Gerbrand Bakker / Jasper und sein Knecht / übersetzt von Andreas Ecke / Suhrkamp

Manche trauen sich nicht so recht, zu mir hereinzuschauen. So würde es auch mir gehen, ich würde mich schämen, einen Schriftsteller in einem Keller zu beobachten.

Der Schriftsteller zeigt sich und wir schauen zu. Was er sich abgerungen und in Worte hat fassen können, wir lesen’s, freuen oder ärgern uns, Deckel zu und gut. Da ist selten sehr viel Scham im Spiel, ein zaghaftes Herantasten. Es steht da, um gelesen zu werden. So einfach ist’s. Der Autor ist nicht mein Freund, kein Anverwandter. Also nicht diese Art von Sensibilität.

Mit Experimentellem tut man sich da leichter. Mit Fiktionalität tut man sich leichter. Und hier jetzt die Offenheit eines Autors, seine Lebenserschreibung, zwischen aus heutiger Sicht, alles immer aus heutiger Sicht und dass durch das Schreiben das erst überhaupt greifbar wird, das verdrängt wurde, das mit Hilfe der Sprache erst bewältigt werden kann.

Was man nicht benennt, ist nicht wirklich.

Er kämpft mit seinem Wortschatz, den er für dürftig hält, er hielt lange Zeit aus Selbsterhaltung Abstand zu dem, was er lediglich mit sich geschehen ließ. Er erzählt von seinen Depressionen. Und an dieser Stelle wird es nun für mich schwer, Abstand zu halten, mir meine eigene Wahrheit zu schaffen und mir so seine Biographie vom Leib zu halten. Ein Mensch tritt hervor, der ist nicht deckungsgleich, man ist dennoch versucht, ihn zu vereinnahmen.

Manchem gelingt es nicht mit Fiktionalem, zu trennen, verurteilt den Autor für die Verfehlungen seiner Figuren, verlangt Mäßigungen. Das ist jetzt ein wahrhaftiger Text, so gut es geht und man es erwarten kann. Das geht umso näher, mehr, da es einen betreffen könnte. Ich habe selten ein Buch gelesen, das mir so nahe kam, dass ich es dafür verwünschen möchte. Selten deswegen, nun aus ebendiesen Gründen überhaupt dafür Worte zu finden. Bakker schildert seine eigenen Krisen; ich mache sie mir zu eigen. Besser wäre es im Grunde, zu schweigen und die Lektüre für sich zu behalten, so beeindruckend sie ist.

Geht nicht. Biographie beiseite, ist doch die menschliche Anstrengung zu würdigen. Ich nehme Bakker alles ab, wahr oder von der Erinnerung ein wenig arrangiert. Da brauche ich nicht ins Detail gehen, ihn auf Kleinigkeiten festnageln. Wer weiß schon von sich selbst, ob’s so gewesen ist. Deswegen ist man ja kein Lügner. Und wenn, so wird’s Gründe geben.

Und wenn man erzählt, von seinen Krisen, von seinen Depressionen und es so kann, wie Bakker, wird’s einen rühren

So dass die Leute auf dem Heimweg vielleicht noch eine Weile an diesen lustigen holländischen Schriftsteller dachten, ihren Männern oder Frauen oder Katzen von dem Witzbold erzählten, der behauptete, depressiv und einsam zu sein, hahaha, dabei haben wir so gelacht – und zufrieden ins Bett gingen.

Und kaufen dann ein Buch eines anderen Schriftstellers mit seiner Geschichte..

Und all das ist völlig in Ordnung.

Ich habe gerade gelesen, Bakker hätte die Absicht, keinen weiteren Roman mehr zu schreiben. Es mag Gründe dafür geben. Ich würde das nach Lektüre dieses Buchs sehr bedauern. Dieses jedenfalls klingt länger und heftig nach. Ich habe einen neuen Autoren für mich entdeckt.

„Jasper und sein Knecht“ von Gerbrand Bakker (Suhrkamp 2016)

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11 Gedanken zu “Gerbrand Bakker / Jasper und sein Knecht / übersetzt von Andreas Ecke / Suhrkamp

  1. Lieber Herr Hund,
    es hat Ihnen aber doch bestimmt auch gut gefallen, dass es nun eben nicht mehr so hierarchisch zugeht wie bei Thomas Mann, der die Beziehung zum Hund ja ganz programmatisch mit „Herr und Hund“ bezeichnet hat, sondern der Hund nun auch ein Individuum mit eigenem Namen ist und einen Knecht zur Seite hat, der vor 100 Jahren noch der Herr gewesen ist. Das sind doch wunderbare gesellschaftliche Veränderungen, oder? Was meinen Sie dazu?
    Viele Grüße, Claudia (dienstbarer Geist von Felix und Linus)

    • Glauben Sie mir, ich hätte noch sehr viel zu diesem Buch zu sagen, allein, ich stecke in einer kleinen Sinn- und Schaffenskrise und die Schreiberei strengt sehr an und genügt nicht mehr. Das Verhältnis von Hund zu Mensch war natürlich mit ein Grund, warum ich so sehr angetan gewesen bin von dem Buch; ich komme vielleicht später noch einmal darauf zurück. Freundlichst Herr Hund

      • Das wollen wir unbedingt wissen, Herr Hund, was Sie sagen zum modernen Verhältnis von Hund und Mensch. Ganz unbedingt sogar :-)! (Bis dahin bin ich dann hoffentlich auch mit der Lektüre fertig.)

  2. Von Bakker habe ich nur eines gelesen: Oben ist es still. Das hatte mich sehr berüht. Ich denke, es wird wieder mal Zeit für Herrn Bakker.

  3. Die Geschichte vom Hund und seinem Knecht liegt auch bei mir bereit, und Sie, Herr Hund, haben jetzt großes Verlangen ausgelöst. Wann ist denn endlich dieses Wochenende, an dem man angeblich Lesezeit für solche Bücher hat?!
    Wünsche Ihnen, bald aus der Krise herauszufinden, mit neuen, großartigen Geschichten.

  4. Pingback: Nederlandstalig! Gerbrand Bakker – Jasper und sein Knecht | 1001 Bücher - das Experiment

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