Spocks Gehirn und meins (ein Alpträumchen)

Böse Menschen sind’s gewesen, die mein Gehirn geklaut hatten; der Vorgang, als hätte ich es nur geträumt, sehr unklar, und dass ich davon erzählen kann, bewiese, ich hätt’s nun wieder. Oder ist tatsächlich sicher, dass ohne Gehirn kein Schreiben und kein Mitteilen mit Worten? Warum aber der Diebstahl? Und warum wurde später die Beute wieder zurückgebracht? Mangelware? Mindesthaltbarkeit abgelaufen? Wie man’s kennt von der Kasse beim Discounter , der Zettel „wird zurückgerufen…Metallsplitter im Babymus“?

Mir zur Erläuterung, wie ich’s mir denke, da ich’s noch kann, mir Dinge denken, ein ähnlicher Fall: Sternzeit 5413.4, kurz vor Beginn der Mittagsschicht. Sie müssen durch den Lieferanteneingang gekommen sein. Die Diebe, weiblich, ließen das Gehirn des ersten Offiziers Spock mitgehen. Wegen der Not. Auf Ihrem Heimatplaneten war die computergesteuerte Heizungsanlage ausgefallen. Sie mussten irgendwie herausgefunden haben, dass das Gehirn des Vulkaniers gewisse Hausmeistertalente und altes Wissen verarbeiten konnte und dem Planeten folglich von Nutzen wäre, würde man nur in der Lage sein, dieses anzuschließen. Frauen und Technik, sie hatten es tatsächlich geschafft. In der Zukunft wird man sich nicht wundern darüber. Und so versorgte Spocks Gehirn den Planeten mit Wärme. Und Duschen war auch wieder möglich.
Allerdings, auch Kirk konnte nicht ohne Spocks Gehirn funktionieren. Kirk konnte ohne Spocks Gehirn sich tagelang nur immer wieder selbst sein Shirt zerreißen und den freien Oberkörper über die Schulter rollen. Das war Kirk zu wenig. Das war Egoismus, aber auch Männerfreundschaft, dass Kirk Spocks Gehirn wiederholen wollte. Und da es ein Planet voller Frauen war, ein Lächeln, ein Augenzwinkern, Mission erfolgreich. Manche Dinge, glaubt man(n), ändern sich nie.

 

Ganz so war es bei mir nicht. Für ganze Planeten, und wäre es nur die Heizungsanlage, wäre mein Gehirn nicht zu verwenden, nicht einmal, um auch nur einen Toaster zu betreiben. Und kein Kirk, Zuneigung für mich empfindend, würde meinem Gehirn nachstürzen, in unendliche Weiten, mit achthundert Mann Besatzung, die Frauen gar nicht mitgerechnet, und brächte mir wieder, was nach Taufschein und Copyright allein mir gehörte. (Tischer ist völlig egal, ob ich mein Gehirn habe oder nicht. Hauptsache, die Füße sind, wo sie hingehören und bringen ihn hin, wo er hingehört, in die nächste Aventiure)

Sie haben es einfach wieder eingesetzt, was schon sehr freundlich war. Schließlich hätten sie es auch auf irgendeiner Autobahnraststätte einfach aussetzen oder am nächsten Baum angebunden zurücklassen können. Und verarbeitet zu Ravioli haben sie, wofür sie keine Verwendung fanden, auch nicht. Mein Gehirn war wieder zuhause und landete nicht als Konserve im Supermarktregal.

Wer aber waren die, die es erst entwendeten und dann wieder zurückbrachten? Meine Eitelkeit meint, es wäre ein geheimes Konsortium von Buchverlegern gewesen, das feststellen musste, dass die ehemals konstruierte und bis hierhin einwandfrei laufende Buchbesprechungsmaschine das eben nicht mehr tat. Dass sie anfing, zu stottern und in den ungünstigsten Momenten aussetzte, wenn gerade ein Buch besonders hätte besprochen werden müssen. Und keiner kam darauf, woran es liegen könnte. Die ultimative Bedienungsanleitung war irgendwohin verschwunden -wie man es selber kennt-. So, bevor sie komplett den Dienst aufgab, musste schnellstens ein Gehirn gefunden werden, das sich darauf verstand und die Maschine wieder in Gang brächte, denn schließlich war bald Messe, die Vorschauen bereits gedruckt und es hätte unleugbar in einem Desaster geendet, würde man nicht rechtzeitig ein solches gefunden haben.

