Buchpreisalptraum

Sternzeit 2143,4, persönlicher Eintrag: die diesjährige Buchblogmesse in Neu-Frankfurt auf Alpha-Centauri sollte am Ende nicht stattfinden. Ebensowenig würde der Buchblogpreis für dieses Jahr verliehen werden können. Wie jedes Jahr hatten einige Buchblogger (alle) ihre Beiträge (sämtliche) der Jury zur Wertung vorgelegt. Diese bestand wie die letzten Jahre zuvor aus Schriftstellerrestbeständen. Dem Sieger würde exklusiv ein Roman zur Besprechung vorgelegt werden.

Begleitet worden wäre die Arbeit der Jury von ausgewählten Buchblogpreisbloggern, die sich im Vorfeld durch die Buchblogs auf der longlonglist, longlist und shortlist durchgearbeitet hätte, um sie wiederum auf ihren Buchblogblogs zu besprechen, seit dem Ende der Feuilletonseiten in den Zeitungen das wichtigste Forum kultureller Belange.

Der Betreiber des Buchblogblogs Meta-Sounds&Books&Holoprograms dazu: „Eine Ehre. Ich bin mir bewusst, was von mir abhängt. Die Sternenflotte wird sich auf mich verlassen können.“ Tatsächlich kommt in dieser Aussage schon das Problem des Buchblogpreises der letzten 10 Dekaden zum Ausdruck. Denn es kann kein Zufall sein, dass in dieser Zeit ausnahmslos Buchblogger der Sternenflotte den Buchblogpreis erhielten. Die Macht der Buchblogblogger ist vielleicht zu groß geworden. Dass sich letzten Endes sogar die Jury des Buchblogpreises, immerhin bestehend aus Autoren von der Sterneflotte fernstehenden Planeten wie etwa Gul Maced von Cardassia, ausnahmslos für Buchblogs der Sternenflotte entscheiden würde, ist da kein Wunder.

Der Einfluss der Buchblogger ist immens. Mancher wünscht sich da ein unabhängiges Feuilleton zurück, das nicht unter der Fuchtel der Sternenflotte steht.

Doch nun ist das Schnee von gestern. Denn es besteht der Verdacht, dass sämtliche Buchblogbeiträge von einem einzigen Buchblogger verfasst worden sind, einem Formwandler. Alle Buchblogger könnten im Laufe der Zeit durch das Dominion ausgetauscht worden sein und alle eingereichten Beiträge hätten lediglich einen Verfasser, der in seiner ursprünglichen Form nur eine schleimige Soße ist. So waren auch die Beiträge. Keinem ist es aufgefallen, der Jury nicht, den Buchblogbloggern der Sternenflotte nicht. Auch dem normalen Leser von Buchblogs ist nichts aufgefallen, was zum Teil auf die bekannte nachlässige Lektüre von Buchblogs zurückzuführen ist. Denn der Leser von heute verbringt seine Zeit lieber auf einem der Holodecks oder auf Raisa. Die Buchblogs sind für Buchblogblogger, die für diese Arbeit von der Sternenflotte und vom Leben freigestellt werden, geschrieben. Wenn also selbst diesen nichts auffiel, wem dann?

Wie es nun doch herauskam, ist schnell erzählt: ein Routinescan. Der Geheimdienst der Sternenflotte, Spezialabteilung Buchblogs, nahm sich der Sache an und alle Buchblogs unter die Lupe. Die Messe wird, bis die Gefahr eliminiert ist, nicht stattfinden. Alle Buchblogger  (mutmaßliche) werden gebeten, das Gebiet um Neu-Frankfurt zu verlassen, nachdem ihre biometrischen Daten erfasst sind. Die Enterprise wird so lange um das Messegelände kreisen, da eine Eskalation der Situation nicht ausgeschlossen werden kann.

Der Sternenflottenbuchblogblogger von Meta-Sounds&Books&Holoprograms bekommt einen Vermerk in seiner Akte: er war unachtsam, im schlimmsten Falle aber wurde er selbst ausgetauscht; eine Blutanalyse steht noch aus.

