Ziehen vorbei

Menschen. Zeiten. Geschichten. Wie Wolken.

Und nur, dass etwa einem wie mir für eine Besprechung wie diese ein paar Worte wie folgende einfallen mögen. Von manchem gelesen. Für gut befunden, für weniger gut. Ende der Ansprache. Weiter im Text.

Geschichten wie jene, ein erhebendes Gefühl von Mitmenschlichkeit, das sich einstellt. Kann es überhaupt eine Frage sein, ob es gut geschrieben ist? Ist es, aber ist das der Punkt?

‚Er ist unschuldig, das ist schon viel.‘

Dieselbe Geschichte, aber schlecht geschrieben. die Empathie und Identifikation mit dem „Helden“ (was für ein Wort) misslingt. Der gute Stil hilft der Moral auf die Sprünge. Für die Dauer der Lektüre. Oder nicht?

Der Mensch will sich nicht langweilen. So lange er das nicht tut, ist mit ihm so ziemlich alles anzustellen. Selbst gute Taten. Die Duldung der schlechten, er hat sein Phlegma.

Es wurden schon immer großartige Bücher geschrieben. Es gab und gibt noch enorme kulturelle Leistungen. Sie wurden alle bewundert. Gleichzeitig wurden die größten Verbrechen begangen, von Menschen an Menschen. Beides ist möglich. Und ob man meint, die Geschichte entwickelt sich zum Guten oder Schlechten, es ist ein Blickwinkel, eine Laune.

Es ist eine Frage der Qualität des Mittagessens. Wenn man denn eines hatte.

Dieser „Held“ war ein Wissenschaftler, ein Intellektueller, einer, der von der Sache überzeugt ist. Und er wird verhaftet wie Tausende und Millionen, die auch das eine oder andere waren. Sehr lange behält er diese seine Menschlichkeit. Er legt weiterhin ein Bild Stalins. Er glaubt. Und er wird am Ende erschossen. Verscharrt irgendwo.

Was folgt ist eine Spurensuche nach diesem „Durchschnittstypen“, nach seinem Grab.

Er ist so unschuldig, wie alle unschuldig sind, die irgendwohin verschleppt, irgendwo gefoltert, erschossen und verscharrt wurden. Sie sind es nicht wegen ihrer Taten, sondern einfach so. Da ist nichts Großartiges. Es braucht keine ausgeklügelte Theorie. Keine Rhetorik. Dies muss kein Plädoyer sein. Es ist vor allem keine Frage des Stils.

Er ist kein Held. Er ist einfach unschuldig.

Warum liest man solche Bücher, wenn man von jedem das eigentlich wissen sollte, dass er unschuldig ist? Der eigenen Schwäche, des Phlegmas wegen. Es hält uns wach. Auch uns selbst gegenüber.

Ob es reicht?

Olivier Rolin – Der Meteorologe, Liebeskind-Verlag

Der Meteorologe

Und möglicherweise mit ein Grund, dass die Beschäftigung mit Literatur in höchstem Maße auch eine subjektive Angelegenheit sein darf und muss.

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5 Gedanken zu “Ziehen vorbei

  1. „Der Mensch will sich nicht langweilen. So lange er das nicht tut, ist mit ihm so ziemlich alles anzustellen.“ Das muss wahr sein, denn ich fühle mich im höchsten Maße davon getroffen.

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