Lassen wir meine Eitelkeit kurz schmollen darüber, dass es wohl mit diesem besonderen Gehirn nicht so funktionieren wollte, dass tatsächlich die Maschine nun erst recht aussetzte und ihren eigentlichen Dienst, für die sie entwickelt worden war, nicht wieder aufnahm, es also wieder entfernt werden musste und man lieber das Stottern in Kauf nahm, bis ein taugliches Gehirn gefunden oder eben ein Algorithmus entworfen worden wäre, der Besprechungen berechnen und auf etwas so Unsicheres wie die menschliche Eigenwilligkeit verzichtet werden könnte, so wird sie sich schnell wieder fangen und sich einreden, dieses Gehirn ist etwas ganz Besonderes und soll es sein.

Mein Gehirn ist nicht vulkanisch und also nicht geeignet, eine Maschine am Laufen zu halten. Wie dankbar ich doch dafür bin, nicht Teil einer Maschine zu sein. (so so!!!?)

Wenn sie nur beim Wiedereinsetzen des Gehirns keine Fehler gemacht haben und ich weiterhin so funktioniere, wie zuvor…………………………………………………………………….

Nur, dass ich die Vermutung habe, es mag sich ein Bloggerhirn finden, das besser geeignet wäre für solch eine Maschine.

Advertisements

XXXV. Das Meer so

AF95067C-5418-448F-980D-B07650B4908A

„Meer ist auch nur Wasser. Der Horizont ein Strich. Wasser ist Luft, nur dicker. Luft ist Nichts. Wasser ist dickes Nichts. Der Sand kratzt mir am Po.“

Das ist Tischer? Tischer ein Dichter? Worte sind doch nicht seins. Ist bekannt, ja? Sind lange her, die Tischer-Aventiuren. Wer‘s nicht weiß oder vergessen hat: Tischer liebt Aventiuren ja, Worte, zu viele davon, also mehr als „Hopp Hopp“ und „Dahin, dorthin, schneller jetzt“, nein. Sehr verwunderlich das Ganze also. Tischer ohne Dichterlederjacke dichtet. Hat keine Locke, aber dichtet. Was ist geschehen?

Das Meer. Die Monotonie und Eintönigkeit. Der graublaue Himmel. Keine U-Boote. Keine Zeppeline. Keine Wasserfeuerdrachen. Ein großer Ast ist die größte Abwechslung im Bild. Ein großer Ast ist keine Aventiure. Kein Hobel und kein Hammer, um aus dem Ast eine Dschunke mit Kabinen zimmern zu lassen. Kein Baumarkt irgendwo, der Hobel und Hammer verschenkt. Kein Geld, um etwa mich irgendwo hinzuschicken, dass die Dschunke später auslaufen könnte, die Ostsee runter, den Amazonas rauf und einmal Länge mal Breite quer. Nichts.

Es ist lediglich eine Vermutung, aber Dichter sind empfängliche Seelen, die nur keine Dschunke haben. Niemand mit Dschunke würde dichten. Das wäre doch eine falsche Prioritätensetzung, ganz überflüssig wäre das. Oder kennt nur einer einen Dschunkenkapitän oder -eigner, der dichtet „O du mein Herz, O du mein Weh etc.“? Was zu beweisen war.

Und so passierte es, leidenschaftlicher Tischer ohne Dschunke, die ganze Aventiurensehnsucht bahnt sich ihren Weg und verdichtet sich. Ist es gut? Sagt mal, ist das so das gängige Niveau? Berührt es gar? Ist es Symbolismus oder Pflaumenmus?

Allerdings und offen gestanden, es war nur ganz kurz, eine minimale Schwäche, die sich Tischer erlaubte. Diese paar Zeilen sein Wortwerk. Mehr kommt vorerst nicht mehr an Gedichten, wenngleich durchaus es da so ein Buchprojekt gibt, das unser Gestreifter mit sich herumträgt, während ich Tischer trage. Das Projekt ist noch nicht sehr groß, so kann auch Tischer noch leicht getragen werden. Allein sollte es wachsen und Dichtung ansetzen, so könnte ich bald eine Schubkarre brauchen bzw. selbst eine Dschunke für den Seeweg.

Tischers Projekt, sofern ihn ernste Aventiuren nicht aufhalten, ein Wurstbudenführer, weltweit, die Besten natürlich nur, mit Senf aus Eimern und Ketchup dazu und darunter Würsten. Das wäre ein Werk und könnte mithalten, sich einreihen glatt. Und in hundert Jahren, sollte es dazu kommen, hat wirklich jeder Tischers Wurstbudenführer als Paperback oder 3D-Film immer dabei, pilgert entlang der Wege von Bude zu Bude, die auch Tischer getragen wurde und isst an den Orten die Wurst, den Senf und das Ketchup, wie es im Werke steht und von Tischer in Jamben oder eigenem Versmaße gedichtet wurde. Vielleicht machen die, die es ernst nehmen und empfänglich sind dann auch diese ganz bestimmte poetische Erfahrung, sofern einer überhaupt die Wurstbudenerfahrungen eines Tischers machen kann, ist er nicht Tischer selbst.

