Freund Walser

Zur rechten Zeit, wie zur unrechten, begegne ich wieder einem guten Freund. Einer, der es einem leicht macht, der zutraulich ist – und liebenswert. Einer, den sich als Vorbild zu nehmen, keine schlechte Entscheidung ist: Robert Walser.

„Der Schriftsteller liebt die Welt, denn er fühlt, dass er aufhört, ihr Kind zu sein, wenn er sie nicht mehr lieben kann.“

Ein eher zufälliger Griff ins Buchregal und ich war ein wenig für Neuerscheinungen und Leseproben belegt. Ich musste mich erst wieder um diese alte Freundschaft kümmern.

Dabei weiß ich ja:

„Ich will Buchhändler werden…Unter dem Buchhandel stellte ich mir von jeher etwas Entzückendes vor und ich verstehe nicht, warum ich immer noch außerhalb dieses Lieblichen und Schönen schmachten muß…Ich bin der geborene Verkäufer…“

Das wird möglich sein. Drum zur Vorbereitung streiche ich durch die Gänge, nicht unbedingt des Lieblichen Wengens. Ich will später Kenntnis haben oder sie zumindest auf’s Beste vortragen können. Geschäftstüchtig will ich sein, das Nützliche mit dem Höchstangenehmen verbinden.

„Mit einem Wort: meine Liebe zu den Menschen wird angenehm balancieren auf der Waage des Verkaufens mit der Geschäftsvernunft, die ebenso gewichtig ist und mir ebenso notwendig erscheint für das Leben wie eine Seele voll Liebe: Ich werde schönes Maß halten…“

,sagt Simon Tanner und quittiert eine Woche später die Stelle wieder.

Ich will länger durchhalten. Und dabei jedoch nicht vergessen, alte Freundschaften zu pflegen. Es lohnt.

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Eine Phantasie – bitte zu entschuldigen.

 

imageLasst mich einen Moment allein. Sie und ich Idylle. Leere Gänge, freier Platz. Würde eine Decke ausbreiten wie an einem Fluss zwischen zwei Bäumen, Poesie im Orangenhain, moussierende Perligkeit, sanftes Blätterrauschen, zwischen morgens noch rasch aufgebauten Ständen, mitten auf den Boden und mein Frühstück einnehmen, während sie um mich sind, nur für mich.
Vor zehn Uhr aber darf keiner rein, der kein Aussteller ist, keiner vom Service. Und pünktlich um 10 Uhr strömt’s, dass da alle Idylle verlustig geht. Fluss, Bäume, morgendliches Picknick, wach auf, Träumer!
Wenn ich meinen kleinen Gestreiften dabei hätte, ja, da wär Platz. Jede Menge Platz. Es wäre ordentlich evakuiert bis 12 und ich hätte den Raum, den ein Mittagessen braucht, soll es der Phantasie vom Morgen entsprechen. Das Einsatzkommando würde frühestens eine Stunde später die Tafel aufheben, zu beschäftigt, zu groß das Talent des Gestreiften.
Allein, er ist nicht da. Sein Schlaf ist ihm wichtig. Freitag.

So muss ich auf die ganz große Phantasie verzichten, kümmere mich unter Einsatz guter Füße -die Zeit drängt- um’s Geschäftliche und gönne mir ansonsten zur Erhebung der Seele wie zum Heulen gemäß dem eigenen Naturell lediglich gelegentlich einen Blick zum Mond, den ich dieser Tage bei mir trage. Er ist schmal, nicht schwer, tut aber seine Wirkung.

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Der Ernst meines Lebens

Dann kann ich jetzt also nicht mehr zurück. Strickjacke an, Fellohrmütze auf, der Puschel in der Hand, geschäftig schauen und artig begrüßen, wer kommt.

Ich hoffe sehr, ich habe mich so quasi in eine verständliche Rolle meiner selbst hineingeschrieben all die Zeit. Natürlich kann ich auch anders. Das wären dann aber nicht meine Schokoladenseiten.

Was ich gerne bin ist so wahr wie was ich bin.

Und ich bin in Kürze für alle, unter handreichender Mithilfe meiner Madame, ohne die es wohl kaum einen Herrn Hund geben würde, ein hoffentlich freundlicher, zuvorkommender und aufmerksamer Gastgeber.

Allein ein Hund könnte mich ablenken, mein Bedürfnis, mich zu wälzen, für Irritationen sorgen. Und wäre in ein paar Minuten zurück……“Madame, bitte übernehme mal kurz!“

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Nachsitzen

Leeres Klassenzimmer. An der Tafel das Thema. In der letzten Reihe Herr Hund, in der ersten Person, Ich. Ihm fällt nichts ein. Vor sich das leere Blatt. Er darf erst gehen, wenn da was steht.

Er schaut aus dem Fenster. Ein Vogel, vielleicht eine Amsel. Ihm fällt nichts ein. Vorne der Lehrer. Er liest in der Zeitung. Hinter ihm, mit Kreide geschrieben das Thema, in der Zeitung mit fetten Lettern die Schlagzeilen.

Er sieht das mit Kreide geschriebene Thema, er erkennt die Schlagzeilen. Doch ihm fällt nichts ein. Er schaut aus dem Fenster. Ein Vogel, vielleicht ein Fink. Geschrei ist zu hören. Kinder, die nicht nachsitzen müssen, spielen; der Himmel muss wolkenlos sein.

Er sitzt, ohne brauchbaren Gedanken für das Thema. Wenn er einen Kaugummi hätte. Ihm wird die Zeit lang. Der Lehrer liest immer noch. Papier raschelt. Die Zeitung hat viele Seiten. Das Thema ist ein Satz. Ein Zitat. Doch ihm fällt nichts dazu ein. Das Blatt weiß und draußen ein Vogel, vielleicht eine Taube.

Er sitzt eine ganze Weile da. Kinder essen um diese Zeit Marmeladenbrote. Er hat nicht einmal einen Kaugummi. Der Lehrer mit seiner Zeitung. Hat er Hunger? Vielleicht. Er lässt sich nichts anmerken. Draußen ist es still geworden, sein Magen knurrt. Er setzt den Stift an…

…und streicht wieder durch. Ihm fällt partout nichts ein zu dem Thema. Er sieht die Kreide, die Schlagzeilen in fetten Lettern, er sieht draußen … vielleicht ein Vogel sein, er weiß nicht, was schreiben zu dem Zitat:

„Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“

Er hasst Aufsätze. Er hört das Papier rascheln. Es wird ein langer Nachmittag.