ICH KOMMA …

die mangelnde Disziplin des Modells verschmiert das Bild

Nicht bei der Kunst, nicht beim Künstler, der Mangel sitzt beim Objekt.

Das Folgende, Erklärung und Empfehlung, äußerst unsicher und deshalb ohne Gewähr. Eine Nacherzählung spare ich mir völlig. Ich wäre nicht in der Lage dazu und kann es sowieso nicht leiden. Dafür lest das Buch oder zumindest den Klappentext bzw. schaut nach auf der Verlagsseite: MetaXa von László Garaczi.

135 Seiten, scheinbar kurz, doch wie lang kann irre werden. Ohne Punkt und Komma, ein Satz (grammatikalisches Hilfskonstrukt) und so wäre die Wirklichkeit erfasst. Denkst Du Dir.Keine gemütliche Literatur. Kein Seufzen. Kein Nichtschwimmerbecken, sondern Fortreißen und Strudel.

Bleibt natürlich nur Versuch, Wirklichkeit einzufangen, „Pantomime“. Schreiben folgt der Maddox-Methode. So tun als ob, ohne dass der Gegenstand fassbar wäre.

im Wesentlichen besagt die erweiterte Maddox-Methode, dass du in deinem Zimmer, im Geiste spazieren gehst, theoretisch, du beschäftigst dich mit der Sache ohne die Sache selbst, … , wenn du das Tun ohne die Tat ausreichend übst, tritt die Maddox-Wirkung ein und du beginnst zu leben

Irgendwie. In der Wirklichkeit kommt man am Ende lediglich um.Simulation als ernstzunehmende Alternative. Eigentlich will ich mich in Literatur wohlfühlen, am besten soll sie mit mir zu tun haben, sie soll sich in mich hineinversetzen. Nur wenn Literatur mal wirklich ICH sagt und meint, wird’s ungemütlich. Dann bricht die Flut über einen herein.

Aber man kann ja ein Buch jederzeit zuklappen. Wehrloses Ding. Gottseidank.

Literatur macht die Wirklichkeit erträglicher, weil verständlicher, weil logischer. Der Wirklichkeit ist nur mit einem ordentlichen Satzbau beizukommen. Die Wirklichkeit ist absurd und kafkaesk. Aber was nützt einem kafkaesk, wenn Kafka tot ist.

Solange aber nicht geschrieben wird, weiß man nicht, ob’s stimmt.

Ein Markenzeichen der Wirklichkeit: Alles ist Jetzt. Erinnerung führt in Widersprüche. Unerträgliche ständige Gegenwart.

alles ist ganz genau jetzt, er ist eingesperrt in die Schandgeige dieses unverwüstlichen, immerwährenden Mega-Jetzt

Ein Versuch war’s wert, sie einzufangen, die Wirklichkeit. Ich bin da durch, 135 Seiten, sofern es die Lektüre betrifft.

JETZT kann es bitte wieder gemütlicher werden. Ein Buch über einen Fastfünfziger, der sich selbst findet, das wäre schön. Und dann mit ordentlichem Satzbau, wenn’s möglich wäre.

Metaxa

 Aufmerksam macht die NZZ.

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„Als Amerika Kolumbus entdeckte“

Wenn nur noch die Form zählt, das Gefallen, die Bewunderung, die Zensur. Einer  dem anderen ein ‚Meilenstein des Lebens‘, Lieblingsschüler und Lieblingslehrer. Alles ist Eindruck. Und man meint, man täte gut daran, es nicht zu hinterfragen.

Manchmal glaubte Arnold: Das ist alles nur ein Traum. Oder eine Art Experiment. Wie weit man einen Schüler mit überragenden Noten bringen kann. In einen Zustand überdrehter Selbstgefälligkeit und Exaltiertheit.

Arnold wird in den Literaturwissenschaften reüssieren, Spezialgebiet Kafka. Es muss etwas dahinter stecken.

In der Novelle Wiedersehen von Joachim Zelter ist die Wiederbegegnung von Lehrer und Schüler keine einfache. Lange lässt sich Arnold Zeit, auf die Avancen seines alten Lehrers einzugehen. Befangenheit hält ihn ab. Wurde er ihm gerecht.

Projektionen und Eitelkeiten. Der Lehrer verwirklicht sich im Schüler. Ein guter Lehrer wird sich zu Beginn in seinen Schüler versetzen können. Ein guter Schüler muss sich irgendwann lösen. Denn sonst lernt er nicht darüber hinaus, nur guter Schüler seines Lehrers zu sein.

Auf der Feier des Lehrers finden sich Karikaturen ein, kuriose Spezialisten auf Ihrem jeweiligen Gebiet, bei Lehrern wie ehemaligen Schülern. Es ist auf die Spitze getriebene Satire. Arnold wird versagen. Es gibt andere Attraktionen. Jahrmarkt der Eitelkeiten. Im Nachbarraum wird das ehemals erwählte Schachgenie matt gesetzt. Und wieder. Und wieder, bis auch das keinen mehr begeistern kann.

Zu begeistern, eine Show bieten. Nichts Neues mehr. Nichts Wesentliches, das einen über den Moment hinaus rühren könnte.

Denn das Leben bestehe aus Anagrammen. Oder aus anagrammatischen Prozessen. Es gebe in der Welt kaum etwas anderes als Anagramme.