Eine persönliche Anmerkung an dieser Stelle: fast wäre man geneigt, sich in Anbetracht dieser Situation eine Herrschaft der Borg zu wünschen. Da weiß man wenigstens von Anfang an, dass alles für alle gleich ist, bzw. würde man sich die Frage nach Unterschieden gar nicht mehr stellen.

(Ein schweißtreibender Traum, nach x Folgen Star Trek und 0 Lektüre auch nur eines Titels von der longlist, obwohl in Reichweite.)

 

 

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29 Gedanken zu “Buchpreisalptraum

  1. Ein Traum nur… und ich war mir sicher, einer traut sich endlich von der anderen Seite der Matrix zu schreiben.
    Du weißt eh: Solange du die Liste nicht anfasst, verändert die sich noch ständig – hat irgendwie mit Katzen zu tun.

  2. Lieber Her Hund,
    was für ein grandios-verrückter Beitrag aus der Welt des Sternenflottenbuchblogbloggens. Richtige Augen- und Zungenbrecher scheint es da in fernen Galaxien immer zu geben, aber auch immer noch jede Menge Spaß an tollen Formulierungen.
    Viele Grüße, Claudia

    • Und ich stellte dabei fest, wieviel mehr ich weiß über Romulaner, Klingonen und andere, als über Faulkner, Proust und Sibylle Lewitscharoff (die werde ich noch lesen, aus Trotz. Schwaben müssen zusammenhalten).

  3. Mein Alptraum, nein der besteht nicht darin, dass mir eines Tages Helene Fischer im goldenen Bikini als Prinzessin Leia den Buchpreisbloggerpreis überreicht. Sondern darin, dass ich in fünf, sechs Jahren, so ich denn noch blogge, ab Mitte August in meinem Reader nur noch Buchpreisrezensionen vorfinde.
    Ich bin da etwas zerrissen in der Angelegenheit: Einerseits war ich im vergangenen Jahr bei den Buchpreisbloggern dabei – und es hat Spaß gemacht, war eine Erfahrung, die okay war, die ich aber aus mehreren Gründen nicht wiederholen muss. Dennoch fuchst es mich, wenn ich wie jetzt vor wenigen Tagen in einem Interview, das die letztjährige Vorsitzende der „richtigen“ Jury gab, lesen darf, das Feuilleton etc. würde einen „Teufel tun“ und die Rezensionen der Blogger lesen …
    Mein Anliegen ist es nicht, dass mein Blog vom Feuilleton gelesen wird – ich verstehe mich nicht als Vertreterin der Kulturkritiker der nächsten Generation. Aber mich ärgert diese systemimmanente Ignoranz, das gestehe ich offen ein.
    Dennoch: Gerade das Buchpreisbloggen hat mich im Anschluss mit Fragen an mich selbst konfrontiert. Für wen blogge ich über Literatur? Wer sind meine Leser? Und warum macht man den ganzen Aufwand eigentlich? Die Antwort ist – für mich – weil es mir Spaß macht. Und den möchte ich nicht verlieren, in dem ich mich in ein Korsett zwängen lasse. Ein Korsett kann sein: Sich den Mechanismen des Marktes unterzuordnen – wer ständig Neuerscheinungen, die angesagt sind, bespricht, wird mehr Aufmerksamkeit erhalten, als jene, die die randständigen Bücher in den Mittelpunkt stellen …
    Und ebenso wie ich Bloggerin bin, bin ich auch Mitleserin bei anderen Blogs. Im Grunde wünsche ich mir für jeden engagierten Literaturblogger, dem ich folge, auch Aufmerksamkeit – aber ich muss gestehen, dass mir in den letzten Wochen diese selbst abgeht. Denn unabhängig von der Qualität der Beiträge finde ich heuer die Quantität der Buchpreis-Listen-Rezensionen als Leserin ermüdend. Es gibt neben den Buchpreisbloggern, die mit dem Börsenverein kooperieren „dürfen“, heuer noch einen Buchpreisblog, dessen Rezensionen dann zudem auch auf den Blogs der beteiligten Blogger erscheinen, und sowieso darüber hinaus noch Blogger, die für sich selbständig die Longlist rezensierend begleiten.
    Das kann ja jeder halten, wie er will – das ist Freiheit.
    Ich wünschte mir einfach nur, die Buchblogger würden ihre Freiheit anders nutzen – mehr Vielfalt statt Einheitsbrei. Denn für mich als Leserin wird die x-te Besprechung ein- und desselben Buches uninteressant, zum Teil mag ich dann schon die Bücher nicht einmal mehr lesen. Die der schwäbischen Sibylle allerdings aus anderen Gründen nicht – ich hielt sie schon immer für etwas verschwurbelt.
    Sorry, dass ich hier so ernsthaft dazwischen grätsche – aber das liegt mir seit Tagen auf der Zunge.

