Don Quixote in Japan – Marion Poschmann „Die Kieferninseln“

Kieferninseln

Es ist interessant, dass Socken in Japan so günstig sind. Und ein Wald für Selbstmörder, dass einmal im Jahr von Tagelöhnern die Leichen weggeräumt werden müssen, das ist furchtbar interessant. Das mit den Bäumen ist sehr interessant. Ganz Japan ist interessant, furchtbar interessant. Aus Japan, über Japan. Interessant, interessant. Basho kannte ich noch nicht. Klingt aber interessant. Haikus, wahnsinnig interessant. Und das mit dem Tee. was soll ich sagen?

(…) wie es im übrigen dem regelhaften Verlauf entsprach, dass das Interesse an den Einzelheiten wuchs, je mehr man sich in ein Gesamtsystem vertiefte.

Gilbert, vorübergehend Experte für Bartologie, ein Akademiker ohne Persönlichkeit, träumt, seine Frau betrüge ihn, glaubt das (und warum auch nicht, wenn die Unterschiede so klar nicht sind) und nimmt Reißaus nach Japan, weiter geht nicht. Von einem Kaffeeland ins Teeland. Vom Klaren ins Vage.

Don Quixote im Fernen Osten, findet da seinen Sancho, den jungen Japaner Yosa. Der neigt zum Selbstmord. Gilbert nimmt ihn unter seine Fittiche. Und sie gehen gemeinsam auf Pilgerreise, auf den Spuren des Haiku-Dichters Basho. Manche Station wird ausgelassen; man ist nicht mehr nur zu Fuss unterwegs. Das letzte Ziel sind die Kieferninseln bei Matsushima. Und sie dichten Haikus (im Geiste Bashos), die besseren natürlich Gilbert. Als Gilbert und Yosa sich aus den Augen verlieren, schreibt Gilbert kurzerhand für beide und schiebt das schwächere, das sentimentale, depressive Haiku dem Abwesenden zu. (Abwesend? Es könnte ein Gedanke sein, zu glauben, einen Yosa hätte es gar nicht gegeben.)

Der Dozent, wahrlich nicht ungeschickt darin, sich ein Thema anzueignen, es interessant zu machen, nicht nur für sich selbst, doch dabei nichts Substantielles hervorzubringen, impotent zu bleiben, treibt am Schluss seinem Traum-Ziel entgegen.

Gilbert stellte sich den Vollmond über schwarzen Kiefern vor. Ein silbriges Licht, ausgegossen über stoppeligen Silhouetten, den struppigen Physiognomien alter Landstreicher, Wandermönche, Künstler mit knielangen Bärten. Er grinste aufgeregt in die Tiefen seines Zimmers, in die Tiefen des Weltalls, und boxte sich das übermäßig nachgiebige Kissen zurecht. Er hatte ein Ziel.

Seltsamerweise ist Gilbert genau dann näher dran an Gegenwart, bei Nacht, im Traum, wenn da keine Kontrolle mehr ist, keine Vernunft, nicht mehr das Buchwissen des Intellektuellen, der sich, bei Tage besehen, verloren hat. Es hieße loslassen, um den magischen Moment einzufangen, zu erleben.

Laubfärbung ist reine Gegenwart, sie ist bis zu einem gewissen Grad unvorher-sehbar, sie lässt sich schlecht einplanen, und schon gar nicht weit im voraus. Wer das rote Herbstlaub zu sehen begehrt, muss alles abschütteln, muss alles hinter sich lassen, und los.

Die Natur in diesem Buch ist reinste Gegenwart, soweit das Literatur leisten kann und wie Gilbert sie in seiner hilflosen Arroganz und akademischen Analyse zu erfassen sucht und in ihr sein Heil, macht den besonderen Reiz und auch Humor des Romans aus. Es ist nicht mehr zu haben, wie ein Basho es vielleicht noch fassen konnte. Pilgerziele sind Ausflugtipps geworden.

(…) den Kirschbaum zu spalten, um die Blüten zu finden, sei die falsche Vorgehensweise.

Das Buch war/ist ein Erlebnis, vor allem auch ein Naturerlebnis. Mir tun alle leid, die es interessant finden und meinen, damit wäre alles gesagt. Ist es nicht. Ist es nie.

Wie heißt es am Ende, wenn Gilbert daran denkt, Mathilda anzurufen, sie möge zu ihm nach Japan kommen: Die Laubfärbung beginnt.

Marion Poschmann: Die Kieferninseln. Suhrkamp

Unterstützende, empfehlende Besprechung bei literaturleuchtet

 

 

 

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5 Gedanken zu “Don Quixote in Japan – Marion Poschmann „Die Kieferninseln“

  1. XXVI. Traumziel Matsushima – eine Prachtlandschaft
    ein wenig Basho für Sie:
    XXVI. Traumziel Matsushima – eine Prachtlandschaft

    Oft genug wurde es behauptet: die Bucht von Matsushima ist des Fusô genannten Japanlandes schönste Landschaft. Sie steht Chinas Tung-T’ing- und West-See in nichts nach. Von Südost her läßt sie die See herein. Ihr Durchmesser beträgt drei „Meilen“. Die Flut staut sich in ihr wie an der Mündung jenes Flußes in Chê-chiang. Unerschöpflich ist die Zahl ihrer Inseln: die da aufragen, deuten wie mit dem Zeigefinger gen Himmel; die da flach sind, kriechen bäuchlings auf den Wellen. Es gibt auch welche, die doppelt übereinander liegen oder dreifach sich schichten. Wieder andere sehen von links wie gespalten aus, von rechts aber zusammenhängend. Diese scheint eine zweite auf dem Buckel zu tragen, jene wiederum ein kleineres Inselchen, so, als umarmte sie zärtlich ein Kind oder Enkelkind. Dunkelgrün stehen die Kiefern. Ihr Geäst, ständig vom salzigen Seewind durchrüttelt, ist durchweg verkrümmt: dies von Natur aus Knorrige und Gewundene sieht aus als wäre es noch zusätzlich, nämlich von Menschenhand getürmt. Eine Landschaft von tiefinnerer Anmut – gleich einer Frauenschönheit mit einem Antlitz, kunstvoll zurechtgeschminkt. Ob es ein Werk des Gipfelgottes Ôyamatsumi aus der Zeit allgewaltiger Götter ist? Meisterwerke Himmlischer Schöpfergottheiten – welcher Mensch könnte sie ausführlich genug mit dem Pinsel oder mit Worten beschreiben?
    entnommen: Auf schmalen Pfaden durchs Hinterland Handbibliothek Dieterich

    in 15 Minuten wissen wir es, ob sie den Preis bekommt

    Gespannter Gruß vom Dach, Karin

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