Des Herrn Herders Leidenschaft und Traurigkeit

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Sagen wir einfach, es war ein Proseminar zur Oden-Theorie, in dem ich mich erstaunlicherweise gut zurechtfand, warum ich nun, ein paar Scheine später, doch ohne Abschluss, noch immer sehr eingenommen bin für Johann Gottfried Herder (1744 bis 1803). Bisweilen vermisse ich diese intensive Beschäftigung mit einem Autor. Es ist heute nicht die Zeit. An irgendeiner Stelle werde ich mich anders entschieden haben. Vielleicht nehme ich sie eines Tages wieder zurück.

Diese Beschäftigung mit Herder nun, dem Vielgereisten, dem Suchenden, dem Sammler, war eine sehr erbauliche, mutmaße ich, da ich gerade ein gelbes Reclam-Bändchen mit einer Sammlung von Volksliedern in Händen hielt und mich, ein wenig wehmütig, erinnerte. Das Gedächtnis ist kein verlässlicher Gefährte, in der Tat. Und Lob dem, der lediglich mündlich Überliefertes dem allgemeinen Vergessen in gedruckter Form entreißt und es den später Hinzugekommenen auf diesem Weg zur Verfügung stellt, mir etwa, der dann aber, zu einem späteren Zeitpunkt, wiederum sich seiner Gedanken, die er bei der Lektüre etwa gehabt hätte, nicht mehr erinnern kann.

Ich schätz(t)e Herder sehr und sage es, obwohl ich es kaum noch belegen kann. Meine Hausarbeit von damals bleibt verschollen.

Was ich vermute und habe doch keinen Beweis dafür, ist der Schmerz, den ich bei Herder zu finden glaubte und den ich gut verstand, wenn er mir auch sehr phantastisch vorkam. Ich sagte bereits, dass Herder, um eine Theorie der Ode bemüht, eifrig Volkslieder sammelte, diese zu illustrieren und zu belegen. Was aber hinzukam und keiner weiß es mit Bestimmtheit, ich auch nicht, was der Kern der Sache ist und von Herders Traurigkeit, ist die unmögliche Leidenschaft Herdes für die Beatles. Denn, wie jeder weiß, der sich nur ein wenig mit populärer Musik beschäftigt, gründete sich diese Band erst im 20.Jahrhundert, also ein wenig später, als Herder nach Lage der Dinge lebte. Es ist gut nachzuvollziehen, wie schmerzhaft die erfolglosen Versuche für Herrn Herder sein mussten, an den Orten, die er aufsuchte -und es waren nicht wenige- in den lokalen Plattenläden Vinyl zu finden von Paul, John, George und Ringo; er fand nicht einmal jene Plattenläden, in denen Vinyl zu finden gewesen wäre, weil selbst die noch nicht erfunden waren, übrigens Plattentauschbörsen ebensowenig.

Er suchte und fand Oden und Liedgut einfacher Menschen, von Bauern in der Hauptsache, doch kein „Let it be“, kein „Yellow submarine“, kein rotes oder weißes Album, nicht einmal die späteren Solo-Alben der Herren. Gar nichts. Diese waren für ihn in der Zukunft versunken.

Dann aber war da der Tag, der Herder wohl den Rest gegeben haben musste, als er nämlich in Weimar einmal den Olympioniken Goethe zum Tee besuchte und dieser ihm, in Unkenntnis und völlig unsensibel oder aus Sadismus, seine Rolling-Stones-Platten zeigte.

Immer Goethe, immer diese feine Herr Dichterfürst. Leiden tun die in seinem Schatten. Wie Herder einer gewesen ist.

Johann Gottfried, wenn du es hören kannst, das ist für dich:

und

Besser?

Und Dir, Goethe, falls Du es hörst: unsensibles Arschloch !!!!

 

 

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