    • Wenn ich mich jetzt äußere, nehme ich viel von dem hinweg, was mich umtreibt und in einem eigenen Beitrag seinen Platz finden sollte.
      Zunächst sei gesagt, ich fühle mich nicht angesprochen bzw. angegriffen. Trotzdem die Frage, warum steht der Kommentar hier? Denn ich bin keiner von den Bloggern mit großer Reichweite. Und Ihr Kommentar bleibt ungehört, nicht allerdings von mir. Sie sprechen mir, in Ihrem Tonfall und Ihrer Art -meine, wissen Sie, ist eine gänzlich andere- aus der Seele.
      Und das ist das Thema. Das ist es, was mich, neben der bloßen Masse, ein wenig ermüdet: ich lese die Besprechungen und stelle fest, sie schmecken nicht. Sie sind klug, sie sind belesen, sie sind ohne Fehl. Nur haben sie kein Gesicht, sind austauschbar. Es tritt hinter den „Ichs“ kein Mensch hervor, mit seinen eigenen, originellen, gewiss manchmal falschen Gedanken hervor.
      Ich hoffe sehr -und das ist nun mit ein Grund, warum ich schreibe- , das ist bei mir nicht so.
      Sie haben in allem recht. Was das Feuilleton den Bloggern vorhält. ist ja die Sache mit dem Ich, dem verpönten. Doch nicht, dass da steht, „Ich finde dieses Buch toll“, ist das Problem, sondern, dass diese Sätze, in den dieses Ich vorkommt, von oft sehr geschmackloser Art sind. Und mit Geschmacklosigkeit meine ich nicht, „ist dumm“, sondern, „das könnte so jeder schreiben, das ist nichts Besonderes, nichts Eigenes.“
      Das wirklich Schlimme für mich nun ist die Tatsache, dass Leser, die vorgeben, Bücher von der Art, wie sie dort besprochen werden, zu lesen, solche Plattheiten gutheißen und nur selten, sehr selten eine passende Erwiderung finden, sondern stattdessen nur mitteilen, „Toll hast Du das geschrieben“.

      Wir wollen dazugehören. Ich wollte dazugehören. Die Lewitscharoff lese ich jetzt, weil ich -es ist nachzuvollziehen- eine Schwäche für’s Verschwurbelte habe. Das ist nun mein Steckenpferd, meine Art von Geschmack und Stil. Worauf ich Lust habe und in der Weise, die mir gefällt. PUNKT.

      Freundlichst
      Ihr Herr Hund

      P.S. Auf Ihre Beiträge werde ich immer ein Auge haben und Ihnen weiterhin folgen. Warum? Weil Sie Geschmack haben.

