfalls ziemlich abgestürzt. Er hat das schon immer vermutet. Schon als sie Kinder waren, er war übrigens der ältere der beiden Zwillinge, da hatte sie nur so Anarcho-Zeugs im Kopf. Er war anders, Zahlen und Buchhaltung haben ihn interessiert.

Für ihn hat sich in der ganzen Hippie-Atmosphäre keiner interessiert. Die Eltern haben ihn ziemlich vernachlässigt. Pupsi war ihnen zu langweilig. Seine Schwester konnte besser damit umgehen, sich alleine beschäftigen. Die negativen Auswirkungen haben sich erst viel später gezeigt. So kunterbunt ist die Welt der Erwachsenen nicht. Er dagegen war frühreif. Mit der Kleinkindanarchie konnte er nichts anfangen. Ein Pferd hochheben können, wem ist damit geholfen.

Es gab diese Momente, da hätte er schon gerne getaugt für Kindergeschichten, liebevoll erzählt von einer zärtlichen Mutter. Aber das waren nur sentimentale Stimmungen. Er verdient jetzt ausgesprochen gut, trifft sich gelegentlich mit einer Bekannten, man hat diese Bedürfnisse, er fliegt einmal im Jahr nach Ischias. Er ist zufrieden.

Seine perspektivlose Schwester dagegen, was er gehört hat, treibt sich in so Kommunen rum, wechselnde Liebhaber. Und gesundheitlich? Ist nichts mehr mit Pferde hochheben. Er selbst ist sehr solide krankenversichert. Das kostet natürlich auch was. Aber er hat es ja.

Einmal da hat sie bei ihm geklingelt. Wegen Geld. Rechnen war nie ihre Sache. Das war vor fünf Jahren oder so. sie hatte immer noch dieses Mädchengrinsen, umrahmt von Sommersprossen. Ihm hat das nicht imponiert, ihn nicht beeindruckt. Er sah die schlechten Zähne, das verfilzte, brüchige rote Haar. Er hat ihr was gegeben, die Begegnung aber ansonsten kurz gehalten, einen wichtigen Termin vorgeschoben.

Er weiß, er wird gebraucht. Jeder will rausholen, was geht. Das staatliche Steuersystem hat Lücken. Er kennt sie. Gut, weltweit,vor allem bei Kindern ohne Verdienst, da kennt jeder seine Schwester. Aber, wenn es um Steuererleichterungen geht, um Altersvorsorge, er hat einen vollen Terminkalender.

Manchmal denkt er, wenn seine Eltern noch leben würden und wüssten, was aus ihm geworden ist, was aus seiner Schwester, es sähe anders aus.

Pupsi Langstrumpf ist seinen Weg gegangen, heute Magnus Österling, Steuerberater in Stockholm, Jakobsgatan 5, Termin nach Vereinbarung. Keiner für die große Literatur, aber ein grundsolides Leben mit privater Krankenversicherung.

Seine Schwester ist das genaue Gegenteil. Aber das ist ihr Problem, nicht seins.

 

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4 Gedanken zu “Pupsi Langstrumpf

  1. Die Hippie–Atmosphäre hat auch meine Eltern nicht interessiert. Ich musste in den Schulfächern Flowerpower und Kleinkindanarchie ständig Nachsitzen – von den Hausaufgaben und Klassenarbeiten ganz zu schweigen. Meine Eltern waren mir in dieser Hinsicht «zu langweilig» und auch ich musste mich alleine damit beschäftigen. Daher haben sich negative Auswirkungen später nicht gezeigt: Heute bin ich so «kunterbunt» wie es sich meine Eltern nicht hätten träumen lassen.

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