Wir werden sehen.

Falls einer der Blogger dann ein Rezensionsexemplar haben möchte, Vegetarier sollte er nicht sein. Das würde das Ergebnis verfälschen.

Joseph Andras / Die Wunden unserer Brüder / übers. von Claudia Hamm / Hanser Verlag

Andras

Schnell, bevor es verraucht ist, kalt geworden ist, bevor ich beim nächsten Buch schon bin. Auch auf die Gefahr hin, zu unreflektiert zu sein in meinem Urteil, unsinnig und distanzlos. Ich drücke meine Begeisterung aus: es war wie eine Andacht. Es ist nicht weniger als eine Heiligenlegende, zumindest aber die Geschichte eines aufrechten Menschen. Da steht, es wäre eine Lektion in Mut. Ich würde gerne glauben, ich habe sie gelernt. Ich würde gerne glauben, Literatur kann das.

Ich knie nieder vor Fernand Iveton in seiner Gefängniszelle, weine mit ihm, um ihn, weine um mich selbst. Wirken sie lange nach, die Tränen. Iveton, der im Algerienkrieg als einziger Franzose unter die Guillotine kam, weil er sich gegen Frankreich stellte, für eine Bombe, die kein Menschenleben forderte. Nackte Ungerechtigkeit. Fernand Iveton, ein Kommunist, der liebt. Warum sollte er nicht lieben können? Héléne, die wunderschöne Héléne, ebenso aufrecht und standhaft, bleibt, da das Beil fällt, zurück.

Die Grausamkeiten eines Landes, das zehn Jahre zuvor noch die Befreiung feierte, von Unmenschlichkeit und Barbarei; wie wenig gehört dazu. Wie sehr acht muss man geben.

Ein Knüppel von einem Buch auf gerade 160 Seiten, es prügelt einem ein die Liebe zur Wahrheit, die Liebe zur Liebe. Schlag, schlag, ich möchte es nicht vergessen. Chapeau Herr Autor, Sie verstehen es, ganz kunstfertig und voller Poesie einen mit solchen Schlägen niederzustrecken.

Ich reiche nach, mein Buch 2018, ein Buch aus 2017: Joseph Andras – Die Wunden unserer Brüder, erschienen im Hanser Verlag.

Nüsse, Eier, Literatur

F5BD3BE4-99CF-4BD3-B7C5-89C955CF777CEin lieber Mensch, er konnte es nicht wissen, da ich es ihm nie gesagt habe, schenkte mir kurz vor Weihnachten Erdnüsse. Er hat sie eigenhändig geschält, jede einzelne. Ich liebe Erdnüsse, Nüsse überhaupt. Was hinzukommt und mir gefällt, ist, selbst den Kern von seiner Schale zu befreien, bevor ich ihn mir genüsslich in den Mund schiebe. Der Kern ist schön, groß und heil geblieben, ich war geduldig und mit ruhiger Hand, das freut. Und auch beim gekochten Ei, dieses ordentlich abgeschreckt, ist es beinahe religiös, zumindest aber ein Ritual, wenn ich es, zur Hälfte des Frühstücks, langsam und vorsichtig pelle, es dabei immer wieder von allen Seiten betrachtend. Ein ordentlich gepelltes Ei ohne Schrammen ist ein vollkommener Anblick. Und dann verschling ich es mit doppeltem Genuss.

Das Lesen nun ist eben solch ein Schälen und Pellen. Und natürlich ist der Kern, der Inhalt eines Buchs nicht ohne Belang. Es gibt gute wie schlechte Bücher, natürlich, wie es Nüsse aus guter wie schlechter Ernte gibt. Doch der Mehrgewinn erzielt sich aus dem geduldigen und aufmerksamen Schälen und Pellen. Das gilt für Bücher ebenso. Nicht allein der Inhalt zählt dabei, sondern, wie man es anfasst, behutsam, langsam die Seiten löst, um dann, wenn man nicht überhastet, sie alle hat lösen können, und einen Kern zutage förderte, der, so wie er ist, außerordentlich schön ist.

Doch wie auch immer das Ergebnis ausfällt, es wird -für mich gesprochen- nicht das sein, was zu erreichen ist, schält man nur richtig. Und selbst, wenn sich herausstellte, dass es eine hohle Nuss ist, ein Windei, so sollte wenigstens das Pellen und Schälen, das Seitenlösen und -lesen ein Wert für sich gewesen sein und nicht ohne Gewinn.

(Und so will ich nun lesen wie ich Nüsse und Eier schäle und pelle, ohne Eile, einigermaßen fingerfertig und nicht zu sehr fixiert auf ein mögliches Ergebnis, das dann mitzuteilen wäre.)