Candy Bukowski / Wir waren keine Helden

„Weil…!“
Wenn ich meine Mutter fragte, warum muss ich jetzt schon ins Bett.
„Weil…!“
Oder sie war großzügig und geduldig.
„Weil ich es sage.“
Da war alles erklärt und kein Widerwort mehr.
Weil…
Wenn ich dann doch nachhakte, tat’s manchmal weh.

Ich mag das Wort „Weil“ wohl auch deswegen nicht, obwohl davon so schwer zu lassen ist. Weil es so oder so ist, glaubhaft, da weißte Bescheid. Aber Leben passiert und Fragen nach den Gründen zumeist lebenshinderlich. Verdammter Ordnungssinn. Leben nach vorne, verstehen nach hinten (Kierkegaard).

Alles an Candy Bukowskis Roman ist Wehmut, warum ist’s so gekommen – und wieder vergangen, vor Allem vergangen. Es war doch gar kein so schlechtes Leben und Lieben. Meine, Pete, Luke, Mike oder Silver, die waren doch ganz brauchbare Partner zu ihrer Zeit. Das ein oder andere Missgeschick, passiert.

Candy Bukowski ist dann am besten, wenn sie erzählt. Wenn sie erklärt, verstehe ich es nicht. Verstehe die Gründe nicht. Verstehe nicht das angehängte „weil…“, das so oft zu finden ist. Mir sind es mehr Beschwörungsformeln, es hätte aus diesen Gründen so sein sollen; dann hätte, was passiert ist, wenigstens diesen Sinn.

Wäre dies Leben nur einfach erzählt worden, wäre das Leben nur einfach Erzählung, dann wäre es kurzweilig, dann wäre mehr zu verstehen gewesen. Dann würde man sich wahrscheinlich gar nicht einmal fragen, was soll’s und was hat es zu bedeuten. Dann wäre es rund. Dann wäre es gelungen.

Allein es wird gefragt und reflektiert und es werden doch nur unbeholfene Antworten gegeben. Besonders läuft es schief, wenn es um Liebe geht. Zu viele Fragen, die man doch nicht unterlassen kann, verderben den positiven Gesamteindruck. Am Ende steht man wieder allein, macht aber weiter. Das ist das Heldenhafte.

Mehr erzählen, weniger reflektieren. Dann wird (Lebens-)Kunst daraus. Aber das ist verdammt schwer, hier wie dort.

Dennoch habe ich Candy Bukowskis Roman gerne gelesen. Warum? Weil….

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Candy Bukowski: Wir waren keine Helden

XXXII. Extremlesen ODER Horrorclowns sind Luschen

„Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“ , Schiller (Dichter, Schwabe, Lusche)

Ich verstehe Halloween nicht. Ich verstehe das Konzept nicht. Ich fühlte mich auch nicht bedroht von diesem Dreikäsehoch-Sith, der da vor mir stand mit seinem Plastiklaserschwert. Obwohl es unangenehm hätte werden können, inmitten des Süßwarenladens, in dem ich stand. Süßes? Jede Menge. Saures? Möge die Macht -und diese Schokolade mit knappem MHD- mit Dir sein, aber jetzt raus.

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Ein Horrorclown war nicht dabei. Was hätten wir gelacht. Für uns kommt nach Tischer lange nichts. Tischer macht nicht Angst. Es ist eher das Gefühl von Machtlosigkeit. Angst verfliegt, es ist nur eine Maske. Die Machtlosigkeit bleibt. Man, frau, es heißt, sich abzufinden. Halloween, das wahre, das wäre ein von Tür zu Tür von Tischer, „Süßes egal, auf jeden Fall Saures.“

Ein Horrorclown mit Tischer ein halbes Minütchen allein in der Besenkammer, ein Wiener Sängerknabe würde nicht heller nach seiner Mami singen. Der Mensch ist meist nicht besonders mutig. Er sucht eine Unterlegenheit und dahin zielt sein Spass. Erbärmlich.  An Tischer, da kannst du lange suchen. Vorher aber hat er dich gefunden. So läuft das Spiel. Das echte Spiel. Für Über-Mutige. Stell Dich dem Unausweichlichen. Arrangiere Dich. Das ist nichts, was auf einen Tag fällt oder nur neunzig Minuten dauert. Es ist eine Entscheidung für’s Leben, wenn Du Dich auf einen Tischer einlässt.

Ich habe dieses Buch begonnen, war zunächst amüsiert, was sich die Menschen alles einfallen lassen. Ihre Langeweile treibt Blüten der seltsamsten Art. Vieles nicht von Dauer. Dann fällt mir die feige Grausamkeit ins Auge: Bärenhatz, Löwenhatz, alle möglichen Tier, die auf kreativste Weise gequält und zu Tode gebracht werden. Heute gibt es Fussballstadien und Legebatterien. Der Mensch hält es nicht lange aus, ohne irgendwie es ausleben zu können.

Meine aktuelle Sportart ist das Extremlesen. Nicht dass es mich fitter würde werden lassen, noch meine Lebenserwartung deswegen steigen würde. Allein, es stärkt die Nerven, rede ich mir zumindest ein, da ich mit Tischer leben muss und starke Nerven nicht die schlechteste Voraussetzung dafür sind. Es wäre auch zu nennen „Die Tischerhatz“, nur dass die Rollen vertauscht sind, wo ich auch hinwill, ist er schon da und besonders wenn ich mich in Lektüre (lohnenswert? ja, kommt man an ein Ende, des Satzes, der Seite oder irgendwo sonsthin) vertiefen möchte, ist da diese gestreifte Aufmerksamkeit, die mir alle nimmt, weil sie Meiner bedarf und ich also für irgendwelche kleinen oder großen Aventiuren herhalten muss.

Les‘ da mal, wie es sich gehört. Ich bin noch Amateur, lege das Buch also nach kurzer Zeit zur Seite, wende mich untertänigst und geschlagen seinem Befinden zu, mir meiner Luschenhaftigkeit bewusst und füge mich. Mein Gott, ich bin ein erwachsener und kultivierter Mann, doch wenn ich mir einen Tischer ins Haus hole, wer ist dann selber schuld … Genau.

Aber ich liebe ihn. Möge die Ohnmacht mit mir sein.

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Enzyklopädie der vergessenen Sportarten, Edward Brooke-Hitching (Liebeskind Verlag)

(Empfehlenswerte Lektüre. Dass die „Tischerhatz“ nicht erwähnt wird, versteht sich, weil die Partie noch im Gange ist, steht der Sieger auch fest)