Irgendwie-Einstiegsbericht

„Geh ins Grüne. Das ist das unter dem Blauen. Das ist das hinter dem Grauen.“

Doch ich schreib Bericht. Gewissenhaft. Anlässlich meiner Erstbesteigung des Zauberbergs vor 25 Jahren wurde gestern jubiliert. Nenne das Welt-Wälzer-Tag. Das erste Mal, Organisation ist zu verbessern.

Auch damals, 1991, war ich schlecht ausgerüstet. Meine jugendliche Begeisterungsfähigkeit für diesen Tausendseiter brachte mich zum Gipfel. Seitdem, alt wird man und erfahrener, bereite ich mich besser vor. Training der Ausdauer an Vier- bis Fünfhundertseitern, Mittelgebirge, Spaziergänge im Sonnenuntergang und Bündeln der Gedanken beim Hinausstarren aus dem Fenster.

Und mit den Jahren und wechselnden Brotberufen gelang ich zu allerlei Equipment, das mir den Aufstieg angenehmer machen sollte:

Als Glücksbringer die Lieblingsstrickjacke mit Knopf, für individuelle Gedanken die Fellohrmütze, für besseren Halt und warme Füße die Socken, für das richtige Tempo den Hausanzug und für’s Nichtalleinesein Marcel.

Bevorzugt steige ich im Liegen und mit großem Kissen. Mittlerweile auch nicht mehr allein. Es war, zugegeben, sehr schön damals allein auf dem Gipfel des Zauberbergs, aber ist es in vielerlei Hinsicht eine einsame Angelegenheit. Ist man eine Zweierseilschaft, die fast eine Einheit ist, so kann sich ausgetauscht werden beim Ersteigen bzw. kann der eine, während der andere noch hängt, in der Zwischenzeit eine Pizza oder den Arzt holen.

Niederlagen sind zudem viel besser wegzustecken. Es war viel weniger traurig und traumatisch, als wir aufgrund der Wetterlage und wegen des fehlenden ästhetischen Sinns vor ein paar Jahren den Aufstieg ins Pynchon-Massiv abbrechen mussten. Die Vernunft siegte, die Kräfte waren noch nicht vorhanden. Dabei waren wir beide zu dem Zeitpunkt schon erfahrene Kletterer. Jeder Berg hat seine Zeit, das ist die einfache Wahrheit.

Nun also, gestern, wagten wir unter Beobachtung der Öffentlichkeit den Einstieg in einen weiteren Tausendseiter.

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Fremdes Gebiet, wir wollten nichts riskieren und begannen mit Seite eins. Natürlich würden wir die letzte Seite nicht im Sturm binnen eines Tages erreichen. Es muss einem, der sich auf einen Tausendseiter wie diesen, dem Fahlmann, einlässt, klar sein, dass für die Zeit des Ein- und Aufstiegs, es Geduld braucht, sowie die Fähigkeit, alles andere auszublenden – für eine längere Zeit.

Diesen Tausendseiter hier, den Fahlmann,

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hatte ich schon länger im Auge, gestern war er reif. Die ersten Eindrücke täuschten nicht: die Handgriffe müssen sitzen, Unkonzentriertheiten und Ablenkungen (z.B. „Espresso mit Vanilleeis“) könnten zu einem Absturz führen, wenigstens aber zu Verzögerungen bis zum Winter; das wäre fatal, denn für diese Jahreszeit wäre ich nicht warm genug angezogen. Dieser hier hat so einige gefährliche Kanten, die scheinbare ungefährlichere Stellen durchschneiden. Man denkt, man kommt voran, lässt nach, wird nachlässig, schon ist es passiert.

Wir haben gestern Abend bei Seite 104

Mein Problem hieß Spitzbergen. Schon als ich die Weltkarte an die Wand geheftet hatte, war mir Spitzbergen zu groß erschienen.

ein erstes Basislager eingerichtet. Marcel machte uns eine warme vegetarische Mahlzeit. Guter Dinge, ein beeindruckender erster Ausblick über die Tiefebene, wir werden weiter steigen. Und wenn wir in diesem Tempo weiterkommen, denken wir, noch vor August diesen Jahres Seite 1026 zu erreichen, um dort unser Lesefähnchen in den Wind zu stellen.

Aber selbst wenn wir durch sind und obenauf, ist es noch möglich, dass wir erkennen müssen, es war doch nur ein Hügel, der die Strapazen nicht lohnte. Beim Klettern wirkt dieser nicht so – bislang.

Dabei ist alles doch nur Vorspiel und kommt es nicht dazu, „verlorene Zeit“, wenn nicht einmal, bevor für’s Klettern zu alt, das Proust-Gebirge (im Original) durchwandert und -stiegen werden konnte.

Ach, manchmal, bei diesen Zielen, wäre ich lieber „Außenminister des Universums“.

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8 Gedanken zu “Irgendwie-Einstiegsbericht

  1. Also, eigentlich kann ich momentan (und immer wenn ich Ihre lässigen Schaufensterbilder betrachte ) nur eines sagen: sollte ich eines fernen, nahen oder mittelfernen Tages, Ihren & Fräulein Schneefelds wunderbaren Laden besuchen, – so hoffe ich inständig , dass Sie dann zufälligerweise wieder im Schaufenster herumlungern mögen!!

  2. Ein toller Bericht, der mir dann doch irgendwie Lust auf das Buch macht – so dicke Wälzer reizen mich einfach, kein Wunder also, dass ich gerade „City on Fire“ verschlinge.
    Außerdem geht es mir wie Petra: wenn ich irgendwann mal vorbeikommen sollte, hoffe ich auch darauf, dich im Schaufenster antreffen zu können.

    Liebe Schmuddelwettergrüße
    Mara

    • Zu „City of Fire“ will ich unbedingt wissen, wie’s war. Spätestens für’s nächste Jahr könnte ich ihn mir dann vornehmen.
      Hier-ist-Wetter-ganz-OK-Grüße
      Herr Hund

  3. Herr Hund,
    schon seit Facebook bewundere ich Ihre Schaufensterbilder. Ich wünsche Ihnen ganz viel Erfolg beim Besteigen des 1000-Seiters, aber mit weichem Kissen, mit Decke und den tollen Schlappohren muss das doch möglich sein, Und Espresso mit Vamilleeis kann doch nur stärken beim weiteren Seitendurchstieg. – Ich möchte ja auch schrecklich gern einmal vorbeikommen und wie schön wäre es, Sie dann wieder im Schaufenster anzutreffen. Ich bringe auch keine extra leckeren HUndeleckerlies mit, versprochen.
    Viele Grüße, Claudia

      • Das wohl leider nicht. Es kann sein, dass ich im Mai zu einer Kurzvisite nach Berlin komme. Ich habe schon den Stadtplan studiert, es könnte wohl geografisch klappen, am Schaufenster vorbeizuschlendern, zeitlich weiß ich es aber noch nicht. Und die Vierbeiner würden bei der Aktion nur völlig verunsichert und dann auch bockig im Weg herumstehen, leider.
        Viele Grüße, Claudia

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