Show must go on. Alles eine Cocktailparty. Wer die bonmots und WOW-Effekte auf seiner Seite hat, gewinnt. Amerika wird kein zweites Mal entdeckt werden können. Als Paradoxie taugt’s vielleicht noch.

Doch natürlich gibt es Hoffnung. Es gibt in diesem kleinen feinen Buch eine Schlusspointe. Die wird nicht verraten. Sie erzählt auch nichts weiter.

Wenn also alles gesagt ist, wird meistens geredet. Irgendeiner findet sich sicher dazu. Und jeder darf heute mal. Für heute habe ich fertig.

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Joachim Zelter – Wiedersehen, Klöpfer & Meyer, 2015

 

 

 

 

 

 

Über die Wahrnehmung

Wir sind alle Puzzle, die nicht aufgehen. Höchst unwahrscheinlich, dass am (Lebens-)Abend das letzte Teil passend gelegt werden kann. Feilen und mit der Nagelschere störende Teile bearbeiten und stutzen, dass es passt, ist gemogelt.

Wir sind alle nicht Schloss Neuschwanstein in 5000 Teilen, schwer zu legen, aber aufgehend. Wir werden nicht fertig an einem regnerischen Samstagnachmittag bei Tee und einem Teller mit Keksen.

Wir sind immer Viele. Und die übrig bleiben, sind wir auch. Wir sind der ständige Wechsel unserer Vorstellungen und die der anderen.

Wir sind permanente Fremde in uns selbst. Wir sind Kolumbus. Wir sind unentdecktes Land. Wir sind der weite Ozean dazwischen. Und der endlose Raum. Wir sind Grenze und Überschreitung. Wir fliehen vor dem, der wir sind. Oder igeln uns darin ein.

Wir sind Heraklits Enkel und ständig im Fluß, mehr Werden als Sein.

Das alles als kurze Einleitung um nun in zwei sehr schematischen PowerPoint-Blättern zu zeigen, wie es sich mit mir verhält, verhalten könnte:

ICH

Nur dass zumeist ich nicht mit mir alleine bin und Korrekturen wie der folgenden Rechnung zu tragen habe:

ICH_PerspektiveII

Ich habe den festen Glauben, dass ich mehr bin als gesichtsloses Fleisch, bin aber überzeugt -und die Einleitung sollte das deutlich machen- dass ich auch solch Fleisch sein kann, solche Muskeln und Sehnen, solch anschauungswürdiges Menschenmaterial, solch formvollendete Bein-, Schulter und Rückenpartien.

Doch dieses Ich puzzelt noch. Warten wir das letzte Teil erst ab, bevor wir uns festlegen wollen.

Bis dahin grüßt und wünscht noch einen schönen Tag die meisten von mir, wenn nicht sogar alle.

 

Reich … an Worten

Weil es richtig ist, zu wissen, was damit anzufangen, nenne ich mich ab heute reich. Mein Wortschatz hat die 1000er-Marke erreicht. Was muss ich mehr haben? Viele haben mehr. Doch was, sind sie deswegen glücklicher. Mehr zu haben kann sehr anstrengend sein. Reichtum ist nicht so eine leichte Angelegenheit, wie mancher glauben mag. Nein nein, mir reichen meine Tausend. Es war, sie anzusammeln, schon eine Tortur. Wie alt bin ich jetzt? Eben.

Sie fielen mir nicht vom Himmel. Viel Arbeit steckte dahinter. Teilweise dauerte es Jahre. Zwischen Wort 731, Vernunft und Wort 732, Phantasie, ganze 17 1/2. Rechnen und Zählen fiel mir immer leichter. Dabei fing es ganz einfach an, unkompliziert. Meine ersten fünf Worte -dada, gaga, happa, mamma und pfflltt- hatte ich binnen weniger Monate. Seltsamerweise waren es Worte, die ich in der Folge nur noch sehr selten anwenden sollte, nehmen wir das mamma-Wort einmal aus.

Ein Meilenstein war ICH, das muss so Wort 70 gewesen sein, irgendwo zwischen WAUWAU und MIEZMIEZ. Oder MUHKUH, ich bin mir da nicht mehr so sicher. Denn mit diesem Wort konnte ich endlich existentielle Unterscheidungen machen. ICH bin kein WAUWAU, keine MIEZMIEZ und keine MUHKUH. Dann kam ich in die Schule. Und eine Menge Worte hinzu.

Und ein wenig später in rascher Abfolge erste wichtige Namen: Moni, Susi, Gabi, Helga. Allein an Helga kann ich mich noch erinnern. Wegen Wort 211. Und er war feucht und eklig. IGITT war Wort 212.

Dass ich, obwohl erst bei Wort 627, mein Abitur unter Anderem in Deutsch abschloss, ist die IRONIE (Wort 847) meines Lebens, was ich damals jedoch noch nicht begreifen konnte.

Und so weiter und so weiter, Buch um Buch, gelegentlich blieb etwas hängen, stehe ich hier, schreibe und blogge seit etwa zwei Jahren und halte mich ganz gut, trotz dieses Defizits. In den Bereichen Farbe und Form wäre sicherlich noch Einiges nachzuholen. Aber das wird schwierig, lässt die Sehkraft doch langsam nach.

Tausend. Das fühlt sich wie Millionär an. Da ich eh mich schon immer für gedankenreicher hielt, als mir da Worte zur Verfügung stehen. Und diese Lücke an Plus schließe ich nicht mehr.

AMEN (Wort 1000)