      • Lieber Herr Hund,
        ich hoffe, es gibt kein Missverständnis zwischen uns – denn auch wenn die „Arten“ verschiedene sind, dann denken wir doch in einer ähnlichen Richtung. Mein Kommentar war in keiner Weise auf Ihren Blog gemünzt, sondern brach praktisch spontan durch Ihren Alptraum hervor. Ich habe mich zunächst auf die Quantität und die fehlende Themenvielfalt gestürzt, aber auch die von Ihnen angesprochenen Themen sind bei mir derzeit virulent. Ich trage da seit Wochen Gedankensplitter in meinem Gehirn herum, die ich allerdings noch nicht in eine gute, fassbare Form für einen eigenen Blogbeitrag bringen konnte. Allerdings äußere ich mich fragmentarisch hier und da.
        Ja, es geht um Geschmack einerseits – aber nicht nur. Sondern auch um Anspruch und Haltung: Ich erwarte nicht, dass die Vielheit der Buchblogger über dieses „Dieses Buch ist gut, weil es mir gefällt“ hinausgeht – das ist legitim, ich muss dem ja nicht folgen. Aber bei jenen unter den Buchbloggern, die sich als Literaturblogger verstehen – diese feine Unterscheidung soll es geben – und die einen gewissen Anspruch darauf erheben, eine Alternative zum Feuilleton sein, erwarte ich Geschmack und Kompetenz. Soll heißen: Die eigene Meinung muss begründet werden können, auch mit literaturästhetischen Kriterien (ich verweise dazu auf eine sehr spannende aktuelle Diskussion bei tell: http://tell-review.de/wo-stoesst-der-page-99-test-an-seine-grenzen/). Nicht jeder bringt natürlich das Rüstzeug mit, um so argumentieren zu können, um Literatur so bewerten zu können. Aber ich erwarte doch von jenen, die sich als Literaturblogger sehr dezidiert – auch in der Kritik am Feuilleton – äußern, ein gewisses Niveau in ihren eigenen Rezensionen.
        Die Lewitscharoff – das ist einfach meine Meinung, dass sie von Beginn an überschätzt wurde. Aber darüber könnte man sich dann trefflich und mit Geschmack streiten. https://saetzeundschaetze.com/2014/10/05/sibylle-lewitscharoff/

        PS: Danke!

      • Ich mache es kurz, die Müdigkeit: bin da ganz bei Ihnen. Wir denken da in eine ganz ähnliche Richtung. Und ich fühlte mich auch nicht angesprochen.

        Zur Lewitscharoff ein anderes Mal. Ich muss sie zunächst lesen, morgen, übermorgen oder nächstes Jahr. Wie es sich ergibt. Wollte auch nur sagen, der Roman reizt mich. Kann sein, ich bedauere das, wenn gelesen………aber ganz einfach will ich es mir nie machen.

    • Solange Sie mit mir lachen, habe ich keinen Grund, missmutig mit den Zähnen zu knirschen.
      Was das Verständnis angeht, glaube ich, finden sich in den Kommentaren ganz hilfreiche Erläuterungen; ich sehe zumindest dort, dass nicht alleine mich dieses Thema umtreibt. Freundlichst grüßt Herr Hund

  4. Etwas sehr Ketzerisches dazu: viele der Buchblogger haben doch auch entdeckt, dass man auf diese Art und Weise umsonst an die Bücher herankommt, für die man sonst sehr viel Geld hinblättern müsste. Zudem wird es kein Verlag versagen, auch andere Lektüre dort preiswerter zu beziehen (Lesexemplare/Presseexemplare). Auch das trägt letztendlich zum Untergang der kleinen Buchhändler bei. Die Schuld liegt aber hier bei den Verlagen.
    Es gibt im Netz sehr gute, ernste Buchblogger, die oft aber gerade nicht Bücher des Mainstream rezensieren.
    Jedes Ding hat zwei Seiten…so auch hier.
    Mit aufgeweckten Grüßen vom Dach Karin

    • Es war doch lediglich eine kleine fiktive Übertreibung von mir, eben ein Traum, unlogisch und sprunghaft. Ausgewogenheit war hier nicht zu suchen. Aber Sie haben haben natürlich recht mit ihrer „Ketzerei“, und ich gehöre ja selbst dazu, die diesen Vorteil zu nutzen suchen. Die sehr guten Buchblogger kenne ich natürlich. Diese werden auch gelesen, sofern es die Zeit zulässt. Mich selbst zähle ich im Übrigen nicht dazu. Ich bin zu versponnen.
      Liebe Grüße kurz vor Kaffee, Herr Hund

      • Guten Morgen, lieber Herr Hund,
        nein…Widerspruch…..Sie gehören nicht dazu, weil Sie Buchhändler sind und da ist es rechtens, Leseexemplare zur Verfügung gestellt zu bekommen.
        Und genauso haben „versponnene“ Buchblogger ihre Daseinsberechtigung!
        Liebe staubwedelnde Grüße
        Karin

  5. Pingback: Monotonie in der Südsee, Alpträume mit Herrn Hund und alles das am Katzentisch. – Sätze & Schätze

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